11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Einerseits bedenkenswert, andererseits recht schmalspurig, 1. November 2009
Eine unzufriedene Ausstrahlung der Mutter bewirkt im kleinen Mädchen eine grundlegende Verunsicherung", schreibt Catherine Herriger in ihrem 1988 erschienenen Buch "Die böse Mutter. Warum viele Frauen dick werden und bleiben". Ich habe mich deswegen mit diesem 21 Jahre alten Buch noch einmal befasst, weil der Kösel-Verlag es jetzt - im Jahr 2009 - neu aufgelegt hat.
Natürlich wäre es gut, wenn Ärzte - die eine Frau anschauen, sehen, dass sie mehr auf den Rippen hat als das Normgewicht und ihr dann, statt ihr zuzuhören und sie sorgfältig zu untersuchen, nur einen Vortrag über zu viel und zu fettes Essen halten - dieses Buch lesen würden. Es wäre ein Einstieg zum Verständnis für ihre Patientinnen, aber eben nur ein Einstieg. Besser aber wäre es, wenn sie zum Beispiel "Familiengeheimnisse" von John Bradshaw lesen würden. Und das gilt letztendlich für alle am Thema "Verstrickung innerhalb der Familie" Interessierte. Denn das, was Catherine Herriger über die "böse Mutter" schreibt, ist vergleichsweise simpel und vor allem für Menschen geeignet, die sich erstmals in ihrem Leben einer psychologischen Fragestellung nähern wollen.
Zudem stört es mich, wenn die Autorin Übergewicht als "Kastration" bezeichnet, und zwar deswegen, weil es
1. die Kastration von Mädchen verharmlost, denn leider werden in manchen Regionen trotz weltweiter Proteste noch immer die Genitalien kleiner Mädchen verstümmelt, weil das angeblich "Tradition" ist
2. weil das einem Schönheitsideal huldigt, dass u.a. auch dazu führt, dass Mädchen magersüchtig werden, sich in den reichen Industrienationen, wo es genug zu essen gibt, fast zu Tode hungern
3. weil es viele Männer gibt, die füllige Frauen oder "Frauen mit Format", wie die Modebranche sie inzwischen nennt, sehr gern mögen - und die sind bestimmt nicht alle impotent, was sie ja sein müßten, wenn die Körperfülle ihrer Frau bedeuten würde, dass kein Liebesleben mehr stattfindet
4. weil es inzwischen kein Reporter mehr wagt, eine Politikerin auf ihr Gewicht anzusprechen, seit eine der Klügeren auf so einen Übergriff in die Persönlichkeitsrechte mit dem Satz: "Ich liebe jedes Pfund an mir", geantwortet hat
5. weil es außer der Sexualität noch andere wichtige Bereiche im Leben des Menschen gibt, also auch im Leben einer Frau.
Trotzdem ist einiges in diesem Buch bedenkenswert, beispielsweise wenn Catherine Herriger ihre oben zitierte Aussage weiter ausführt: "...genau an diesem verunsicherten 'Fundament' in der frühkindlichen Weiblichkeitsentwicklung werden später die Kastrationsversuche der Mutter ansetzen. Und wenn sie dann nicht als solche erkannt und bekämpft werden, bleibt der Tochter nichts anderes übrig, als ihrerseits ein als Frau 'beschnittenes' und daher zum großen Teil unglückliches Leben anzutreten. Auf diese Art wird die Mutter und deren Dasein als Frau nicht in Frage gestellt. Dadurch, dass es der eigenen Tochter nicht 'besser' geht als ihr selbst, kann keine Rivalität aufkommen, und die Stellung der Mutter nicht angetastet werden. Diese Sicherstellung der Mutter erfolgt nur über die 'Ent-Weibung' der eigenen Tochter. Die Tochter darf nicht anziehend, nicht reizvoll, nicht verführerisch - auf gar keinen Fall 'Weib' sein! Es würde nicht genügen, die Tochter nur innerlich zu verunsichern; sie muss äußerlich unansehnlich werden."
