Von Anfang an war ich angetan vom Konzept und Versprechen dieses schon optisch prachtvollen Buches: "Lieber Leser, sei gewarnt. Dies ist ein Buch, in dem du nicht gewarnt wirst vor dem Deutschen." Die Ergründung der deutschen Seele geschieht in alphabetischen Stichworten, mal stärker literarisch, witzig und assoziationsreich, wenn Thea Dorn am Werk ist, so in den ersten Einträgen zu "Abendrot" und "Abendstille", mal stärker sachbuchartig, wenn Richard Wagner die Feder führt, so etwa in "Grundgesetz", "Kleinstaaterei". Ein schöner Kontrast in der stilistischen Herangehensweise.
Doch geht selbst die Literatin schon vom Artikel "Abgrund" an in die Falle der literarisch viel belesenen Langatmigkeit. Weniger an Ausbreitung enzyklopädischer Kenntnisse wäre oft mehr, möglicherweise gar an wirklicher Analyse der deutschen Seele. Beim letzten Artikel "Zerrissenheit" fehlt hingegen gerade die stärkste und entscheidende Instanz zum Thema, das viel zu privat als die Zerrissenheit von Thea Dorn behandelt wird. Maßgebend wäre zweifellos Hölderlin mit seinem Brief "So kam ich unter die Deutschen", gegen Ende seines "Hyperion": "Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre wie die Deutschen." Dieser Klops bedürfte unbedingt der Deutung in Ihrem Buch, Thea Dorn! Ich selbst hab sie in meinem Hyperion-Kommentar ("Revolution aus Geist und Liebe", 2007) versucht - und hätte von der Sache her, nicht von meinem Text her, Bestätigung oder Widerspruch erwarten dürfen. Dabei ginge es nicht mehr um Vielerlei, sondern um die versprochene Seelen-Analyse der Deutschen. Die Zerrissenheit ist nach meiner Deutung die der Reflexion, mit der die Deutschen begabt wie geschlagen sind. Ein Artikel "Reflexion" wäre wohl zu philosophisch gewesen, aber auch "Besinnlichkeit" und "Innerlichkeit"?
Von deutscher Seelen-Analyse bietet der männliche Autor Richard Wagner einiges zumindest in geschichtlicher Form: "Die Sehnsucht nach einem einheitlichen politischen Staat wird in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zum Mehrheitsgefühl. Danke, Bonaparte! Bis dahin dominierte zumindest in den Eliten die Idee der Kulturnation. Der Sprachnation. Mit Napoleons Aktivitäten war die Idee des Kaiserreichs geboren, und sein Preis war der Wilhelminismus" (262). Danke, Herr Wagner! Diese so enorm wichtige Unterscheidung zwischen Kulturnation und politischer Nation wird allzu selten getroffen. Eine zweite wichtige wie seltene Einsicht folgt sogleich: "Österreich, das seine Interessen zu weit über die Grenzen des deutschen Kulturkreises hinausgeschoben hatte, war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und so war es für Preußen ein Leichtes, diesen Konkurrenten aus dem Rennen zu werden." Die kleindeutsche Lösung anno 1871 geht in der Tat nicht bloß auf das Konto Preußens, sondern mindestens ebenso sehr auf das des osteuropäischen Kolonialismus der östereichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Dergleichen ist intelligente Geschichtsdeutung - darin indirekt Analyse der deutschen Seele in ihrem Werden.
Die Mitte des Buches bildet ein kenntnisreicher Artikel "Musik" von fast 40 Seiten aus Thea Dorns Feder. Der klingt schon deshalb weniger ironisch als unberechtigterweise der über Männerchöre. Was wäre Deutschland ohne sein in der Welt noch immer einmaliges Chorleben und was wird daraus, ob gemischt oder rein männlich? Und das in aller Welt bekannte deutsche Kunstlied hätte vielleicht einen eigenen Eintrag verdient. "Kann man Musiker sein, ohne deutsch zu sein?", fragt Thea Dorn rhetorisch mit Thomas Mann. Mit gleichem rhetorischen Recht müsste man fragen: "Kann man Philosoph sein, ohne deutsch zu sein?" Ein Artikel "Philosophie" fehlt jedoch, bezeichnenderweise. Denn die Philosophie wird - trotz und gerade wegen "Weltmacht Habermas" (DIE ZEIT) - im "Vaterland der Dichter und Denker" (Madame de Stael) nicht gebührend geachtet. Wir müssen uns vom Inder Sri Aurobindo belehren lassen, dass Philosophie und Musik die beiden Hauptdomänen der typisch deutschen Innerlichkeit seien. Man erführe auch gern, ob und was es mit dem "Land der Ideen" auf sich hat. Ist das nur ein neoliberaler Werbeslogan? Statt Analyse gibt es zu viel Ausflucht in die marktgängige deutsche Selbstironie. Bezeichnend dafür, dass es zwar einen Artikel "Weihnachtsmarkt" gibt, doch keinen über die deutsche Weihnacht, deren Gemütswerte doch immerhin Ausstrahlung in alle Welt hatte. Ach ja, "Gemütlichkeit" kommt natürlich auch vor, aber das deutsche Gemüt nicht eigens, dessen Karriere viel älter ist und der Seele doch ganz nahe käme. Alles in allem zu viel Haften an gängigen Klischees und deren dann notwendige Ironisierung, zu wenig "Geist der Gründlichkeit", von dem bereits Kant seinerzeit (1781!)bemerkte, dass er in Deutschland noch nicht ausgestorben sei, und von der kein Unverdächtigerer als Karl Marx vor 1848 sagt: "Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren", das meint von den gedanklichen Gründen her. Die friedliche Revolution aus geistigen Gründen, z.B. unserer so genannten Demokratie, steht noch immer aus und an, bei soviel unverfänglicher "Literatur" dauert es halt noch etwas.
Solche Leser, die - trotz der allbekannten politischen Perversion - etwas Großes und Geheimnisvolles in der deutschen "Seele" wie ihrer Geschichte spüren, das sie unbedingt stärker auf den Punkt gebracht sehen wollen, werden auf den 550 Seiten vielfach fasziniert suchen - wenn auch nicht ohne eigenes Zutun finden. Anscheinend gehört dieses spielerische Offenlassen zum Konzept des Buches: mehr Literatur als Sachbuch zu sein.
Trotz allem ist den Autoren wie dem Verlag zu danken, dass sie den Mut haben - gegen den modisch grassierenden Masochismus des "Schuld-Stolzes" - das Deutsche von jenen zwölf verhängnisvollen Jahren der nationalistischen Psychose energisch abzusetzen. Dies verbindet dieses schöne Lesebuch mit Peter Watsons eher wissenschaftlicher Geistesgeschichte "Der deutsche Genius" (dt. 2010). Diese beiden, freilich nicht ebenbürtigen Werke ergänzen einander vortrefflich. Auch die Kluft zwischen populären Klischees und elitärer Tiefe scheint ja typisch für die deutsche Seele. Ob es diese Seele einmal gab und noch gibt und was sie ausmacht, bleibt letztlich "literarisch" offen. Nur allerhand geschichtliche Indizien sprechen dafür - bei einer immer vergnüglichen Lektüre. Das Buch eignet sich hervorragend als Geschenk besonders für solche Leser, die nicht die Zeit und Geduld haben, mit besagter deutscher Gründlichkeit von vorn bis hinten nach jener Seele zu forschen, sondern einfach häppchenweise genießen.