Nachdem das Buch von Claudia Kemfert zum Klimawandel im Rundfunk besprochen worden ist - vielleicht war es sogar ein Interview mit der Autorin - hat sich die Oma entschlossen den Enkeln das Buch zu schenken.
Um es kurz zu machen: wenn ich den Inhalt zuvor gekannt hätte dann hätte ich versucht das zu verhindern. Nicht dass das Buch vollständig schlecht wäre, nein. Aber es ist nicht gut genug.
Da gibt es doch viel bessere (dazu komme ich zum Schluss).
Claudia Kemfert argumentiert zwar flüssig und gut lesbar, und ganz sicher sind ihre Argumente prinzipiell richtig (sie trägt leider oft Eulen nach Athen); offenbar hapert es aber schon bei der Recherche. Das Buch macht insgesamt den Eindruck, dass es überhaupt nicht vor der Veröffentlichung von einem Fachmann bzw. einer Fachfrau gegengelesen worden ist.
Auch ihre Danksagung erwähnt das nicht.
Viele kleine und große Schludrigkeiten würzen die Abhandlung.
Zahlen, die gar nicht stimmen können, weil sie satte drei Größenordnungen daneben liegen (Bitte: Grundrechenarten!), Daten, die ohne Quellenangabe eingesprenkelt werden und einfachster Prüfung nicht standhalten, Fakten, die gar keine sind - schade.
Immer mal wieder so ein Satz wie "wir Experten wissen das".
Aua.
Der Exmann ihrer Vermieterin - Steve Jobs, auf dem Hollandrad, der gerade wieder einen millionenschweren Managerjob in seiner Firma Apple übernommen hat?
Jeder halbwegs belesene Computerstiesel weiss, dass er zuerst für genau *einen* Dollar Gehalt zum "iCEO" wurde. Frau Kemfert nicht.
Sonst hätte sie es uns sicher mitgeteilt - es hätte ihre Pointe sein können.
So bleibt ihr nur das Hollandrad.
Sicher mag man Frau Kemfert zugute halten, dass Sie in die richtige Richtung rudert. Herausgekommen ist dabei aber leider ein Buch *höchstens* für Kinder - oder vielleicht Finanzmanager:
also für naive Gemüter, denen es auf die sachlichen Details sowieso nicht so sehr ankommt.
Man erfährt so nebenher, das die Autorin die Weisheit mit dem großen Löffel zu sich nimmt: zwischen Ihrem Abitur und der Berufung zur Professorin der VWL haben (nur) zehn Jahre gelegen, die Volkswirtschaftslehre ist eine Wissenschaft (na von mir aus), Frau Kemfert fliegt regelmäßig nach Washington (aha, tonnenweise vermeidbares CO2) und berät dort eigenhändig das IPCC ...
Das von vielen Rezensenten vergebene Attribut "erfrischend unideologisch" entpuppt sich leider zum Teil ebenfalls als Denkschema im Kopf der Autorin, hie und da tauchen bissige Seitenhiebe auf Öko-Fundamentalisten auf - nur:
wo gibt es die denn eigentlich überhaupt noch?
Kommt es zum Thema Energie bzw. Energiewirtschaft - schwupp, schon geht es um Kraftwerke und die Stromerzeugung.
Ein altes Leiden.
Halthalthalt, möchte man als sachkundiger Bürger rufen:
da gehört unbedingt zuerst eine Analyse hin, wie viel Energie in welcher Form und wofür genau gebraucht wird. Eben die beliebten Tortendiagramme aus der Basisvorlesung "Energiewirtschaft".
Aber nix. Es fehlt auch das Stichwort "Umwandlungsverluste".
Mal eben zu behaupten, es werde vorgeschlagen, Erdöllagerstätten mit Hilfe von aus Kraftwerksabgasen abgeschiedenem CO2 auszupressen - mit Lektor wär' das nicht passiert.
Die Kohlenstoffbindung heisst auf englisch Carbon Sequestration, aber die Abkürzung CCS benennt üblicherweise die Technik der Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid: Carbon Capture and Storage. Nicht Sequestration.
Wieder daneben - peinlich.
Und so weiter und so fort.
Stattdessen die Autorin in Nadelstreifen formatfüllend auf dem Buchdeckel: das setzt sich im Inhalt fort. An einem zu klein geratenen Ego leidet sie also sicher nicht; man mag ihr den Blondie-Girlie-Faktor zugute halten, wenn man das "erfrischend" findet.
Fachleute möchten derlei unbedarften Umgang mit dem ernsten Thema Klimawandel aber auch durchaus deprimierend finden.
Noch was: die unter Ökonomen übliche Betrachtungsweise, nur was sich in Geld (-Wert) ausrechnen lässt hätte überhaupt einen Einfluss, ist bekanntermaßen absolut unzutreffend.
Der Maschinenbauer Larry Page (der Google Suchmaschinen-Erfinder) hat es in Davos für die Nadelstreifen auf den Punkt gebracht:
Geld bildet die Welt nur unzureichend ab.
CO2 Zertifikate sind nur eine Krücke, die finanziellen Folgen der Verbrennung von fossilen Kohlenwasserstoffen irgendwie in den globalen Wirtschaftslauf einzubeziehen.
Von einer wirklich nachhaltigen Wirtschaftsweise sind wir damit immer noch Lichtjahre entfernt. Auch wenn Frau Kemfert erkannt hat, dass nur diese Straße in die Zukunft führt: Geld ist nicht die Welt (auch wenn es sie regiert).
Da hat sie Recht: Innovation tut Not.
Schenken wir dieses Buch in Gedanken mal Herrn Ackermann, oder vielleicht allen Mitgliedern des unseligen deutschen Atomforums, denn immerhinn outet sich Frau Kemfert als Kernkraftgegnerin (ehrlich: bravo!).
Bewertung: eigentlich höchstens zwei, für Letzteres aber dann doch drei Sterne (denn Kernkraft ist eben *nicht* CO2-frei. Man beachte die Brennstoffgewinnung und -"Entsorgung". gut!).
Denn ob es durch unser Handeln in Zukunft nun zwei, vier oder zehn Grad wärmer wird, davon hängt womöglich ab, ob unser einzigartiger Planet bewohnbar bleibt oder sich tatsächlich zur Gänze in eine Wüste verwandelt.
Das hat nun überhaupt nichts mit Pessimismus oder öko-moralinsaurem Nörgelwesen und Depression zu tun, sondern schlicht mit Physik.
Die Hauptsätze der Thermodynamik, einfache Stoffbilanzen und elementare Folgen ihrer Anwendung (Carnot!) sollten Pflichtwissen für Abiturienten sein, das wäre sicher auch ein Gewinn für die nachfolgend angeeignete Volkswirtschaftslehre.
Denn es gilt zu erkennen, dass entlang der Kette der Energieumwandlungsprozesse Geld verdient (Wert geschöpft) wird und nicht umgekehrt einfach mit Geld Energie gekauft werden kann.
Am Anfang war das Feuer; Geld kommt erst *viel* später.
Wenn z. B. das preiswert gewinnbare Erdöl erst verbraucht ist, hilft auch alles Geld der Welt uns nicht weiter - von dieser Sucht müssen wir am besten runter, bevor der große Katzenjammer kommt.
Das weiss irgendwie sogar Frau Kemfert.