Was erwartet man von einem Buch zur Militärgeschichte des 2. Weltkrieges, das drei Punkte in seinem Titel nennt: TECHNIK, GLIEDERUNG und EINSÄTZE ?
Zunächst: ich erwarte ein Sachbuch, daß mich v e r s t ä n d l i c h informiert, ohne daß ich das Grundwissen eines Wehrmachtssoldat oder überhaupt eines Soldaten haben muß. Auch möchte ich nicht eine Gliederung der Wehrmacht als Voraussetzung den Inhalt dieses Buches zu verstehen vor mir liegen haben! Der Historiker wird vielleicht die eine oder andere Entdeckung machen und sagen ha - das wird im Buch so und so ganz anders geschildert, wie interressant Ich bin kein Historiker oder in der in der Erinnerung schwelgender Ehemaliger, sondern ich möchte verständliche Informationen, die leicht zu verstehen sind.
Da der 1945 gerade 17jährige Wehrmachtssoldat heute aber fast 80 Jahre alt ist, seine damals jungen Vorgesetzten aber bald 90 Jahre alt werden, muß man mir als Leser heute darüber hinaus auch Dinge erklären, die für Kriegsteilnehmer nicht erwähnenswert waren.
All das aber tut dieses Buch nicht.
Als Panzeraufklärer der Bundeswehr habe ich eine einfache Erwartung: "wie war es, wie haben die das damals gemacht?" Der Titel verspricht dazu umfassende Antworten und bleibt sie dann schuldig.
Da ist die TECHNIK.
Ich erwartete technische Zeichnungen - mindestens von den Grundversionen der einzelnen Fahrzeugtypen, dazu technische Daten in einem Umfang, daß man daraus Rückschlüsse auf den Kampfwert ziehen kann.
Ich erwarte eine Übersicht der verwendeten Fahrzeuge mit technischen Daten, Zeichnungen (Seitenansichten, Draufsicht, Vorder- und Rückansicht) der Grundversion. Und einer kurzen Bewertung, z.B. "...unzureichende Geländegängigkeit wegen zu kleinen Rädern, unzureichende Motorisierung, überlastetes Fahrgestell daher häufige Federbrüche - in der Ausführung soundso durch andere Federn verbessert..." Nix!
Da ist mir das Wort "Dieselmotor" zu wenig, denn 2- oder 4-Takt-Motor ist eben ein großer Unterschied. Oder die Reifengröße; sie läßt z.B. Rückschlüsse auf die Geländegängigkeit zu. Und der Verbrauch bzw. Fahrbereich ist gerade in Rußland wohl ein entscheidendes Merkmal. Wenn dieser Fahrbereich im Einzelfall bei nur 200 km liegt; so stellt sich dann die Frage: wie haben die das in der Weite Rußlands mit der Versorgung gemacht?
Und schon ist man bei dem Bereich EINSATZ.
Im Bereich EINSATZ fehlt wirklich jedes Gefechtsbeispiel. Man erfährt von keinem schlachtentscheidenden Handstreich, nichts von Fernspähtrupps oder anderen kühnen Operationen der Aufklärer, z.B. wie sie es geschafft haben, sich durch die feindlichen Linien zu schleichen, weit hinter der Front plötzlich zwischen der feindlichen Versorgung zu stehen (und dort wohl auch zu tanken - s.o.!) selber den Adrenalinspiegel bis in den Haarwurzeln und das blanke Entsetzen in den Augen der sich sicherfühlenden russischen Etappensoldaten usw. usw.. Hat man Verstecke mit Betriebsstoff und Munition angelegt oder ein Versorgungsfahrzeug mitgeschickt? Oder wurde Betriebsstoff gar von Flugzeugen abgeworfen?
Keine Silbe davon!
Tja und bei der GLIEDERUNG gibt es dann unendliche Aufzählungen von den verschiedenen Einheiten, die dannunddann gemäß Befehl vom sounsovielten des OKW einen Spähzug mit soundso Spähwagen erhielten.
