Aus der Amazon.de-Redaktion
Wissen Sie, was 1x4 auf der Filterpapiertüte bedeutet und wie man Bienenstich aus Erbsen zubereitet? Nein? Dann schauen Sie einmal in das Buch von Rainer Horbelt und Sonja Spindler.
Die deutsche Küche im 20. Jahrhundert beinhaltet auf 360 Seiten
Ereignisse, Geschichten, Rezepte und bietet einen lesenswerten Einblick in Essverhalten und Alltagsgeschichte der verschiedenen Epochen.
Da geht es um "Notrezepte", "Luxusrezepte" und Küchengeräte, die den Haushalt revolutionierten sowie Dr. Oetker und Co. Die Ausführungen beider Autoren sind kurzweilig, und "Kalter Hund" mit Mandeln und Cocktailkirschen verziert oder die "Grilletta" können bei dem ein oder anderen schon einen Erinnerungsseufzer auslösen. Sollten Sie Lust haben, ihre Nase über prickelnde Essigbrause zu halten oder mal Rindfleisch in Branntwein auszuprobieren, die Rezepte zu den Ess- und Trinksachen, die man sich während der letzten hundert Jahre auf der Zunge hat zergehen lassen, werden gleich mitgeliefert.
Zeitungsausschnitte, Skizzen und Schwarzweißfotos geben ein beredtes Bild vergangener Geschehnisse rund um die deutsche Küche. Das Buch ist für Leser, die nur mal so in die deutsche Vergangenheit reinschmecken wollen ebenso empfehlenswert wie für Kochfreaks, auf der Suche nach ungewöhnlichen Anregungen oder Geschichtslehrer, die einmal einen etwas anderen Unterrichtseinstieg suchen.
Einziger Wehrmutstropfen: Am Ende des Buches scheinen die Autoren so satt von ihrer aufwendigen Recherche zu sein, dass sie nur noch Unausgegorenes zustandebringen. So ist das Kapitel über die 80er- und 90er-Jahre äußerst mager, das Layout zu Stichwortverzeichnis und Rezeptregister enttäuschend fade, und dass bei so einem aufwendigen Werk auf eine Quellenangabe verzichtet wurde, hinterlässt einen unnötig unangenehmen Beigeschmack. --Anne Hauschild
Neue Zürcher Zeitung
Küchenzettel, deutscher
rox. Unter der breiten Schirmherrschaft des Wortes «Alltagskultur» lässt sich so manches versammeln. So hat der Eichborn-Verlag eben eine Anthologie herausgegeben, in der die Höhen, aber auch die vielen Tiefpunkte des deutschen Küchenzettels des 20. Jahrhunderts präsentiert werden. Beginnen soll der kulinarische Aufschwung in Deutschland just mit dem Jahr 1900, denn da hatte das Fräulein Elise Hannemann sozusagen als Nebenprodukt ihrer weltlichen Mission sie leitete eine Kochschule des Berliner Lettevereins «zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts» die Kochkiste erfunden. Das segensreiche Ding liess sich im Selbstbau herstellen, die Materialkosten beliefen sich auf DM 4.50; der Aufstieg von Graupensuppe, Steckrübenbrei und Erbsen mit Speck konnte beginnen. Wie schnell die sozialpolitische Grosswetterlage ihre Schatten auf die Speisepläne wirft, zeigt das wechselvolle Hin und Her zwischen «deutschem» Eintopftag und den gelegentlichen Ausbruchsversuchen aus der Welt des Kunsthonigs zu einem in der «Form gebackenen Sauerkohl». Zaghaft kommen in den späten fünfziger Jahren die ersten Küchenmaschinen auf, und nochmals zehn Jahre später treten wir ein in die Welt der Cocktails und der «pikanten Häppchen». Wer ein Rezept für das «Kölner Sparbrot» sucht, das der spätere Bundeskanzler Gustav Adenauer 1915 vom Kaiserlichen Patentamt registrieren liess, kann es im angezeigten Band finden. Die Bevölkerung war freilich nicht sehr begeistert von dem Backwerk; Adenauer, dem damals das Kölner Ernährungsdezernat unterstand, wurde kurzerhand «Graupenauer» genannt.