Das vorliegende Buch gehört zu den Fantasy-Abenteuer-Spielbüchern (auch als Solo-Rollenspiel-Abenteuer bekannt), die man nicht wie gewöhnliche Bücher liest, sondern die den Leser zum interaktiven Helden der Geschichte werden lassen. Fähigkeiten, Geld und sonstige Besitztümer des Helden werden auf einem "Charakterblatt" am Buchanfang notiert. Der gesamte Plot ist in nummerierte Abschnitte unterteilt. Am Ende jedes Abschnittes kann bzw. muss der Leser/Held unter zumeist mehreren vorgegebenen Möglichkeiten entscheiden, wie es weitergehen soll. Dann blättert man zu der unter der gewählten Möglichkeit angegebenen Abschnittszahl und liest dort weiter. "Stirbt" der Held während des Abenteuers oder hat er sich in eine Sackgasse manövriert, muss man wieder von vorn beginnen. Je nachdem, welche Wege der Leser/Held durchs Abenteuer wählt, kann man es so immer wieder anders erleben - bis man es erfolgreich beendet hat!
Ich sollte noch erwähnen, dass ich seit langem großer Fan solcher Abenteuerspielbücher bin, ich allerdings die
Zwerge-Romane von Markus Heitz, in deren Welt die Handlung des vorliegenden Spielbuchs angesiedelt ist, nicht kenne. Insofern kann ich nicht beurteilen, ob Heitz-Fans nicht schon bei der bloßen Erwähnung von Namen wie König Gandogar, Tungdil Goldhand oder Magus Nôd'onn in Verzücken ausbrechen (Viel mehr als die bloße Erwähnung dieser Namen kommt aber auch nicht vor). Betrachtet man "Die dritte Expedition" jedoch ohne Vorkenntnisse nur als reines Fantasy-Abenteuerspielbuch, ist das Ergebnis eher enttäuschend. Die Regeln, zu denen meine Vorrezensenten sich schon zur Genüge geäußert haben, sind wie erwähnt zwar einfach, eingängig und ganz in Ordnung. Aber der Leser wird ohne große Vorerklärungen in eine Fantasy-Geschichte hineingeworfen, die zunächst dünn, aber scheinbar geradlinig beginnt und dann immer abstruser wird.
Man schlüpft in die Rolle eines abenteuerlustigen Zwerges, der an einer Versammlung der Zwergenstämme zur Wahl eines neuen Hochkönigs teilnimmt. Hierfür gibt es nur zwei (warum eigentlich nur zwei?) Anwärter: den Clanführer König Gandogar und den Außenseiter Tungdil. Um zu entscheiden, wer von ihnen Hochkönig werden soll, sollen sie einen Wettstreit führen und die legendäre Axt Feuerklinge zurückbringen. Und schon geht es los, ohne dass man etwas über die Axt Feuerklinge erfährt. Es wird auch nicht beleuchtet, ob es sich um eine ernsthafte Suche nach einem wo, wie oder warum auch immer verschollenen Artefakt oder eine Art Wettlauf nach einem versteckten Preis handelt. Ein verwirrender Hinweis des Zwergenrates lässt den Leser zudem darüber im Unklaren, ob man die Axt finden oder (wieder) herstellen soll. All dies wird übrigens mal eben im ersten von 408 Spielabschnitten abgehandelt!
SPOILERWARNUNG!
Der Leser/Spieler/Held versucht nun vergeblich, sich einem der Thronanwärter anzuschließen und macht sich letztlich als die titelgebende "dritte Expedition" allein auf die Suche.
Einige Abschnitte später landet der Held dann durch Zufall in einem unterirdischen Dungeon-Parcours aus mysteriösen Ritualräumen, Rätseln und Fallen - auch hierzu wird nicht erklärt, wer diesen Parcours errichtet hat oder warum eigentlich. Dann gibt es plötzlich Nebenquesten, die mit dem Haupthandlungsstrang selbst nichts zu tun haben. Und nach einer Weile stellt sich schließlich heraus, dass es hier gar keine Axt Feuerklinge zu finden gibt (???) und der Held die Zwerge lieber vor einem drohenden Hinterhalt der Orks und einem Verräter in den eigenen Reihen warnen soll. Na schön, aber durch eine schwere Verletzung aufgehalten, kehrt der Held hierfür fast zu spät zum neuen Zwergenhochkönig zurück, der bereits zu einer Schlacht gegen die Orks rüstet. Dies ist jetzt plötzlich der frühere Berater des alten Hochkönigs - Gandogar, Tungdil und ihre Expeditionen werden gar nicht mehr erwähnt! Und nachdem der Held quasi nebenbei den Verräter entlarvt und den neuen Hochkönig brav gewarnt hat, endet die ganze Geschichte völlig abrupt zu Beginn der erwähnten Schlacht...
FAZIT: Tut mir leid, falls ich mit meiner Inhaltsangabe zuviel verraten haben sollte, aber was es zu erfahren gibt, ist - wie geschildert - ohnehin alles sehr verwirrend, unausgegoren und wenig linear, kurz: unbefriedigend. Oder man muss zuvor doch unbedingt zumindest eines der Zwerge-Bücher von Heitz gelesen haben! Ob dies "Die dritte Expedition" aber lesens-/spielenswerter macht... ich glaub's nicht. Zumal wiederzuerkennende Romanelemente anscheinend nur angerissen oder gestreift werden.