Aus der Amazon.de-Reaktion
Seit mehreren Jahren haben die labyrinthischen Ariadne-Krimis des Argument-Verlags einen roten Faden: Sämtliche Protagonisten sind weiblichen Geschlechts. Mal mit Raffinesse, mal mit weiblicher Intuition lösen sie ihre Fälle -- und die sind meistens spannend zu lesen. Die blaue Katze ist ein solcher Krimi in besterAriadne-Tradition, der einen von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hält. Der Journalistin und Online-Redakteurin Petra Pfänder jedenfalls ist ein rundherum gelungenes Krimi-Debüt geglückt. Nur als Urlaubslektüre für die Andalusien-Reise ist er für sensible Gemüter vielleicht nur bedingt zu empfehlen. Immerhin ist das Verbrechen, auf das Klara Keitz hier stößt, nichts für schwache Nerven. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Die Dortmunder Psychiaterin Klara Keitz, spezialisiert auf Traumapatienten und Missbrauch, freut sich auf die Ferien mit ihren andalusischen Freunden in Conil. Sie will dem spanischen Paar dabei helfen, ein schönes Haus zu finden. Die Digitalkamera griffbereit, besichtigt sie mit Freundin Camila eine abgelegene Villa, als ihr ein einsames Kind im Nachbargarten ins Auge fällt. Klara knipst drauflos doch erst die heftige Reaktion der Hausbesitzerin und der kurz darauf folgende Einbruch in ihr Hotelzimmer bringen Klara und Camila zu der Überzeugung, dass hier etwas nicht stimmt. Ihre Nachforschungen fördern eine grauenvolle Vorgeschichte zutage: Mutter und Tochter machten Strandferien in Andalusien. Plötzlich war das elfjährige Mädchen verschwunden, die Polizei fand keine Spuren oder wollte sie keine finden? Die Frauen erhalten unerwartete Hilfe und stoßen auf ein Foto mit einer blauen Katze. Diese Fährte bringt sie auf die Spur eines lukrativen Verbrechens: Kinderprostitution für reiche Industrielle mit ausgefallenen Wünschen. Nun geht es darum, die einflussreichen Macher dranzukriegen ...
Mit der bestmöglichen Mischung aus Suspense, Feinfühligkeit und Drastik legt Petra Pfänder als Debüt einen extrem fesselnden Frauenkrimi vor.
Über den Autor
Auszug aus Die blaue Katze. von Petra Pfänder. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Aber ich bin sicher, es ist hier ganz in der Nähe." Camila klang nicht wirklich überzeugt.
Wolken hingen tief am Himmel, am Boden waberte ein Nebelteppich. Die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft trug durch die geöffneten Fenster einen intensiven Geruch nach nasser Erde und Piniennadeln in den Wagen.
"Hier ist es doch wunderschön. Außerdem regnets grad nicht. Vielleicht sollten wir erst mal eine kleine Pause einlegen, was essen und uns dann noch mal neu orientieren." Klara schielte sehnsüchtig nach der Picknicktüte.
Camila legte das Handy auf das Armaturenbrett. "Ich fahr nur noch ein Stückchen weiter, bis ich wieder ein Netz hab. Hier scheint grad ein Funkloch zu sein."
"Sind wir an diesem Tor vorhin auch schon vorbeigekommen? Kann das das Haus sein?" Klara musterte beeindruckt ein riesiges schmiedeeisernes Tor, dessen Zwischenräume sorgfältig mit Schilf abgedichtet waren.
"Nein, viel zu groß. Guck mal, wie weit der Zaun reicht." Die schulterhohe Mauer war mit Eisenstäben gekrönt, die ebenfalls blickdicht mit Schilf verflochten waren, und erstreckte sich nach vorn, so weit die beiden gucken konnten.
"Wer hier wohl wohnt?" Nach einem zufriedenen Blick auf das Display des Handys parkte Camila den Mini neben dem Kieferngehölz und ging zum Tor, während Klara eine Filzdecke vor dem Auto ausbreitete und Gläser aufstellte. Der Nebel und der weiche Waldboden dämpften alle Geräusche.
"Gar kein Namensschild an der Tür", stellte Camila fest.
Klara arrangierte konzentriert das Essen auf Papptellern und kramte nach Besteck.
"Das sieht ja unglaublich romantisch aus. Das musst du dir ansehen, Klara! Bring die Kamera mit!" Camila hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und ein Loch ins Schilf gebohrt, durch das sie jetzt ungehemmt in den fremden Park spähte.
"Was machst du denn da? Bist du unter die Spanner gegangen?" Klara biss ein riesiges Stück von einer Käse-enchilada ab und holte friedlich kauend ihre Digitalkamera aus dem Auto.
"Siehst du da vorn, das verkleidete Mädchen? Irre, wie vor hundert Jahren. Es sieht richtig echt aus, als wär die Zeit stehen geblieben, ein märchenhaftes Bild."
Klara pulte sich ein eigenes Loch in das Schilfstroh, das mit dünnem Draht verstärkt war. Zwischen wehenden Nebelschwaden sah sie eine weitläufige Wiese, getupft von einzelnen, knorrigen Olivenbäumen und struppigen Sträuchern, das Grün schillernd vor Nässe. Jasminduft wehte herüber, die zarten weißen Blüten verschmolzen mit den Nebelfetzen. Am Ende einer lang gestreckten Auffahrt war eine zweistöckige weiße Villa zu erkennen, flankiert von spitz aufragenden Zypressen. Die Fensterläden aus braunem Holz waren im ersten Stockwerk geschlossen. Im Erdgeschoss standen die Flügel der breiten Fenstertüren weit auf. Unwirklichkeit lag über der Szenerie. Selbst die Vögel schwiegen.
An den Stamm einer hoch gewachsenen Pinie gelehnt saß regungslos ein Mädchen. Sie trug ein altmodisches wallendes weißes Rüschenkleid und schwarze Stiefel. Ihr bauschiges silberblondes Haar und ihre weiße Haut verschmolzen mit den Nebelschleiern. Ihre absolute Starre alarmierte Klara. Sie schaltete ihre Kamera ein und zoomte das merkwürdige Kind durch das leistungsstarke Objektiv heran. Klara spürte, wie sich ihr sämtliche Haare aufstellten und sie ein Gefühl des Grauens beschlich.
"Ach du Scheiße, das ist überhaupt nicht romantisch." Klara flüsterte und bemerkte, dass sie versuchte, sich lautlos zu bewegen. Erste Regentropfen klatschten auf die Erde, aber das seltsame Mädchen rührte sich nicht, sondern schaute weiter auf einen Punkt, den nur sie sehen konnte.
"Würden Sie bitte vom Zaun weggehen und mir Ihren Film geben?", forderte eine eisige Stimme hinter ihrem Rücken.