Scheinbar längst vergangene Szenarien sind plötzlich wieder hochaktuell: Da gebärdet sich der Erste Staatsmann der wirtschaftlich leistungsstärksten Volkswirtschaft der Erde wie ein schießwütiger Cowboy (wenn er nicht gerade von einer „Pretzel" niedergestreckt wird), dort stehen sich zwei Entwicklungsländer - pardon: Atommächte - bis zu den Zähnen bewaffnet wild entschlossen gegenüber, und ich frage mich: „Heißt dies Geschichte, daß der Unverstand unsterblich wiederkehrt und triumphiert? 's ist wie ein böser Traum, erblick ich dies ..." Womit wir beim Thema wären.
Ich musste „Die Chinesische Mauer" vor nunmehr 25 Jahren im 10. Schuljahr lesen ... und fand das Stück ausgesprochen ätzend. Kurz nach dem Abitur fiel mir der Schinken wieder in die Hand, und ich las ihn mit wachsender Begeisterung. Immer wieder. Und was ich las, das konnte ich tatsächlich überall auf der Welt erblicken - natürlich nicht ganz so pointiert und schillernd. Dann fiel die Berliner Mauer und mit ihr der Ostblock und schließlich gar die UdSSR und der Zyklus schien durchbrochen, das Stück obsolet, weggespült von der Flut der Zeit.
Doch plötzlich höre ich die Worte des „Monarchen", er heißt heuer nicht Philipp II., er ist auch kein Katholik - und doch höre ich - sinngemäß - seine Worte: „Ich kenne die Ketzer, ich habe sie verbrannt, Tausende und Hunderttausende, ich habe das meinige getan ..." Seltsam!? Beängstigend!? „Wir spielen nicht weiter. ... Weil die ganze Farce soeben von vorne beginnt ..."
Ich halte dieses wundervolle Theaterstück für ebenso tiefsinnig wie aktuell, kurzum: für hoch empfehlenswert! Es versprüht seinen spröden Zauber indes nur dem, der bereit ist, die inhärenten Zeit- und Handlungsbrüche hinzunehmen, der es erträgt, wenn der „Himmelssohn, der immer im Recht ist" sich plötzlich direkt an das Publikum wendet, und der es mit fröhlichem Entsetzen hinnimmt, dass auf dem Höhepunkt des Geschehens (einem leidenschaftlichen Appell für das Recht der Menschheit zu leben, anstatt sich der Laune eines Potentaten auszuliefern) die Szene ins Absurde abdriftet. Ja, das ganze ist eine Farce, aber eine Farce, bei der es einem kalt den Rücken herunterlaufen kann.
Und wenn schließlich im Innencover ein Tagebucheintrag von Max Frisch zitiert wird „... und der Fortschritt, der nach Bikini führte, wird auch den letzten Schritt noch machen: die Sintflut ist herstellbar. Das ist das Großartige: Wir können, was wir wollen, und es fragt sich nur noch, was wir wollen.", dann weiß ich wie aktuell Frischs Gedanken sind in unserer Welt der Orientierungslosigkeit.
Meine Empfehlung: ein „strong buy"!