Wo es um Vorliebe und Abneigung handelt, sind wir niemals imstande, aus den einfachsten Tatsachen Schlüsse zu ziehen. Man sollte denken, dass ein Ereignis wie das oben geschilderte meine keimende Leidenschaft für das Meer vollkommen zerstört haben müsste. Ganz im Gegenteil: ich empfand noch nie ein so brennendes Verlangen nach den wilden Abenteuern eines Seemannsliebens, wie in der Woche, die auf unsere wundersame Errettung folgte. Dieser kurze Zeitraum erwies sich lang genug, um alle Schatten jenes gefährlichen Erlebnisses zu verscheuchen und alle angenehmen, aufregenden, Farbenglühenden Momente, all das Malerische ins hellste Licht zu stellen. Meine Gespräche mit Augustus wurden immer häufiger und immer reicher an Interesse. Er hatte ein Art, seine Ozeangeschichten (von denen gewiss mehr als die Hälfte erlogen war) zu erzählen, die wohl dazu angetan schien, auf einen Menschen mit meinem begeisterungsfähigen Gemüt und meiner düsteren und doch dabei feurigen Einbildungskraft Eindruck zu machen. Es ist merkwürdig genug, dass er mich am lebhaftesten für das Leben der Seeleute einzunehmen vermochte, wenn er ihre entsetzlichsten Augenblicke, ihre Leiden, ihre Verzweiflung schilderte. Für die freundliche Seite des Gemäldes hatte ich nicht viel übrig. Ich träumte von Schiffbruch und Hungersnot, von Tod oder Gefangenschaft unter barbarischen Horden, von einem Dasein voll von Trauer und Tränen, verbracht auf grauen und öden Felsen in einem unbekannten, unerreichten Weltmeer. Solche Visionen und Wünsche (denn Wünsche waren es) sind, wie man mir seitdem versichert hat, dem ganzen weit verbreiteten Geschlecht melancholischer junger Leute gemeinsam; zu der Zeit jedoch, von der ich rede, hielt ich sie für prophetische Einblicke in ein Schicksal, das zu erfüllen ich mich gewissermaßen verpflichtet fühlte.
(Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym, Seite 19, 20).
Dies ist der einzige Roman aus der Feder des berühmten amerikanischen Autors E.A. Poe, der mit seiner abenteuerlichen, mysteriösen und schauerlichen Seefahrergeschichte die Leser in seinen Bann zieht. Gibt er seinem Bericht doch den Anstrich eines Tatsachenberichts, getreulich berichtet von dem fiktiven Erzähler, der im Alter von 16 Jahren als blinder Passagier auf dem Schiff des Vaters seines besten Freundes anheuerte und von da an das größte und ungeheuerlichste Abenteuer erlebte, welches man sich nur erträumen kann. Wobei es eher Albträume sind, die den jungen Helden begleiten. Immer wieder kommt er in die absurdesten und schrecklich lebensbedrohlichen Situationen, die ihn nahe an den Rand des Wahnes treiben, wo doch allein die Macht der Vernunft noch Rettung bringen kann. Poe spielt mit den Nerven der Leser, reißt sie mit in die stürmischen Gefahren der waghalsigen Seefahrer, bevor er sie zwischenzeitlich in ruhigere Gewässer führt und sie mit anscheinend wissenschaftlich fundierten Fachwissen einlullt, bevor er urplötzlich die Beteiligten in noch größere, gefährlichere Situationen bringt. Wie das Meer ist auch dieser Roman unberechenbar, schwankend und sehr verführerisch. Da lässt man sich doch gerne mitreißen!
Im Vorwort des Erzählers teilt Herr Pym mit, dass er den Ansporn eines gewissen Herrn Poe gebraucht hat, um seinen abenteuerlichen Bericht für die interessierte Leserschaft schriftlich festzuhalten. So hatte Herr Poe schon einmal angefangen, seine Erzählungen aufzuschreiben und teilweise in den Zeitungen zu veröffentlichen, was auf ein großes Echo stieß. Wo genau jetzt die Aufzeichnungen des wagemutigen Seefahrers beginnen, lässt er den Leser selbst erraten.
Der Bericht selbst beginnt etwas gemächlich, aber in einer anziehenden und sehr anschaulichen Schreibweise. Die Lebenssituation des jungen Pym gibt doch Anlass zur Hoffnung, dass aus ihm einmal ein respektabler Mann wird. Aber es sind die gefährlichen und unberechenbaren Abenteuer auf See, die ihn locken. Als Augustus ihm von seinem Plan berichtet, ihn heimlich an Bord eines Schiffes zu bringen, ist er Feuer und Flamme. Augustus gedenkt, seinen Vater, der Kapitän eben dieses Schiffes ist, erst auf hoher See mit der Anwesenheit seines Freundes zu überraschen. Dann werden die Freunde gemeinsam die Reise genießen können. Der Plan ist gut, doch leider geht alles schief. Eine schreckliche Meuterei an Bord macht es dem armen Augustus zunächst völlig unmöglich, zu seinem eingeschlossenen Freund zu gelangen, der sich in seiner dunklen Kammer lebendig begraben fühlt. Die Rettung erfolgt in letzter Minute und es gelingt den Freunden sogar, mit einem Meuterer gemeinsame Sache zu machen und die übrigen Besatzungsmitglieder zu überwältigen. Doch die wilden Stürme und Versorgungsnot bringen bald neue Gefahren. Schließlich werden nur das indianische Halbblut Peters und Pym selbst gerettet. Von dort aus bereist Pym das legendäre und bislang ziemlich unerforschte Südmeer. Der junge Mann nimmt begeistert seine neuen Eindrücke auf und unterhält den Leser mit seinen Einsichten in die Welt der Fauna und Flora. Aber schon bald lauern neue Gefahren und ein weiteres Abenteuer, welche als das bisher erlebte in den Schatten stellen...
Die wunderschöne Sprache des Romans und diese gelungene Mischung aus Abenteuerbericht und Schauergeschichte machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen. Dämonische Gestalten und geisterhafte Schreie erschrecken den Helden, doch schließlich siegt der Verstand und es gibt eine vernünftige und weniger übersinnliche Erklärung für so manch unheimliches Phänomen. Licht und Schatten, Wahn und Verstand, Weiß und Schwarz, sind Gegensätze, die sich in dieser Geschichte immer wieder gegenüberstehen und einen stillen Kampf austragen und wir als Leser sind darin gefangen. Der bewusst offene Schluss ist ein weiteres Geschenk des Autors, der den mündigen Leser zu mancher Spekulation und einen gewissen Jules Verne sogar zu einem erfolgreichen Prosawerk inspiriert hat. Lassen Sie sich diese faszinierende Lektüre auf jeden Fall nicht entgehen!