Von der Geschichte einer jungen Architektin in den Dreißiger Jahren, der Geschichte einer Kolonie, ihrer Beherrscher und Befreier, der Geschichte der Tropen, jener medizinischer und technischer Neuerungen des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts, in erster Linie jedoch der einer heißblütigen Liebe erzählt dieser Roman - nicht von Mörderjagd oder Haft in philippinischen Gefängnissen!
Als Sohn eines schottischen Bauingenieurs und einer Philippinin verlässt Salvador Carriscant die Philippinen, um in Europa Medizin zu studieren und als Chirurg mit den neuesten Techniken und Errungenschaften zurück zu kehren und die Chirurgie auf den Philippinen zu revolutionieren. Er wird eine jungen Frau mit deutschen Wurzeln heiraten und vorerst kinderlos bleiben. Sein medizinischer Ehrgeiz, seine Ambitionen und sein Selbstvertrauen verschaffen ihm sowohl wahre Freunde als auch Widersacher, Neider und Feinde - vornehmlich aus den eigenen Reihen. Als er sich in eine junge, verheiratete Amerikanerin verliebt, beginnt mit seinem größten Glück sein ganzes Unglück. 1936 aus dem philippinischen Gefängnis entlassen, begibt er sich auf die Suche nach seiner Tochter, mit der gemeinsam er nach Portugal reisen wird, um seiner Geliebte erneut zu begegnen.
Sehr breit ist der Spannungsbogen dieses Romans - er platzt mitten ins Leben der Architektin Kay, die sich augenblicklich in allen Lebenslagen betrogen und verlassen fühlt mit dem Brief eines Fremden, der behauptet ihr Vater zu sein - der mit einigen "Vorgriffen auf Vergangenes" auf der Reise nach Lissabon ausholt, um die Lebens-, Erfolgs- und Liebesgeschichte des Dr. Carriscant zwischen 1902 und 1904 zu erzählen. Am Ende angelangt bleibt das Abendrot eines begangenen Tages, der ohne die Zukunft zu beeinflussen, die Vergangenheit geändert hat.
Überaus spannend erzählt Boyd die beiden aufeinander prallenden Handlungsstränge und bringt in jede Zeit ihr ganz ureigenes Charisma. Die Bandbreite an unterschiedlichsten Stimmungen und sehr stark ausgeprägten Charakteren hat mich ebenso beeindruckt wie die Vielfalt an verschiedenen Themen, die (soweit ich das als Laie beurteilen kann) gut recherchiert und vor allem überaus mitreißend erzählt sind. Gerade die Geschichte des Dr. Carriscant versprüht so viele Nuancen an Lebensmut und Energie ohne dabei einen unfehlbaren Helden zu erschaffen - großartig!
Herausragende Erzählkunst, ein wenig melancholisch, bestimmt jedoch abgeklärt durch ein ganzes Leben!