Wohnte ich im gleichen Gebäude wie Herta Müller, dann würde auch ich - wie die anderen Nachbarn - die eine oder andere Zeitschrift, die ich sonst lieber archiviere, vor ihre Tür legen. Eventuell würde ich sogar mal eine Ausgabe von "brand eins", "beef" oder "Scheidewege - Jahresschrift für skeptisches Denken" nur deshalb anschaffen, um sie durchzublättern und dann für diese dünne, ernste Frau auffällige Wörter in Head- und Sublines mit einem bunten Post-it zu markieren. Ich würde im Bahnhofsbuchhandel die Zeitschriften durchsuchen, um irgendwann auf "Schauerkorridore", "morbiditätsorientierter" oder "Großherzoffensive" zu stoßen, aufjauchzen würde ich, denn eventuell würde eines "meiner" Wörter dann in ihren Collagen Verwendung finden.
Die 105 Bilder/Gedichte sehen alle sehr akkurat aus, obwohl die Schriftarten so verschieden sind, dann die Farbwechsel, rosa, blau oder schwarz-weiß, Buchstaben mal mit, mal ohne Serifen, denn die Schnipsel werden zunächst auf dünne weiße Pappe geklebt und dann auf dem Blatt arrangiert. Das erzeugt einen leichten Tiefeneffekt. Die Abstände zwischen den Wörtern und Zeilen sind immer gleich, meistens ändert sich die Zeilenlänge nur unwesentlich, alles sehr gerade und geordnet. Das ist ein wichtiger, fast notwendiger Kontrast zur Wortverrührung, denn wenn es nur leicht schief oder improvisierter daher käme, wäre die Schönheit dieser Gedichte, die auch Bilder sind, verrutscht. Dann gibt es immer noch ein illustratives Element bei ihr, das zuweilen an die Collagen von Robert Pollard erinnert, den Herta Müller mit Sicherheit nicht kennt.
Bestimmte Wörter kehren immer wieder. Die "Mokkatassen", aber auch "Brombeeren" und "Pappeln". Die Inhalte der Gedichte streifen das dadaistische, jandlsche und zeugen von einem bitteren Witz. Da ist eine große Ironikerin am Werk. Mitunter entsteht durch die Collagentechnik hinreißender Unsinn, den zu interpretieren sich verbietet, vielmehr ist Genießen die richtige Reaktion. Da werden Bedeutungen verkoppelt, auf die sie mit der Tastatur oder dem Stift wohl kaum gekommen wäre. Tatsächlich finden sich auch Hinweise auf Beschattung, Bedrohung und auszuführende Anweisungen, aber es dominiert freundliches Befremden, Begegnungen in der Traumzone und Dinge am falschen Ort (z. B. Brombeeren als Knöpfe). Die Zeilenumbrüche sind eigenwillig gewählt und ergeben sich teilweise aus der Länge der Wörter. Das erschwert das Lesen dann, wenn man zu wenig Zeit hat, aber nur dann.
Hätte sie die Gedichte konventionell notiert, dann hätte ich mir dieses wunderbar gestaltete Buch, das sich als Geschenk für ganz besondere, dafür empfängliche Personen hervorragend eignet, nicht gekauft. Vor zehn Jahren erwarb ich die gesammelten Gedichte von Robert Gernhardt und danach war Schluss mit Lyrik. Keine Bachmann, kein Celan, kein Grünbein. Nun bin ich erstaunt, wie viel Gewinn ich aus diesen Wortkombinationen ziehe. Reime scheut sie nicht, obwohl sie jedes Mal von neuem überraschen. Ein paar wenige Gedichte sind auffallend kurz, so wie dieses:
unlängst habe ich gehört
dass manche Leute längst bei
andern wohnen als atem
fliegen oder kaffeebohnen
Keines trägt einen Titel. Die meisten sind vollgestopft mit Wörtern. Die Surrealisten hätten Herta Müller jedenfalls gemocht. "sobald ich die melone aufschneide wird innen / drin ein großäugig zwergenhafter mann aus / dem schlaf gejagt" - so was finden sie andauernd. Die schiere Menge dieser Assoziationen macht den Reiz dieser Nebenbeiarbeiten aus. Weil es so schön ist, ein vollständiges Gedicht von ihr, das erste in diesem Buch:
am kleinen strand da kamen wieder
die feinen mitglieder zusammen der
hauptvorsteher der fremdgeher und
dessen sogenannte tante der langnasige
schlafgestörte der
ansthasige taxifahrer der
unerhörte pelzprobierer der
weißbeschuhte flötenspieler der
ausgeruhte rheumadoktor der
zoovertreter und etwas später
zwei soldaten die jeden montag
urlaub hatten als man sie
beim essen zählte fehlte einer
die zu klein gekaufte hose lag
dort auf der bank ihr herr war
ein verandaschreiner kann sein
daß er ertrank