Als großer Englandfan möchte ich die Geschichte von Charlotte Lyne über den Schatzfund von Sutton Hoo hervorheben: großartig geschrieben, ein faszinierender Brückenschlag über die Jahrhunderte.
Des weiteren DER GOLDENE FINK von Bernhard Walter Kempff, eine Geschichte, die ich schon in meiner Kritik zu Bernard Cornwells DAS ZEICHEN DES SIEGES lobend erwähnt habe. Der Autor schafft es hier, auf dem eng begrenzten Raum einer Kurzgeschichte unglaublich präsente Charaktere zu schaffen. Ausufernde Gräueltaten wie bei Cornwell werden dem Leser erspart, trotzdem dürfte der Showdown nichts für zarte Gemüter sein.
Frank Beckers DER BLINDE VON BAGDAD ist ebenfalls bemerkenswert, vor allem, weil sich hier eine Prophezeiung auf höchst unerwartete Weise erfüllt. Schöne Geschichte, in den Dialogen ein bißchen wie Tausend Und Eine Nacht, allerdings ohne Wunderlampe und Happy End. Vielleicht wird man nach dieser Lektüre seinen Teppich mit anderen Augen sehen:)
Generell kann man sagen: Dieses Buch sorgt für Abwechslung. Wenn einen nicht besonders interessiert, ob Platon dem Tyrannen doch noch Manieren beibringen kann, dann kommt ein paar Seiten später die nächste Geschichte. Etwas Römerzeit, eine kräftige Portion Mittelalter und Renaissance, letztendlich auch ein Hineinspüren in die Neuzeit mit Eve Rudschies expressionistisch geschriebenem Portrait der Flora Tristan, einer Sozialistin der ersten Stunde. Der verknappte, atemlose und erbarmungslos unmittelbare Stil stellt das ruhelose Leben dieser Frau perfekt dar. Jeder der Autoren schreibt über ein Thema seiner Wahl und er tut das in seinem eigenen Stil. Nicht zuletzt dieser ständige Wechsel von Thema und Tonart macht das Buch herausragend.
Ich habe mal die Autorenportraits mit einem kurzen Abriß der einzelnen Geschichten kopiert, das ist nämlich hochinteressant:
DIE AUTOREN ÜBER IHRE GESCHICHTEN
FRANK S. BECKER
»Als Hintergrund meiner Geschichten bevorzuge ich wenig bekannte Umbruchszeiten oder dramatische Ereignisse. Ein gutes Beispiel ist die in der Kurzgeschichte beschriebene Auslöschung des Kalifats im Februar 1258 durch die von den Zeitgenossen als »Tartaren« bezeichneten Mongolen. Da historische Korrektheit für mich die Basis eines historischen Romans ist, beruhen sowohl die geschilderten Ereignisse als auch die zitierten Dokumente wie Hülegüs Brief und die Antwort des Kalifen auf zeitgenössischen Quellen.«
FREDERIK BERGER
»Das Schreiben des Romans >Canossa. Aus den geheimen Annalen des Lampert von Hersfeld< hat mein Interesse an den dramatischen Lebensgeschichten des salischen Kaisers Heinrich IV. und der Markgräfin Mathilde von Tuszien noch nicht abgeschlossen. In den Jahren nach Canossa bleiben beide in einer tragischen Verstrickung miteinander verbunden, und erst nach Heinrichs Tod gelingt eine Versöhnung der Markgräfin mit dessen Sohn und Nachfolger. Bevor Mathilde sich aus dieser Welt verabschiedet, zieht sie hier eine schonungslose Bilanz.«
GUIDO DIECKMANN
»Der vorliegende Beitrag über Admiral Coligny entspringt meinem jahrzehntelangen Interesse am Schicksal der Hugenotten in Frankreich.«
IRIS KAMMERER
»Leben und Philosophie des Atheners Platon habe ich intensiv studiert. Im Jahr 366 v. Chr. erhielt Platon die Chance, seine Staatsphilosophie in Syrakus zu verwirklichen, scheiterte jedoch an den Zwängen eines Tyrannenhofes.«
BERNHARD WALTER KEMPFF