Ich habe mich dann hingesetzt mit Papier und Bleistift und das graphisch aufgearbeitet um es z.B. mit der Heeresstruktur 3 der Bundeswehr zu vergleichen.
Da wir seit Gründung der Bundeswehr (sind auch schon fünfzig Jahre!) sehr einfache und logische taktische Zeichen verwenden, um Gliederungen überschaubar und einfach darzustellen, kann man sagen, es wäre zweckmäßig unter Verwendung dieser Zeichen Gliederungen darzustellen und wirklich vergleichbar zu machen bzw. die Veränderungen zu verdeutlichen, die sich mit der Zeit aus der Kriegslage ergaben. Fehlanzeige!
Allgemein sind die Texte umständlich - z.B. "...wurde mit der Fertigung des mittleren Schützenpanzerwagen Hlkl 6p(7,5-cm-Pak 40)(Sd.Kfz.251/22 begonnen." Der endlose Sermon nimmt jede Lesbarkeit. Ein Verweis auf eine Übersicht, die die wesentlichen Merkmale (Gewicht, PS, Reichweite, Bewaffnung, Besonderheiten) und einen kleinen Seitenriß des jeweiligen Fahrzeugs zeigt. Und muß man Sd.Kfz. schreiben? Oder wäre nicht SFZ 251-22 ausreichend? Und wie heute gebräuchlich SPW statt Schützenpanzerwagen
Weniger wäre hier mehr gewesen. Manche Erläuterungen wären besser in Fußnoten untergebracht worden, es hätte das Lesen vereinfacht und flüssiger gemacht.
Was bleibt? Viele Fotos ! Das aber ist zu dünn für einen solchen Titel, der die Hürden hoch steckt ...
Dazu kommen viele kleine Fehler! So verwechseln die Autoren ständig die festgelegten Begriffe Erkundung (nur Gelände) und Aufklärung (Feind und Gelände)
Ich hatte vorher die beiden Bücher Sturmgeschütze Entwicklung und Fertigung der sPak und Sturmgeschütze die Panzer der Infanterie gelesen. Diese beiden Bücher setzen Maßstäbe! In allen Bereichen! Auf zusammen über 600 Seiten werden beispielhafte technische Zeichnungen mit unglaublicher Detailtreue gebracht, die Gliederungsbilder sind einfach aber prägnant, es gibt spannende Gefechtsbeispiele und die Fotos sind überwiegend von unerwarteter Schärfe und zeigen viele Details.
Wenn man also weiß wies geht, dann ist man von dem Buch DIE DEUTSCHEN PANZERAUFKLÄRER 1935 1945 - TECHNIK, GLIEDERUNG UND EINSÄTZE, das ja viel mehr darstellen will, als nur e i n Fahrzeug, bitter enttäuscht!
Auf gerade einmal 160 Seiten und einem etwas aufgeblasenen Taschenbuch-Format 17,5cm x 24,5cm wird man dem Titel in keiner Weise gerecht! Gibt es noch etwas über die verwendeten Panzer - die ungepanzerten Fahrzeuge werden erwähnt, aber es wird nicht weiter darauf eingegangen (z.B. VW-Kübel)
Zum Vergleich, die beiden Bücher STURMGESCHÜTZE Entwicklung, Fertigung.. von Spielberg und STURMGESCHÜTZE Panzer d.Infantrie von Kurowski/Tornau haben zusammen 638 Seiten im Format 23,5cm x 26,5cm.
Liebe Autoren so ein hingehauenes Buch haben die Männer der Panzeraufklärer des 2.Weltkrieges nicht verdient!
In ein paar Jahren können wir sie nicht mehr fragen, ihre Leistungen aber auch ihr Versagen nicht mehr werten! Es gilt daher heute mit Akribie das aufzuschreiben, was sie wagten, leisteten und blutig lernen mußten.
Es bleibt der "Wert" das es über Panzeraufklärer wenig bis nichts gibt. Da ist dies Buch das wenigstens einige Informationen liefert dann besser als gar nichts!
Lutz Webendörfer