Ein deutsches Frauenschicksal zu Beginn des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch-Südwestafrika: Damit die kolonialen Bestrebungen des Deutschen Reichs Früchte tragen, brauchen die dortigen Siedler Frauen aus der Heimat. Diese werden von der Kolonialgesellschaft gezielt angeworben und an Ort und Stelle verschifft. Auf was diese Frauen sich letztlich einlassen, ist ihnen aber nicht klar - so verwundert es nicht, dass sich der erträumte Aufbruch in ein neues Leben ein wahrer Alptraum entpuppen kann.
Aus diesem historischen Stoff müsste sich doch eigentlich ein interessanter Roman schreiben lassen - dachte ich mir. Das ist dem Autor leider aber überhaupt nicht gelungen.
Erzählt wird die Geschichte des Bremer Waisenmädchen Hanna. Als Kind im Heim unterdrückt und vom Pfarrer missbraucht, setzt sich ihr leidvolles Leben und vor allem der sexuelle Missbrauch als Dienstmädchen in verschiedenen Familien fort. Die Reise nach Afrika ist für sie eine Flucht - aber dort angekommen, soll sie Frau eines widerlichen deutschen Siedlers werden. Auf der mehrtägigen Zugreise ins Landesinnere des heutigen Namibia widersetzt sie sich seinen Annäherungsversuchen, nur um anschließend sexhungrigen deutschen Soldaten zum Opfer zu fallen, die in der Kolonie eingesetzt werden, um gegen die aufständischen Eingeborenen zu kämpfen. Schwer verletzt und verstümmelt taugt sie schließlich nicht mehr als Ehefrau und wird zusammen mit anderen Frauen, die sich nicht "vermitteln" lassen, in eine Art Puff in der Wüste abgeschoben, in dem regelmäßig deutsche Soldaten einfallen.
Nachdem Hanna einen dieser Soldaten, der sich an einer jungen Mitinsassin vergehen will, umgebracht hat, flieht sie gemeinsam mit dem jungen Mädchen in die Wüste und beginnt einen blutigen Rachefeldzug, bei dem sie von Eingeborenen verschiedener Stämme unterstützt wird und kein deutscher Soldat im Lande mehr vor ihr sicher ist...
Am meisten ärgert mich an der Geschichte, dass sie viel zu dick aufgetragen ist und dadurch vollkommen unglaubwürdig und platt wirkt. Die dargestellten Personen gleichen allesamt Karikaturen und verleihen dem Roman eine groteske und unfreiwillig komische Note. Die deutschen Männer sind fast ausnahmslos sexgeile und brutale Säcke, die deutschen Frauen entweder grausame Aufseherinnen / Dienstherrinnen oder hilflose Opfer.
Die Eingeborenen hingegen sind durchweg edelmütig und gut: Sie unterstützen Hanna, sind medizinische Experten und erzählen am laufenden Band ihre Sagen, wenn sie nicht gerade mit Regenmachen beschäftigt sind.
Die Handlung hangelt sich von einem sexuellen Missbrauch zum nächsten, wobei ab dem zweiten Teil, nachdem Hanna die Flucht in die Wüste gelingt, noch das ein oder andere blutige Gemetzel eingeschoben wird.
Letztlich verärgert und irritiert mich der Roman aber auch deswegen, weil ich dem Autor nicht abnehme, dass er sich wirklich auf die Seite Hannas, der missbrauchten und gequälten Frau, schlägt. Zwar schwelgt er immer wieder in Beschreibungen sexueller Gewaltorgien, kann es aber auch nicht lassen, seiner Protagonistin ein gewisses "Vergnügen" dabei anzudichten. So heißt es von Hanna, während sie einem Ihrer Dienstherren sexuell zu Diensten ist: "Immerhin bemerkt sie, wie fast jedes Mal ihre Brustwarzen hart werden. Und um die Wahrheit zu sagen, wird sie das eine oder andere Mal auch feucht...". Allein diese schmuddelige Altmänner-Phantasie trägt viel dazu bei, am (angeblichen ?) Ziel des Autors - nämlich die Anprangerung der beschriebenen Zustände, insbesondere der sexuellen Unterdrückung der Frauen - gehörig zu zweifeln.
Die andere Seite der Stille