Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meisterwerk der phantastischen Literatur, 21. Juni 2006
Ein Zeichner wird von einem Schulfreund in das neugeschaffene Traumland eingeladen. In diesem Land herrscht der unermeßlich reiche Freund als Herrscher. Der Zeichner und seine Gattin wollten ohnehin ins Ausland und fahren nach Zentralasien, wo das Musterländle sich befindet.
Schon an der Grenze wundern sie sich über die Mauer, die das Reich abschirmt. Im Reich selbst fügen sie sich bald ein. Die Wunderlichkeiten des Landes nehmen sie hin. So gibt es eine seltsame "Uhr-Zeremonie", deren Sinn zwar niemand begreift, die aber alle Einwohner geradezu zwanghaft wiederholen. Je länger der Zeichner mit seiner Gattin dort verweilt, desto antriebsloser werden beide. Das ist kein Wunder, denn Neues zu entwickeln, von der Idee bis zur Ausführung, ist im Traumland verboten. Es fehlt im Traumland jedes Ziel.
Schließlich wird das Leben zum Alptraum, ohne daß es einen direkten Grund gäbe.
Der Held dringt in den Palast des Freundes vor und entdeckt, daß alle Einwohner des Landes nur Figuren in einem Traum sind. Diese Tatsache scheint aber immer weniger für den Helden selbst zu gelten, ebensowenig für einen geheimnisvollen Amerikaner, der schließlich mit ein Grund für das Ende des Traumlands ist.
Außerdem gibt es noch eine geheimnisvolle Bevölkerungsschicht, die sich ebenfalls als immun erweist.
Das Buch ist eine Parabel auf - ja, worauf denn? Mir kam zuallererst das alte Testament in den Sinn. Die Schöpfung, in der keine Entwicklung gestattet ist, wird vom Paradies zur Hölle. Den einzigen Weg zur Weiterentwicklung bildet der Teufel, doch führt sein Weg über die Zerstörung des Paradieses und über die Zerstörung Gottes.
Daß der Zeichner selbst überlebt, hat er allein seinem trotz allem nicht einzuschläfernden Geist, seiner Phantasie und seiner seelischen Kraft zu verdanken. Der Held des Buches wird auch nicht Anhänger des Amerikaners - er ist in der Lage, aus der Zerstörung des Paradieses letztlich unschuldig einen neuen Anfang zu wagen, und zwar ohne Gott und ohne Teufel.
Ob diese Deutung auch nur in Ansätzen richtig ist, wage ich nicht zu sagen. Insgesamt erinnert die Atmosphäre des Buchs an die des Lieds "Hotel California" - mit dem Augenmerk auf der Zeile: "we are all just prisoners here of our own device".
Die Sprache des Buchs ist wie Marzipan für den geplagten Leser moderner, alltagssprachlicher Bestseller. Die Ausgabe ist nicht illustriert, was schade ist - Kubins Zeichnungen hätten sich sicherlich sehr zur Illustration geeignet.
Sehr empfehlenswerter Lesestoff für alle, die wirklich gute phantastische Literatur und nicht nur "Fantasy" lesen wollen.
|
|
|
17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Demiurg ist ein Zwitter, 24. Oktober 2005
In das Zwielicht eines bizarren Traumreiches mit einer ebenso bizarren Hauptstadt "Perle", worin ein undurchsichtiger Diktator über seine Untertanen, die Träumer, herrscht, entführt uns Alfred Kubin in seinem phantastischen Roman "Die andere Seite"."Der Demiurg ist ein Zwitter", mit diesem Satz schließt der Autor den grandiosen Roman ab. Der Demiurg (Weltenbildner, Weltenbauer) als ein Zwitterwesen, aus zwei unterschiedlichen Komponenten bestehend, genau wie seine Schöpfung, die Welt, aus einer Traum- und aus einer Realitätskomponente zu bestehen scheint. Aber die möglichen Deutungen des Textes sind zahlreich wie die Mengen der phantastischen Bilder, die Kubin uns Lesern präsentiert. Man kann sie deuten vom tiefenpsychologischen, politischen oder philosophischen Ansatz her. Die akribische Genauigkeit seiner Beschreibungen und Schilderungen verrät unzweifelhaft den Künstler, Poe und Hoffmann waren wohl die literarischen Quellen, die seinen phantastischen Erzählfluß gespeist haben, der dann wiederum andere Geister inspirierte, unter anderen auch Kafka. Die Menge der skurrilen Bilder stürzt in überwältigender Vielfalt auf den Leser ein und gäbe sicher Stoff für ein Dutzend Romane oder noch mehr. (So ist wohl auch die Meinung eines der Vor-Rezensenten zu verstehen, Kubin verliere den roten Faden in der Entropie seines Chaos.) Alfred Kubins Werk gehört zur visionären Literatur, gespeist aus dem Unbewußten, nicht gerade leicht zu verdauen, aber für mich hebt sich "Die andere Seite" wohltuend ab von der ausgedünnten Buchstabensuppe aufgeblähter Bestsellerschwarten, die uns von vielen der heutigen Autoren kredenzt wird. Viele Worte aber wenig Substanz. Visionär ist dieser Roman aber noch in einer anderen Hinsicht, denn irgendwie beschwört Alfred Kubin mit der Schilderung des düsteren Traumlandes bereits die Schatten des kommenden dritten Reiches herauf. Patera hat den gleichen destruktiven, ins Nekrophile gehenden Charakter Hitlers (und anderer Tyrannen). "Er wollte alles vernichten" schreibt Kubin im Kapitel 'Der Tod Pateras'. "Hier waren Einbildungen einfach Realitäten", schreibt er an anderer Stelle. Einbildung und Realität, das erstere ist die andere Seite des zweiten und umgekehrt. Kurz vor Ende des Romans schreibt Kubin: "Das Rätsel Patera bleibt ungelöst." Aber nicht nur dies, viele Rätsel, nahezu alles im Roman bleibt ungelöst, zerfließt wie in einem Traum im Nebel der Mutmaßungen.
|
|
|
10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kubins persönlicher "Turmbau zu Babel", 27. Februar 2003
Wohl nicht erst seit der biblischen Turmbau-Geschichte ist dieses Thema in der Literatur absolut in. Man kann es bei vielen Namen rufen, und in jeder Kultur oder Disziplin unserer Wissenschaften wird dies ein wenig anders getan: "Gott gegen den Satan", "Vernunft vs. Grazie", "Aufbau und Niedergang", "Neigung der etablierten Ordnung zur Selbstzersörung ab einem bestimmten Ordnungsgrad" etc. Kubin feiert in seinem einzigen Roman den Untergang seines inneren Babylons in bedrückenden, surrealen und grotesken Bildern, die nicht nur Freud-Freunden und Jungianern etwas sagen dürften. Oft wird der Autor auf Grund dieses Buches in einem Atemzug mit Gustav Meyrink genannt, und in der Tat hat sein Werk auf vielen Ebenen Gemainsamkeiten mit dem "Golem", wobei Meyrink als Vollblut-Schriftsteller wohl doch den geschliffeneren Stil hat. Allerdings harmoniert Kubins etwas "ungeübte" literarische Ausdrucksweise meiner Meinung nach ganz hervorragend mit der Wildheit der Bilder, in die er seine Thematik packt.
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|