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Die atlantische Mauer: Roman
 
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Die atlantische Mauer: Roman [Taschenbuch]

Reinhard Jirgl

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Neue Zürcher Zeitung

Vereinigungen ohne Einigung

Neuere Berlin-Romane – und Reinhard Jirgls grosser Wurf

Von Jochen Hörisch

Die deutsche Nachkriegsliteratur hat sich der geteilten Stadt nur selten angenommen. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer häufen sich nun die Versuche, dem Topos Berlin literarisch gerecht zu werden. Mit Reinhard Jirgls Roman «Die atlantische Mauer» ist eines der faszinierendsten Bücher zu diesem Thema erschienen.

«Cette ville toute moderne» – so klar und einprägsam hat Madame de Staël Berlin charakterisiert. Ganz und gar modern ist die preussische Hauptstadt für die denkende Zeitgenossin um 1800 nun aber nicht etwa, weil sie so sein will, sondern schlicht deshalb, weil sie nur auf eine ganz kurze Vergangenheit zurückblicken kann, die es an epochenübergreifender Dauer, kultureller Produktivität und historischer Grösse mit Athen oder Rom und auch mit London oder Paris nie und nimmer aufzunehmen vermag. Heinrich Heine hat diese Überlegung aufgegriffen und noch radikalisiert. «Berlin», so schreibt er in der «Reise von München nach Genua», «Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloss den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist; diese bilden das geistige Berlin.» Das «geistige Berlin» wird auch heute von Schriftstellern mitgeprägt, denen «der Ort ganz gleichgültig ist». Und eben diese Gleichgültigkeit gegenüber einer Stadt, die seit ihrer Charakterisierung durch Madame de Staël ihren Mangel an Geschichte schrecklich überkompensiert hat, kennzeichnet viele Bücher der neuen Berliner Literaturszene.

«Generation Golf» lautet der essayistische Erfolgstitel des Berliner Journalisten Florian Illies. Das neue, nicht mehr ummauerte Berlin nach 1989 wird kulturell von einer in jeder Weise mobilen Generation dominiert. Ein verlässliches Massenauto der unteren Mittelklasse ermöglicht keine Fluchten zuhauf, ist aber geradezu altertümlich im Vergleich zu neuen Mobilitätskultgeräten wie dem ans Internet angeschlossenen PC, dem Handy oder dem seltsam ortlosen Videokonferenzstudio (wo ist der Ort eines solchen Gesprächs?). Und so bildet sich – worauf so unterschiedliche Bücher wie der «Weiberroman» von Matthias Politycki mit seiner Erfindung der 78er-Generation oder Heinz Budes Arbeiten zum neuen Generationenverständnis gezeigt haben – im Fadenkreuz neuer medialer Unorte und Zwischengenerationen ein sozialcharakterliches Paradox heraus: der massenproduzierte Aussenseiter.

Um es mit Norbert Bolz zu formulieren: «Konfirmisten des Andersseins» bevölkern weite Teile der neueren Berlin-Literatur. Was bei Oscar Wilde noch ein halb monströser, halb suggestiver soziologischer Ausnahmecharakter war, wird etwa in Christian Krachts «Faserland» oder Benjamin von Stuckrad-Barres «Soloalbum» zum Massenartikel: der Dandy wird so individuell wie ein nach persönlichen Vorlieben computergesteuert produzierter Golf. Diesem Neo-Dandy ist es gleichgültig, ob er in Manhattan, Mailand oder Berlin shoppt, danct, e-mailt und Begierden outsourct. Die Gegentendenz zu solchen Motiven und Stilen ist auch schon vertreten: die Flucht aus Berlin, bevor man Berlin eigentlich erkundet hat. Mit «Sommerhaus, später» hat Judith Hermann ein Tschechow-Töne elegant reaktivierendes Buch über den Traum vom Leben auf dem Land und über die Unmöglichkeit, diesen Traum zu leben, vorgelegt. Der Alexanderplatz ist heute kaum mehr titeltauglich, das verrottete Sommerhaus im brandenburgischen Sand taugt dafür durchaus. Alles ist heute später.