Doch da ist es wieder, das, was mich stört: Sind nur dicke Frauen "unansehnlich"; und was genau ist das eigentlich? Gibt es nicht auch hässliche, sehr dicke Männer? Und dünne Frauen, die so häßlich sind, dass mancher sie geradezu abstoßend findet? Aber: Oh Wunder, sie alle werden dennoch geliebt; und sie lieben! Liebe bemißt sich eben nicht in Zentimetern oder Kilogramm. Man denke nur an die schwergewichtige Beraterin und Management-Trainerin Sabine Asgodom. Sie hat 2008 - ebenfalls bei Kösel - ihr Buch "Liebe wild und unersättlich" herausgebracht, für das ihr ihre neue, ganz große Liebe die Basis lieferte, und zwar nach fünf Jahren des Alleinlebens und der zuvor erfolgten Scheidung ihrer 30 Jahre alten Ehe.
Und dennoch: Es gibt ja tatsächlich so etwas wie einen generationsübergreifenden Übertragungsprozess. Das weiß man inzwischen - wieder - sollte man sagen, denn er wird ja schon in der Bibel erwähnt. Es lohnt sich also, diesen Übertragungsprozess in der eigenen Familie genau unter die Lupe zu nehmen. Nur darauf geht dieses Buch nicht wirklich ein. Es bleibt eher an der Oberfläche, nämlich bei der eindimensionalen These, die Großmutter habe ihre Störung an die Mutter weitergegeben, und die gibt sie nun 1:1 an ihre Tochter weiter. Die Rolle, die der ganze Clan bei der Entwicklung eines Kindes spielt, kommt in Catherine Herrigers Modell nicht vor. Auch Männer spielen kaum eine Rolle. Und das sind die beiden Einflußfaktoren, die mir fehlen. Denn die eigenwilligen Interpretationen der Märchen Aschenbrödel und Schneewittchen reichen mir dazu nicht aus.
Obwohl Catherine Herriger natürlich recht hat, wenn sie erklärt, dass der Vater als "Identifikationsfigur in bezug auf Weiblickeit" für die Tochter kaum einen Stellenwert hat: "Genauso wie der Sohn sich mit dem Körper des Vaters identifiziert, richtet sich das Mädchen in seiner Körperlichkeit nach der Mutter." Nur: Die Mutter ist nicht die einzige Frau auf der Welt. Etwa bis zum Alter von sieben Jahren lernt ein Kind vor allem durch Nachahmung der in seiner Familie vorhandenen Vorbilder, spätestens dann aber kommen weitere Möglichkeiten hinzu. Spätestens jetzt spielen auch andere Frauen eine Rolle im Leben des Mädchens, in der Schule, in der Kunst, in der Literatur, in Film und Fernsehen, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft usw.
Nebenbei bemerkt: Jeder Mensch muss - wie die Bibel schon sagt - Vater und Mutter "verlassen", also möglicherweise vorhandene Verstrickungen auflösen. Das gilt keineswegs nur für Töchter, die eine "böse" Mutter haben. Denn wer sein Elternhaus nicht verläßt, dessen Lebensreise kann nicht losgehen. Jede Reise fängt bekanntlich mit einem Schritt vor die Tür an, raus aus dem Haus, raus aus allem bisher Vertrauten. Und das gilt für alle Lebensbereiche, den Beruf, das Vereinsleben, eine Kirchengemeinde evtl. wie für die Erotik mit dem Ehemann. Natürlich lohnt es sich, auf dem Lebensweg den Rucksack zu öffnen, den einem der Clan auf den Rücken geschnallt hat und seinen Inhalt zu prüfen: was ist nützlich, was ist ungeeignet. Das nur mit den Gaben der Mutter zu tun, empfinde ich als zu wenig. Aber als Tochter zunächst einmal die Mitgift der Mutter anzusehen, ist sinnvoll - und darum geht es in diesem Buch.
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