»Die Schlacht auf der Heide von Towton, ein nie dagewesenes Gemetzel im Schneesturm, war das blutigste Treffen, das jemals auf englischem Boden stattgefunden hat. Selbst die vorsichtigsten Schätzungen sprechen von mehr als zwanzigtausend Gefallenen - und das ohne den Einsatz von Artillerie. >Sie ritten in den Schlund der Hölle, zwischen die Kiefer des Todes<, um es mit den Worten Tennysons zu sagen. Fiktiv ist nur der engste Kreis der handelnden Personen: Sir Humphrey Markham, Nicholas Sharpe, Tobias Blackheath und die Männer von Finchden. Selbst der Abschied des Königs von Sir Robert Horne ist historisch verbürgt. Man möge mir verzeihen, dass außer der >Lieben Frau von Walsingham< keine einzige Frau vorkommt.«
TANJA KINKEL
»Als ich für mein Buch >Venuswurf< recherchierte, stieß ich am Rande auch auf Quinctilius Varus. Dieses Ereignis, das in den folgenden zweitausend Jahren so unterschiedlich interpretiert und mit so vielen Bedeutungen aufgeladen wurde, ließ mich seitdem nicht mehr los; ich fand, man konnte es gar nicht anders als aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Als ich entdeckte, dass es einen Kommandanten namens Lucius Caedicius gab, der Aliso noch Monate nach Varus' Niederlage hielt und mit den Überlebenden erfolgreich zu Varus' Nachfolger gelangte, hatte ich meinen >Detektiv< gefunden. Figuren, denen es gelingt, Menschen aus einem Desaster zu retten, statt glorreich unterzugehen, sind mir schon immer die sympathischsten gewesen.«
KARI KÖSTER-LÖSCHE
»Eigene Erfahrungen mit Behörden im Zusammenhang mit gefährlichen Infektionserkrankungen gewann ich im Kampf gegen den Rinderwahnsinn. Die Rehabilitation des Lehrers Peter Plett liegt mir daher sehr am Herzen. Er propagierte eine zuverlässige, ungefährliche Impfmethode gegen die im 18. Jahrhundert grassierenden, häufig tödlichen Pocken - scheiterte jedoch an den Windmühlenflügeln der konventionellen Medizin.«
CHARLOTTE LYNE
»Meine Leidenschaft für die kraftvolle, völlig zu Unrecht vernachlässigte Hochkultur der Angelsachsen, ihre schöne Sprache und ihren deftigen Humor besteht seit Studientagen. Wer immer die Idee hatte, Sutton Hoo als die erste Seite im Geschichtsbuch Englands zu bezeichnen, sprach mir aus der Seele.«
MICHAEL PFROMMER
»Nur wenige große Gestalten der Geschichte genossen das Privileg, wie Kleopatra VII. an einer Epochenwende zu wirken. Ihr Tod im Jahr 30 v. Chr. markiert das Ende des Hellenismus und den Beginn der römischen Kaiserzeit. Mit ihrem unvollendeten und bis heute unentdeckten Grabmal schuf sie das letzte Bauwerk einer Menschheitsepoche.«
EVE RUDSCHIES
»Flora Tristan war eine exzentrische Frau voller Widersprüche, was ich sehr reizvoll finde. Ihr Einsatz für die Union der Arbeiter in Frankreich ging bis zur Selbstaufopferung. Sie verdient es, aus dem Vergessen geholt und für unsere Zeit neu entdeckt zu werden.«
ERIC WALZ
»Cagliostro ist die Lüge selbst, die Verstellung in persona. Er identifiziert sich so stark mit seiner Rolle, dass er anfängt, Fiktion mit Wirklichkeit zu verwechseln. Natürlich ist er Kind seiner Zeit. Aber er ist viel mehr als das: Der Prototyp des Scharlatans, dem es gelingt, Nichts als Viel zu verkaufen. Sein Drama erinnert mich an die Ursachen und Protagonisten der Finanzkrise. Über Cagliostro zu schreiben heißt, die Geschichte der Gegenwart zu erzählen.«