Früher, 1988, also ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer, erschien eine knappe, dichte und witzige Erzählung von Thomas Meinecke. Sie stand unter dem ganz und gar nicht grossstädtischen Titel «Holz». Und sie berichtete davon, wie drei Potsdamer Grazien über den vereisten Wannsee nach Westberlin entschwebten. Zum Unglück des Ich-Erzählers erweisen sie sich als nicht sonderlich tauglich für sein Vereinigungsbegehren. Sind sie doch lesbisch. Insofern und nur insofern haben sie keine grossen Schwierigkeiten, sich schnell in den westlich dekadenten Stand postmodernen Lebens hineinzufinden – in eine Kultur, die, da allseits akzeptiert, den Titel «Alternativkultur» kaum mehr verdient. Thomas Meinecke hat für diese verhaltene Paradoxie eine schöne Formel gefunden: die in jeder Weise kaputte und vielfach geteilte Stadt Berlin offenbart sich als ein Ort in permanentem «Ausnahmezustand». Aber man muss heute nicht einmal mehr ein frommer Christ sein, man muss nicht einer Tradition zugehören, die seit zweitausend Jahren auf die Wiederkehr des Erlösers wartet, um zu wissen, dass ein andauernder Ausnahmezustand per definitionem aufhört, einer zu sein.

Berlin war bis 1989 der Ort, an dem man mit unvergleichlicher Schärfe erfahren konnte, dass wir in Zeiten ungelöster politischer, sozialer, kultureller und ökologischer Konflikte leben. Und dass das wiederum kein so grosses Problem sein muss. Denn kein zweiter Ort dürfte nach trostlos radikalen Versuchen gründlicher Problemlösungen dem Phantasma, es gebe dauerhafte Erlösungen von allen Problemen, so fern gewesen sein wie die vergleichsweise komfortable Doppelstadt Berlin. Die alte Sottise, wonach Berliner sagen, die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos, Wiener hingegen, die Lage sei hoffnungslos, aber nicht ernst, kam in Zuschreibungsschwierigkeiten. Konnten doch West- und nach 1953 bzw. 1961 wohl auch Ostberliner, so sie sich denn Erlösungsfixierungen aller Art begaben, lernen, mit dem Wiener Niveau an Einsichten in die reizvollen Dimensionen gründlich missratener menschlicher Verhältnisse mitzuhalten. Berlin wurde zum Ideal des Kaputten – an das man sich gewöhnen konnte. Ausnahmezustände haben eben ihren spezifischen Reiz.

METAPHYSIK DER OBERFLÄCHE?

Doch eigenartig: Die deutsche Nachkriegsliteratur hat sich, obwohl Literatur doch ohne Panik auf reizvolle Paradoxien einzugehen pflegt, des Themas Berlin (also des Themas der Spaltung) nur selten angenommen. Böll hatte an Köln, Grass an Danzig, Koeppen an Bonn, Walser am Bodensee, Johnson an Mecklenburg bzw. New York genug. Berlin wurde geradezu zur Terra incognita der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Noch diese Vermeidung hat ihre Vorgeschichte. Denn sie kann an die Berlin-Umgehung grosser und grösster Namen anknüpfen: Hölderlin und Eichendorff haben Heidelberg, Doderer und Musil haben Wien, Rilke und Handke Paris, nicht aber Berlin gehuldigt. Goethe und Thomas Mann schliesslich waren an Berlin auffallend desinteressiert. Goethes Werk insgesamt ist eigentümlich ortlos – man weiss nicht, wo die Wahlverwandten wohnen oder in welchen Städten Wilhelm Meisters Theater gastiert. Und Thomas Mann lesend, erfährt man Genauestes über Lübeck und München, nicht aber über Berlin. Kurzum: Berlin war schon vor 1945 ein Thema, ein Ort, ein Topos nur derjenigen Schriftsteller, die eigentümlich quer zu dem standen, was man ernste Hochliteratur nennen kann. Wunderbare, witzige und sprachmächtige, aber eben auch stets leicht marginalisierte Schriftsteller wie E. T. A. Hoffmann, Heine, Fontane, Döblin, Erich Kästner (sein Berlin-Roman «Fabian» ist bis heute unterschätzt), Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin waren von Berlin fasziniert – nicht aber diejenigen, denen es ganz ernst war und die ohne Vorbehalte ernst genommen wurden.

