Ein Buch, bei dessen Durcharbeitung man laut Klappentext das Gefühl hat "mit einem hochkarätigen Schachtrainer am Brett zu sitzen, der ihre Fragen beantwortet zu den Plänen für beide Seiten, zu den Ideen hinter bestimmten Zügen und zu dem Wissen, das Sie auf jeden Fall beherrschen müssen" soll Peter Well`s Abhandlung über die Damenindische Verteidigung aus dem Jahr 2006 sein.
Was also dem Leser in diesem Werk aus der Reihe "Schach Konkret" versprochen wird, ist sicher sehr viel und wohl auch nur schwer einzulösen, jedoch gelingt es dem englischen Großmeister - zumindest nach Meinung des Rezensenten - diesem Ziel recht nahe zu kommen. Was er hundertprozentig schafft, ist die ebenfalls vom Gambit Verlag am Buchrücken angegebene Maxime der "ausführlichen verbalen Erläuterung der verschiedenen Pläne und Manöver". Also kein Eröffnungswerk im klassischen Sinne, sondern gleichzeitig auch ein Lehrbuch über Mittelspielstrukturen.
Wie in dieser Serie üblich, stellt auch Wells sein Material anhand von fünfundzwanzig äußerst gründlich kommentierten Großmeisterpartien vor. In den Begegnungen aus den Jahren 1997 bis 2005 begegnet der Leser so namhaften Protagonisten, wie etwa Viswanathan Anand, Garri Kasparow, Boris Gelfand, Wladimir Kramnik, oder Wassili Iwantschuk, um nur einige zu nennen.
Der Autor gliedert seine Abhandlungen in folgende Abspiele, welche nach der Zugfolge
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 entstehen können:
4.g3 Lb7
4.g3 La6 Einführung und Alternativen zu 5.b3
4.g3 die moderne Hauptvariante 4. ...La6 5.b3
4.a3 Einführung und 4. ...Lb7 5.Sc3
4.a3 Alternativen zu 4. ...Lb7
4.Sc3 Einführung und 4. ...Lb4
4.e3 und weniger wichtige Alternativen im vierten Zug
Wie Peter Wells - ein ausgewiesener Kenner der Damenindischen Verteidigung - im Vorwort schreibt, musste er viel Material weglassen, um die Lesbarkeit bzw. Übersichtlichkeit seiner Erläuterungen nicht zu gefährden.
Was jedoch an Erklärungen und nützlichen Tipps übrig geblieben ist, kann man nur als hervorragende und gründliche Arbeit bezeichnen. Man merkt dem Autor auf beinahe jeder Seite an, dass er auch ein sehr erfahrener Schachtrainer ist. Seine Anmerkungen und Erklärungen sind immer gut nachvollziehbar und nie langweilig, selbst wenn er in ausführlicher Textform manchmal ins "philosophieren" kommt oder sich an manchen Stellen seines Werkes wiederholt. Es ist wirklich kaum zu glauben, dass es Peter Wells schafft, in diesen doch recht schmalen Band so viel Wissenswertes in ausführlicher Form darzustellen.
In der Tat bleiben kaum Fragen offen und besonders auch die strategischen Hinweise machen die Arbeit mit diesem Werk zu einem lohnenden Vergnügen für Schachfreunde jeder Spielstärke. Da Peter Wells keinerlei Grundkenntnisse der damenindischen Strukturen voraussetzt, ist das Buch auch hervorragend für Neueinsteiger in diese Strukturen geeignet bzw. für Spieler die ihre Repertoire vervollständigen wollen.
Ideal ist natürlich das Hinzufügen von Damenindisch ins eigene Eröffnungsarsenal , wenn bereits die Nimzowitsch-Indische Verteidigung darin enthalten ist und man nicht unbedingt - etwa wenn Weiß auf 3.Sc3 verzichtet - in Damengambit Strukturen übergehen will.
Wie bereits gesagt, ist dieses Werk zwar schon fünf Jahre alt, aber das Benutzen einer ständig aktuell gehaltenen Datenbank ist für den ernsthaften Turnierspieler ohnehin obligatorisch.
Was Satz und Druck angeht, so lässt der hohe Standard des Gambit Verlages wieder einmal keine Wünsche offen. Äußerst hilfreich ist auch die Variantenübersicht am Ende des Buches, welches das Auffinden der jeweiligen Abspiele zu einem Kindespiel macht. Abgerundet wird dieses Werk durch ein Partienverzeichnis.
Zusammenfassend kann man das Buch vom Peter Wells jedem Schachfreund, der in die Geheimnisse der Damenindischen Verteidigung eintauchen will, nur wärmstens empfehlen..