10 Jahre nach der schwarz-blauen Wende zeugt der mediale und politische Diskurs Österreichs immer noch von späten Nachwehen der EU-Sanktionen (ein guter Teil der österreichischen EU-Feindlichkeit wird dadurch fundiert) und seit damals erhobener Vorwürfe ("Machtgeilheit" der ÖVP, "Verrätertum" der SPÖ). Doch als schwarz-orange 2006 von einer neuerlichen "Großen Koalition" abgelöst wurde war der Umschwung ernüchternd. Die Krise im Vorfeld des Jahres 2000, die bewegten 90er-Jahre mit ihren rasch aufeinander folgenden Neuwahlen, sie scheint anzudauern. Was mitunter dazu geführt hat, dass man nach wie vor kaum sachlich über die Geschehnisse von damals reden kann. Kein Wunder, ist das politische Spitzenpersonal von damals längst noch nicht gänzlich aus dem Dienst ausgeschieden und sind doch einige der seit damals immanenten Probleme der Republik kaum gelöst. So dauert auch der Kampf jener "Widerstandskämpfer" des Jahres 2000 weiterhin an, wie Frederik Bakers Film "Widerstand im Haiderland" 2010 bezeugte. Bei den Arbeiten zu diesem Film dürfte Baker dann auch seiner Co-Herausgeberin Petra Herczeg begegnet sein.
Dank den geknüpften Kontakten und gesammelten Interviews im Rahmen des Films konnten Baker und Herczeg wohl schließlich DIE BESCHÄMTE REPUBLIK konzipieren. Eine Aufsatzsammlung die an das Jahr der Wende erinnern will, doch zugleich die Vielfältigkeit der damaligen Widerstandsbewegung sehr bezeichnend beschreibt. Es sind Essays, Reden und Interviews die von den Herausgebern zusammengeführt wurden, um einen Einblick in die Protestbewegung zu ermöglichen.
Doch genau deshalb stößt der Untertitel "10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich" schnell an seine Grenzen. Das Buch beschwört nur Erinnerungen, anstatt zu zeigen wie sich die politische Gesellschaft seit 2000 entwickelt hat. Welche Geister zunächst gebannt später wieder auferstanden sind. Die Autorinnen und Autoren gehen viel zu selten auf diese 10 Jahre ein und konzentrieren sich eher auf die schwarz-blaue Wende als deren Hintergründe und Folgen.
Gerade die ersten beiden Essays von Eva Mückstein (Die kompromittierte österreichische Seele) und Maximilian Gottschlich (Der Scham-Faktor) sind unkonkret und kein historischer Rückblick den man in vergleichbaren Publikationen erwarten würde. Dazu kommen noch einige Beiträge in denen der Fokus eher auf einer Kritik an der schwarz-blauen Kulturpolitik durchschimmert, als Betrachtungen zu Gesellschaft, Politik und Zeitgeschehen. Gerade diese fehlende klare Stoßrichtung nimmt dem Werk einigermaßen den Reiz. Die Vergangenheit scheint noch zu nahe, um sie den "Experten" wie Politikwissenschaftlern, Historikern und in deren Profession unterwiesenen Publizisten zu überlassen. Denn wie gesagt, die Krise lebt fort. Jene Bücher, welche die Krise im Sinne einer Bewältigung eben dieser aufarbeiten werden müssen noch geschrieben werden. Publikationen wie die vorliegende erlauben jedoch einen wertvollen und zeitnahen Einblick in die Sicht- und Denkweise von Akteuren auf der Seite der Zivilgesellschaft.
Neben Reden von Marlene Streeruwitz, Doron Rabinovici, Armin Wolf und Martin Pollack, sowie Beiträgen Elfriede Jelineks, Farid Hafez, Konrad Beckers weist DIE BESCHÄMTE REPUBLIK auch mit Interviews von Bernard-Henri Lévy, Robert Menasse und Josef Hader aufzuwarten. In ihren Ausführungen nehmen gerade Katharina Krawgna-Pfeiffer, Doron Rabinovici und Christa Zöchling auch die Rolle der Kronen Zeitung in der österreichischen Innenpolitik aufs Korn, was schon eine eigene Publikation wert wäre, doch wegen der fortwährenden Bedeutung der Krone derzeit noch wenig aussichtsreich.
2010 war DIE BESCHÄMTE REPUBLIK neben SANKTIONEN der zweite Band der sich mit der jüngsten Vergangenheit Österreichs zu beschäftigen versuchte. Deutlich weniger akademisch ausgerichtet bietet das Werk zwar einen möglichst breit gefächerten Einblick in die Ansichten der Widerständigen von 2000, doch nicht jene vom Untertitel suggerierte Rückschau auf die Entwicklungen seit dem Amtsantritt von Schwarz-Blau. Was 2010 noch fehlen würde wäre ein ähnlicher Sammelband mit Beiträgen von Politikern, Diplomaten, Wissenschaftlern und Journalisten.
Fazit:
Leider nicht jenes Buch über Österreichs Weg seit 2000 das ich mir eigentlich vom (Unter-)Titel her erwartet hätte.