"Kaum war er eingenickt, brabbelte die halbe Welt in seinem Hirn und erzählte ihm phantastische Geschichten von fernen Reisen. In dieser halb entdeckten Welt brachte ihm jeder Tag Neuigkeiten von unbekanntem Zauber. Die bilderreiche, enthüllende Traumpoesie des Alltäglichen war noch nicht von der engstirnigen, nüchternen Wirklichkeit erdrückt. Es waren wundersame Geschichten gewesen, die ihn, den Geschichtenerzähler, zur Tür hinausgetrieben hatte, vor allem jene eine, und die mochte sein Glück bedeuten oder ihn das Leben kosten."
(Die bezaubernde Florentinerin, Seite 19/20).
Im letzten Licht des Tages gleißte der See vor der Palaststadt wie ein Meer aus Gold. So beginnt die sagenhafte Geschichte aus der Feder von Salman Rushdie, bei der man am liebsten auf den Flügeln der Phantasie davon fliegen möchte. Worte, kostbar und schön wie Perlen, fügen sich in Satzketten zusammen und werden zur schmückenden Zierde dieses Romans. Neben diesem Schmuckwerk fallen jedoch auch derbe, hässliche Worte und fügen sich in das Gesamtbild ein. Schönheit und Hässlichkeit, Großmut und Grausamkeit, Liebe und Hass, Rache und Vergebung liegen in diesem Werk nahe beieinander und vereinen sich zu einem faszinierenden Ganzen.
Als der gelbhaarige, junge Mann mit dem absurd langen, aus kunterbunten Lederlappen zusammengenähten Mantel in der indischen Stadt Fatehpur Sikri eintrifft um dort sein Schicksal zu erfüllen, hat er bereits einen langen Weg hinter sich. Aus der fernen, italienischen Stadt Florenz ist er gekommen, vorbei an dem afrikanischen Kontinent um nun, im Jahre 1572 dem mächtigen und geliebten Herrscher Akbar die Geschichte der verschwiegenen Prinzessin zu erzählen und die beginnt wie folgt:
"Es lebte dereinst im fernen Osten ein Fürst namens Argalia, auch Arcalia genannt, ein großer Krieger, der Zauberwaffen sein eigen nannte und zu dessen Gefolge vier schreckliche Riesen gehörten; außerdem war eine Frau bei ihm, Angelica, die Prinzessin von Indien und China, die schönste Frau, die je gelebt hat, eine Zauberin ohnegleichen, Herrin über magische Tränke und Bannsprüche, deren Macht weithin gefürchtet war."
Diese Angelica oder Quara Köz, wurde auch Prinzessin Schwarzauge genannt und war eine direkte Nachfahrin von Dschingis Kahn, Angehörige des Hauses Timur und Schwester des ersten Mogulherrschers über Indien. Also eine Verwandte des nun amtierenden Herrschers Akbar. Doch nicht nur diese verwirrende Mitteilung sorgt für Aufregung am königlichen Hofe. Denn der Geschichtenerzähler selbst, Niccolò Vespucci, der sich auch Mogor dell`Amore nennt, nachdem er das Herz der berühmten Hure Mohini, genannt das Skelett, erobert hat, behauptet ein Sohn dieser verschwiegenen Schönen und damit der Onkel seines indischen Gastgebers zu sein. Der philosophische Mogulherrscher möchte dieser sagenhaften Geschichte auf den Grund gehen und verlangt von Vespucci, die ganze Wahrheit zu erfahren. Der mächtigste Mann des östlichen Reiches ist einer fiktiven Lieblingsfrau ergeben, die immer mehr Ähnlichkeiten mit der schwarzäugigen Fremden hat, die ihm der Geschichtenerzähler beschreibt. Wie kam diese Angelika einst in das ferne Florenz und wie ist ihr Schicksal mit ihrer fernen Heimat und Familie verbunden?
Die Geschichte entführt in das ferne Florenz der Renaissance, in dem die Medici herrschten. Dort lebten die drei, sehr unterschiedlichen Freunde, Antonio Argalia, Niccoló Ill Machia und Ago Vespucci. Während Ago sich keinen anderen Lebensmittelpunkt als seine geliebte Stadt vorstellen kann, zieht es den Waisenjungen Argaglia in die Ferne, in der er Heldentaten vollbringen und erst dann zurück kehren möchte, wenn seine Heimatstadt einen Kämpfer braucht. Und tatsächlich: Als Florenz politisch schwer durchgeschüttelt wird, ist Argaglia mit seinen tapferen Männern zur Stelle. Doch er hat nicht nur männliche Unterstützung mitgebracht. Die wunderschöne Prinzessin Angelica, welche Argaglia aus dem Palast eines Scheichs befreit hat, bezaubert die Italiener und die ganze Stadt feiert die Schöne als Heilsbringerin. Doch von der Zauberin zur Hexe ist es nur ein kleiner Schritt. Die bezaubernde Florentinerin und ihre Gefährtin Spiegel wissen um die Gefahr. Welche Zukunft liegt vor der Schönen, die bereits ein so bewegtes Leben geführt hat? Was wird aus den drei Jugendfreunden? Wie ist ihr menschliches Schicksal mit der Stadt Florenz verknüpft? Und was bedeutet die ganze Geschichte für den lauschenden Herrscher im fernen Indien?
Wer eintauchen will in eine Welt voller Wunder, die berauscht, entzückt, entsetzt und in Staunen versetzt, der hat zu dem richtigen Buch gegriffen. Dies ist eine Globalisierungsgeschichte, die man nicht zu fürchten braucht, sondern die Seele vereint. Eine große Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, eine Heimatverbundenheit, spricht aus den Worten des Autors. Eine Sehnsucht, die man gut nachvollziehen kann, wenn man die Geschichte ihres Erfinders kennt.
Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Witzigerweise heißen die vier Schweizer Riesen des Helden D`Artagnan, Otho, Botho und Clotho. Ob Rushdie wohl ein Fan von dem großen, französischen Abenteuerroman ist? Man darf es auf jeden Fall vermuten.
Dieser Roman ist schöner als ein Märchen aus Tausend und eine Nacht. Er entfaltet einen kaum gekannten Zauber, der wirklich berührt und noch lange nachwirkt.