Das gilt auch für die Literatur nach 1945. Thomas Beckers «Bürgschaft», Bodo Morshäusers «Berliner Simulation», Anne Dudens «Judasschaf», Botho Straussens «Paare, Passanten» oder Jürg Amanns «Fort» sind einige der aufschlussreichen Ausnahmen – Werke nämlich, die sich Berlin zuwenden und sich dabei jedem allzu ernsten politästhetischen Fundamentalismus verschliessen. Das Beispiel von Botho Strauss ist in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. An Berlin hatte sein Werk das entschiedenste Interesse, solange es einer illuminierenden Metaphysik der Oberfläche verpflichtet war. Mit seinem Abschied von Berlin in Richtung Uckermark hat dieser ungemein sprachbegabte Schriftsteller die Fähigkeit verloren, ein Deutsch zu schreiben, das so leicht, klug und aufmerksam ist wie das metropolitane, aber die Reize der Provinz stets mitbedenkende Französisch von Marcel Proust. Von Berlin produktiv fasziniert zu sein heisst offenbar, Tiefenschürfereien aller Art zu entsagen.

Ob deshalb ein Kunstmedium, das sich zur Oberfläche bekennt, anders als die Nachkriegsliteratur so auffallend auf Berlin fokussiert war? Berlin war und ist ein eminentes Thema des Films. Hinweise auf «Eins, zwei, drei» von Billy Wilder, auf «Die Engel über Berlin», «Berlin Chamissoplatz» oder «Cabaret» genügen, um die Wahlverwandtschaft zwischen dem filmischen Medium und der medialen Stadt Berlin herauszustellen. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer häufen sich nun endlich die Versuche, dem Thema Berlin auch literarisch gerecht zu werden. Und so wie der Bundeskanzler immer erneut beschwört, dass das wiedervereinigte Deutschland mit der neu-alten Hauptstadt Berlin «ein ganz normales Land» ist, so tun auch auffallend viele Schriftsteller alles, um ganz normale Literatur vorzulegen. Literatur, die entwaffnend freundlich auf den Anspruch verzichtet, avantgardistisch, tiefsinnig, unerhört und gewagt zu sein. Wer den literarischen Boulevard der neueren Berlin-Literatur auf und ab flaniert, bekommt statt dessen leichte, im besten Fall leichtsinnige Geschichten erzählt.

Einige Beispiele: Der bewährte Berlin-Schriftsteller Peter Schneider hat mit «Eduards Heimkehr» (Rowohlt-Verlag, Berlin 1999) einen im besten Sinne witzigen Roman vorgelegt. Der altlinke Wissenschafter Eduard Hoffmann geniesst mit Weib und Kind seit Jahren im sonnigen Kalifornien die Vorzüge des American way of life. Da erreicht ihn die Botschaft, dass er Besitzer eines Hauses in Ostberlin ist. Und ihn überfällt eine seltsame Form von Heimweh nach dem Ort, an dem er eigentlich nie zu Hause war. Im Verlauf des Kampfes um das Hauserbe verschieben sich alle gewohnten Zuschreibungen und Denkschemata: «Die einstige Hoffnung der roten Zelle Biologie stand als entfesselter Hausbesitzer da, als der böse Engel der Enteignung und Kolonialisierung, als Vertreter der Schlosspartei.» Der Schmöker hat eine Stärke: Er bringt eine amerikanische Tugend ins Herz deutscher Finsternis – die Fähigkeit «to take the role of the other». Und er hat eine deutliche Schwäche: Alles geht märchenhaft gut aus. Ganz Berlin wird auf amerikanische, ach was: kalifornische Weise gut gelaunt und leicht.

