Mit tiefer Kenntnis setzt sich Haffner mit den Ursachen der Deutschen Revolution auseinander, beginnend mit einer Analyse der Bismarckschen Zeit und dem Verhältnis zur Sozialdemokratie. Die Rolle Ludendorffs zum Ende des Weltkriegs ist gelinde gesagt, hochinteressant und spektakulär: die Dolchstoßlegende war keine "Legende", den Dolchstoß hat es wirklich gegeben, nur in umgekehrter Richtung: in Wahrheit hat die militärische Führung dem Deutschen Volk den Dolch in den Rücken gerammt, um nicht zu sagen, Ludendorff selber. Man muss Haffner konzentriert lesen, tut man das aber, dann ist jede Zeile ein Genuss, jeder Satz ein Gewinn. Er deckt auf, dass die Revolution nicht gegen die von Ludendorff eingesetzte Regierung aus Sozialdemokraten (nur zum Zweck der Übernahme der Kriegsschuld - die ungeliebten Sozialdemokraten sollten die Kapitulation und die Kriegsfolgen auf ihre Kappe nehmen) gerichtet war, sondern für sie kämpfte. Und sie kämpfte mit allerfriedlichsten Mitteln. Es gab kaum Tote, und die, die es gab, gab es wegen einzelner Hitzköpfe, aber die Revolutionäre waren friedlich, pazifistisch und antimilitaristisch, trotz oder gerade wegen der überlaufenden, eben heimgekehrten Frontsoldaten. Dass der Sozialdemokrat Friedrich Ebert von den Revolutionären unterstützt wurde, im Jänner 1919 sogar noch als Reichskanzler gewählt wurde, aber von Anfang an die Revolution verraten hatte, sie zu ersticken suchte, das deckt Haffner schonungslos auf. Ebenso die Rolle von Gustav Noske, des "Bluthundes" und des Generals Wilhelm Groener. Allen voran aber Friedrich Ebert, der als Sozialdemokrat, als Vorsitzender einer Sozialdemokratischen Regierung dieselbe Revolution, die ihn an die Macht gebracht hatte und vorwiegend von Arbeitern getragen wurde, der diese Arbeiter mehr als ein halbes Jahr lang in ganz Deutschland zusammenschießen ließ. Keine Spur von "Spartakisten", keine Spur von Bolschewiken oder anderen Kommunisten - Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hatten keine tragende Rolle, sie waren nur deshalb unangenehm, weil sie Eberts Machenschaften erkannten und mutig veröffentlichten. Sie wurden ermordet, weil sie die Wahrheit sagten. Insgesamt läßt Haffner kein gutes Haar an der Sozialdemokratie dieses Deutschland. Ebert war der Kopf des Bürgerkrieges, Noske seine rechte Hand ("oder seine rechte Faust"); dieser Noske sammelte nach eigenen Angaben etwa 68 Freiwilligenkorps mit insgesamt etwa 400.000 Mann, die die Revolution blutigst niederschlugen. Diese Korps hatten nach eigenen Aussagen und Pamphleten mit der herrschenden Ebert-Regierung wenig am Hut ("Für das Reich! Für das Volk! Kampf der Regierung! Tod der demokratischen Republik!". Sie waren auch die Vorgänger der SA, der Geist war da, das Auftreten war da, die Führer waren die gleichen. Diese Freikorps beherrschten die Straße, waren militärisch gedrillt, bekämpften stets erfolgreich die weit unterlegenen Arbeiter, "sodass schon im Kampf die blutigen Verluste sehr ungleich verteilt waren. Und fast immer begannen die wirklichen Schrecken, die Standgerichte, die willkürlichen Massenerschießungen, die Prügel- und Folterszenen erst nach dem Sieg der Regierungstruppen ...".
Es folgt eine Darstellung der Verhältnisse in München unter Kurt Eisler, der "ganz alleine" und völlig unblutig Revolution gemacht hatte ("Münchner Räterepublik") und sogar als jüdischer, preußischer Intellektueller im ländlichen München geehrt und geachtet wurde. Als er schließlich von einem rechtsradikalen gräflichen Halbjuden erschossen wurde, brach auch in München, nicht zuletzt unter Mithilfe von Noske, blutigster Bürgerkrieg aus. Den Abschluß dieses überaus lesenswerten Werkes macht eine Darstellung des Kapp-Putsches, bei dem die Sozialdemokraten unter Ebert die Arbeiter ein zweitesmal schmählich verrieten: "So endete der Kapp-Putsch: mit einem mörderischen Strafgericht der immer noch sozialdemokratisch geführten Regierung über ihre Retter (die Arbeiter), ausgeführt von denen, vor denen sie gerettet worden waren (die erweiterte Brigade Erhardt)." Verrat auf allen Ebenen! Wen wundert es, dass das Geschehen dieser zwei Jahre teil vertuscht, teils beschönigt, teils verfälscht wurde und wird. Mit den drei der hartnäckigsten dieser Legenden räumt Haffner ganz zum Schluß auf: damit, dass erstens gar keine Revolution stattgefunden hätte, dass zweitens die Revolution eine bolschewistische Revolution, ein russischer Importartikel gewesen sei (und nicht die seit mehr als fünfzig Jahren von der Sozialdemokratie herbeigeredete, herbeigesehnte Revolution, die dann von dieser selbst im eigenen Blut erstickt wurde) und drittens mit der "Dolchstoßlegende": "Was die SPD blutig niedergeworfen hat, ...ist keine kommunistische Revolution, sondern eine sozialdemokratische. Die sozialdemokratische Revolution, die in Deutschland 1918 stattfand, ist, ... 'rstickt' worden - in ihrem eigenen Blut erstickt; aber nicht von den Prinzen und Monarchen, die sie gestürzt, vielmehr von ihren eingenen Führern, die sie vertrauensvoll an die Macht getragen hatte. Sie ist mit äußerster, rücksichtslosester Gewalt niedergeschlagen worden, nicht von vorn, in ehrlichem Kampf: von hinten, durch Verrat."
Daran krankt laut Haffner die Sozialdemokratie in Deutschland bis heute.
Haffner ist ein genialer Autor, der die kompliziertesten und komplexesten Zusammenhänge einleuchtend und plausibel darzustellen vermag, und das macht er auch noch interessant und spannend.