So auch im Roman «Die Stadt hinter der Mauer» (Argon-Verlag, Berlin 1999), den der 1965 geborene, in London und Berlin lebende Philip Hensher vorgelegt hat. Er spielt 1988 und ist mehr noch als Schneiders Roman wild zur guten Laune entschlossen. Der Plot erinnert an Beckers «Bürgschaft»: Friedrich und Daphne lernen sich im Auto des homosexuellen Mr. Picker kennen. Eine Mitfahrzentrale hat die unterschiedlichen Charaktere in das stählerne Gehäuse eines PKW gebannt, der dann noch in der Silvesternacht auf der Transitautobahn kurz vor Erreichung der Westberliner Freiheit eine Panne hat. Die drei bleiben auch danach in Kontakt. Nicht zuletzt durch Mr. Pickers Projekt, die DDR zu Fall zu bringen, indem er ihre traurigen Bewohner vom Genuss preiswerter Antidepressiva abhängig macht. Friedrich soll der Drogeneinkäufer und -kurier werden, will aber erst mal Mr. Picker um sein Geld bringen usw. pp. «Schelmischer Bildungsroman» nennt das der Klappentext. Wie schelmisch ist es, «das Besondere an Berlin» darin zu entdecken, dass es sonst «keine Städte mehr gibt, die von einer Mauer eingeschlossen sind»?

Auch Martin Kurbjuhns seltsam ungelenker («Unter dem Teppich der Vogelstimmen liess ein Junge Flaschen in den Glascontainer fallen») Roman «Der Mann und die Stadt» (Rowohlt-Verlag, Berlin 1999) spielt kurz vor dem Mauerfall. Ein Westberliner Soziologe hält, obwohl oder weil arbeitslos, die Westberliner Hektik nicht aus und entdeckt die Vorzüge sozialistischer Gelassenheit und Langsamkeit. Er wird zum Wanderer zwischen zwei Berliner Welten und zwischen zwei Frauen und so weiter und so fort. Belohnt wird, wer dennoch weiterliest, mit Charakteristiken des (wohl nicht nur) Westberliner Universitätslebens, die so bösartig wie hellsichtig sind.

Eins wird klar: Berlin an der Jahrtausendwende ist faszinierender als viele neuere Berlin-Romane. Sie feiern die neue Leichtigkeit des Seins, verzichten auf allzu viel deutschen Ernst und erreichen doch nie die Dimensionen kultiviertester Oberflächlichkeit aus Tiefe, die E. T. A. Hoffmanns, Fontanes oder auch Kästners Berlin-Prosa eigen war. Den Paradoxien einer dichten Stadtwelt, die nicht mehr dem zuvor an keinem anderen Ort der Welt so klaren Imperativ «draw a distinction» unterliegt und also orientierungslos wie ein Möbiusband ist, zeigt sich da eher schon Cees Nootebooms Roman «Allerseelen» gewachsen.

Mit einer Videokamera streift der niederländische Journalist Arthur Daane durch das winterliche Berlin. Und macht dabei eine Erfahrung, die Kracauer vor fast vierzig Jahren auf den Begriff brachte: Die audiovisuellen Medien betreiben «the redemption of physical reality». Nootebooms Roman hat das schärfste Bewusstsein davon, dass 1989 nicht «nur» ein Weltreich zerfiel, alte Orientierungsraster implodierten und eine geteilte Stadt wiedervereinigt wurde, sondern dass sich 1989 auch ein neues Medienzeitalter seine kultische Versiegelung gab. 1989 war (siehe Schabowskis legendäre Pressekonferenz) auch eine audiovisuelle Echtzeit-Revolution. Aug in Aug mit dem Stand der Mediendinge führt Nooteboom (mit den schönen Worten eines Philosophen aus Berlin) die Möglichkeiten «denkender Betrachtung» (Hegel) vor Augen. Und Berlin kann ein Ort, kann ein Topos noetos der Einsicht in die Tiefen der neuen Leichtigkeit des Seins im Zeitalter nach den Ideologien und nach den unproduktiven Unterscheidungen sein.

TIEFSCHWARZER GLANZ

So versöhnlich ist Reinhard Jirgls Roman «Die atlantische Mauer» nicht gestimmt. Hier liegt (nach den 1995 bzw. 1997 erschienenen Romanen «Abschied von den Feinden» und «Hundsnächte») nun zum drittenmal in vergleichsweise kurzer Folge ein Prosawerk vor, das jedem, der überhaupt noch lesen will, schlicht verbietet, in das allmählich gottlob abflauende Gerede über den bejammernswerten Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur einzustimmen. Virtuoser, rhythmischer, anspielungsreicher, komplexer und zugleich eindringlicher ist in deutscher Sprache seit Johnsons «Jahrestagen» nicht mehr geschrieben worden. Jirgl bringt das Zauberkunststück fertig, zugleich hochartistisch und ungemein packend zu formulieren. Die Geschichte, die er erzählt, ist in ihrer Trostlosigkeit faszinierend, weil sie sprachlich einen tiefschwarzen Glanz entwickelt, der sich an dem von Joseph Conrads Novelle «Heart of Darkness» messen kann.

«Das Grauen, das Grauen» steht im Zentrum auch dieser Geschichte einer deutschen Familienbande. Eine nicht mehr ganz junge Frau, die als Regieassistentin und Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet hat, will nach dem Fall der Mauer ihrer Geschichte entkommen und die Schallmauer durchbrechen, die sie, das DDR-Sozialisationsprodukt, von der anderen Seite des Atlantiks trennt. Dieser Versuch, sich (auf den Spuren von Gesine Cresspahl?) in New York aus traumatisch misslungener Familien- und Staatsgeschichte auszukoppeln, scheitert in der profansten Weise – an Passproblemen. Und so kommt sie, die eine längere Affaire mit einem vermögenden Arzt hatte, ins vereinte Berlin zurück. Dort tauchen die bösen und in ihrer bösartigen Qualität goyahaft grotesken Geschichten wieder auf, denen sie so entfliehen wollte wie Iphigenie dem Atridenfluch: die Geschichte ihrer Eltern; die Geschichte der Freundin und jetzigen «Schwesterfrau» ihrer Mutter, die als westdeutsches Nachkriegskind von ihrem Vater missbraucht wurde und als Erwachsene glaubt, in der DDR humanere Lebensverhältnisse zu finden; die abgründig lustige Geschichte des Vereinigungstreffens der gespaltenen Familie und die Geschichte ihres Ex-Mannes, der – ein anderer Hannibal Lextor – das Schweigen der Lämmer hört und als Serienmörder die ihm unerträgliche «Menschenschwemme» bekämpft.

Der fünfundsiebzigseitige Monolog «Vom Leben in der Tiefe» dieses aus der Psychiatrie Entflohenen zählt zu den sprachlichen Höhepunkten der deutschen Nachkriegsliteratur überhaupt. Obsessiv kreist dieser Monolog um eine Themen- und Motivkonstellation, die nicht davor zurückschrecken muss, «Winterreise»-Sujets wie das der schwarzen Sonne und das des Endes aller Träume mit Fixierungen auf «Sparzwänge» und die mörderische Abschaffung der «vielzuvielen» zu verbinden. Er ist eine Hasstirade gegen «die unerschütterliche Schäbigkeit des Seins (. . .) die ganzen Müll&menschenhaufen»

«Der Tod als grosse Wasserspülung. Spass muss sein. Nicht zuviel. Nichts vergeuden. Sparzwang. Kein Tod in dieser Welt. Kein Tod. Keiner. Unsterbliche Zukunft (. . .) Das Frühjahr meiner Wörter. Das Grauen. (. . .) Endlich sterben. Nicht mehr bleiben. Abhauen. Raus. Sterben können. (. . .) Nichts mehr sein als nichts.»

Das ist der gnostische Rausch eines perversen Saubermannes, der als Schauspieler ehemals im Theater eine moralische Anstalt sah. In diesem Rausch des Hasses verdichtet sich die Traumageschichte des 20. Jahrhunderts zur Kenntlichkeit: unterhalten und gespeist wird sie vom Willen zum Exodus aus dieser Welt, der eins wird mit dem Massen-Exitus.

Dagegen setzt die eine Hauptfigur ihren kleinen Exodus. Sie fliegt ein zweites Mal nach New York, lernt im Flugzeug einen älteren Schriftsteller kennen und wird in dessen deutsch-amerikanische Familienbande initiiert. Eine rätselhafte Metamorphose beschliesst den Roman, der im übrigen durch strikte Figurenrede und die nur auf den ersten Blick manieristische alphanumerische Orthographie (die an Arno Schmidt geschult ist, aber milder und funktionaler als beim Vorbild ausfällt) für kristalline Eindeutigkeit bei höchster Komplexität sorgt. Die Regieassistentin wird hinübermoduliert in die New Yorker Schwiegertochter des Schriftstellers.

Nicht Sein oder Nichtsein, sondern New York oder Berlin, nicht Exodus als Exitus, sondern einfach nur der Tausch der Lebensformen ohne jede Illusion, es gäbe das ganz andere, das erlöste Leben – indem er solche Alternativen weniger ausformuliert als andeutet, hat der jeder falschen Heiterkeit unverdächtige Roman seine ironischen Komponenten. Die Regieassistentin, die Ex-Frau des Mannes aus Tantalus' Geschlecht, die Krankenschwester, die Frau, die nicht nur die Berliner, sondern beim zweiten Versuch auch die atlantische Mauer überwindet, hat durchaus iphigeniehafte Züge. Sie ist (wie Goethe von seiner Titelfigur sagte) «verteufelt human».

Jirgls Figuren sind buchstäblich Besessene – und zum Teil Besessene, die Besessenen ihre Besessenheit austreiben wollen. Aber sie artikulieren noch das Grauen, sie verstummen nicht, sondern werden in geradezu monströser Weise beredt. In unterschiedlichsten Wendungen formulieren sie gemeinsam ein Verlangen: endlich von der Fixierung auf Erlösung erlöst zu werden, damit aus dem Heilsverlangen ein Heilungsbegehren mit Aussicht auf Erfolg werden kann. Reinhard Jirgl hat (wieder!) einen bedeutenden Roman geschrieben. In Zeiten, in denen einige wenige Medien-Aktien den milde sinkenden alten DAX herausreissen, sei das profane Bild erlaubt: Jirgls «Atlantische Mauer» steigert den DLQX (Deutsche-Literatur-Qualitäts-Index) beträchtlich. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000
Da kennt einer seinen Jirgl und ist ihm (eigentlich) wohlgesonnen: Ernst Osterkamp würdigt auf einer ganzen Zeitungsseite die "hohe Kunst der Dunkelmalerei" des Autors, der "über so viel Sprache verfügt wie wenige zeitgenössische Erzähler". Wenn er am Ende den Autor auch weiter "bewundern" will für seinen "sprachlichen Reichtum", so hat er dennoch dieses "Virtuosentum" zuvor kräftig auseinandergenommen und den Schreiber gründlich demontiert. Akribisch notiert Osterkamp zu Beginn, auf welcher Seite ein Lächeln erfolgt, hält sich an die Figur, die es zustandebringt und hofft auf eine Gestalt, die einmal die mit Ekel und Groll vermauerte Jirgl-Welt überwindet. Und obwohl sie das mit einer schlussendlich noch gelingenden Absetzbewegung nach New York (der erste Versuch schlägt fehl) tatsächlich schafft, ist sie derweil im "Jirgl-Blues" wieder zerredet und verschwunden. So schreibt Osterkamp der Geschichte, die in drei Teilen jeweils eine oder zwei der Figuren zu erzählen aufgegeben ist, ausführlich hinterher und nimmt sie derweil gleich auseinander: so hat ihn zum Beispiel die Passage des verrücktgewordenen Schauspielers enorm verärgert, da in der "Perspektive des Irrsinns" alle Differenzierung verlorengeht. Osterkamp moniert Jirgls Ironie-Resistenz und "Privatorthographie", die keinem Erkenntnisinteresse mehr dient. Er rät dem Autor auch, künftig dem Schweigen mehr zu trauen als der Rede des Ekels. Am Ende doch eher ein Verriss.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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