- Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
- Verlag: Klett-Cotta (2001)
- Sprache: Englisch
- ISBN-10: 3608931627
- ISBN-13: 978-3608931624
- Größe und/oder Gewicht: 21,3 x 13,4 x 2,9 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.243.698 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
|
Barbara Bongartz' New-York-Roman
Gut sechs Buchseiten nimmt das Verzeichnis ein, worin Barbara Bongartz die Herkunft der Zitate nennt, um die herum sie ihren Roman «Die amerikanische Katze» gebaut hat. Von Alfred Andersch über Adolf Loos bis zu Edith Wharton reicht die Liste. Die für den Roman bedeutsamsten Namen sind zweifellos Sylvia Plath und Djuna Barnes und Nietzsche, der in seiner dem Buch vorangestellten Sentenz aus «Menschliches, Allzumenschliches» vor den im Zitieren liegenden Tücken warnt, die gerade für junge, ihrer Sprache und der «Moral des gewählten Stils» noch nicht sichere Autoren zur Falle werden können. Im Register der Quellen nicht aufgeführt ist Maurice Blanchot, bei dem die Autorin geboren 1957 in Köln, heute in Düsseldorf und New York lebend die konzeptuelle Vorgabe für ihren ersten Roman gefunden haben könnte.
«Nein, keine Erzählung, nie wieder.» Diesen schon fast alles versprechenden Schlusssatz von Blanchots «La folie du jour» scheint «Die amerikanische Katze» zu paraphrasieren. Was in der Um- und Rückschreibung entsteht, ist die Chimäre einer Geschichte, die als verzerrtes Ornament ihrer Ablehnung zu lesen ist, in einem Roman, der sich selbst als Lektüre versteht. Es ist vor allem anderen die Lektüre der Stadt New York. Im Schlüssellochblick durch einen gotischen Bogen wird die Skyline von Manhattan zur Chiffre einer ebenso scham- wie geheimnislosen Arabeske, in welche sich die Erzählfigur als Fragment eines zwischen Abwehr und Imagination halluzinierenden, nicht zu schreibenden, nie zu vergessenden Textes einfügt.
Barona Busch ist der Name der Schriftstellerin, die ihr Sommerhalbjahr in der «Stadt aller Städte» referiert und erfindet. Im Herbst zuvor war ihre umfangreiche, rasch unter Plagiatsverdacht geratene Studie über «Die Melancholie des Vergeblichen» erschienen, in New York nun will sie über die legendären, von der Bauspekulation bedrohten Hotels für alleinstehende Frauen recherchieren. Mit dem Auftrag, die Katze Jane zu versorgen, haben ihr die Freunde George und Maxim die Wohnung in der 73. Strasse überlassen. Von da aus startet Barona Busch ihre schlafwandlerischen Streifzüge durch die in der Sommerhitze brütende Stadt, ziellos noch in ihrer «Zuflucht jenseits des Realen».
Die fluiden Markierungspunkte dieses vorwiegend von Verlorenen weiblichen Geschlechts bevölkerten «Jenseits» bilden einerseits Barona Buschs eigene jüngste Vergangenheit in Europa, aus deren bedrängender Dunkelheit sie entkommen möchte, andererseits die Geschichte der New Yorker Frauenhotels und ihrer Bewohnerinnen. Da ist das «Barbizon Hotel», in dem Sylvia Plath im Sommer 53 logierte, da ist das «Martha Washington» und das «Allerton», in denen all die teils berühmten, teils namenlosen alleinstehenden Frauen unterkamen, oft für die Dauer eines halben Lebens bis sie in irgendeinem Altersheim oder auf der Strasse landeten. Eine zentrale Rolle im Roman kommt dem «Larrison Hotel» zu, dessen Geschichte dokumentarisch entfaltet wird, angereichert mit der Gestalt des so diffus wie bedrohlich in die Erzählgegenwart hereinragenden legendären Hotelgründers und Finanzmagnaten Ruben R. Stroheim.
Das ist spannend zu lesen; aufregend wird das reiche, komplexe Buch immer da, wo die Faszination der Autorin für all die obdachlosen Frauen der Riesenstadt sich unmittelbar in der Prosa niederschlägt. Estelle ist der Name der geheimnisvollen Streunerin, die sich zusehends in den Mittelpunkt der auktorialen Intrige schiebt. Auf den Spuren dieser Estelle verirren, verzetteln sich Barona Busch und ihre «nicht zu erzählende» Geschichte mehr und mehr. In der Lektüre von Estelles existenzieller Fluchtbewegung durch eine nur als Sehnsuchtsort fassbare Stadt wird der Roman zu seiner eigenen märchenhaften Legende, in der sich Barona Buschs Phantasien und Barbara Bongartz' Versatzstücke aus Literatur und Selbsterlebtem unauflösbar ineinander winden.
Dankbar geniesst man die wohl gelungensten Seiten des Buches, wo die ehrgeizige, an Paul Auster geschulte urbane Allegorik zu einem nicht sogleich als «buchstäblich» disqualifizierten Bild der Wirklichkeit findet, geradezu authentisch anmutend etwa in den Schilderungen der Exkursionen durch all die Wäschekammern und verlassenen Zimmerfluchten der alten Hotels. In der Evokation der abgestandenen Gerüche und Parfumdüfte gewinnt Bongartz' Prosa eine sinnliche Dimension: «Es handelte sich um den Geruch von Mottenkugeln, und zwar die der alten, herben Sorte, deren Schärfe einen niesen macht, versetzt mit Feuchtigkeit, darunter ein Anteil Schwefel oder Gas und als Kopfnote Samsara, eine Création von 1990, in der allerdings ein weit älteres Vorbild wieder auferstand, dessen Namen und Herkunft ich nicht kannte: schwer und süss, Moschus, Patschuli und Chypre enthaltend, ein Duft, der leicht die menschlichen Sinne vernebeln kann.»
Fast wundert es einen, dass das Wort «vernebeln» nicht kursiv hervorgehoben ist. Die Ansicht der Erzählerin, dass ihre Sprache, ob gewollt oder ungewollt, eine aus zweiter Hand ist, lässt ihre Autorin mit dem Kursivdruck von literarisch geadelten Vokabeln der Alltagssprache durchblicken. Am eindrücklichsten gelingt die Beweisführung in den Dialogen, wo nicht selten mitten im Satz eine fremde, mal mehr, mal weniger prominente Stimme sich einschaltet oder ein Gespräch überhaupt erst initiiert. Hier wird die Prosa vollends zu jenem Chor raunender Stimmen, in den sich die Erzählerin einfügen möchte, auf der Flucht vor ihrem als nur zu reale Fiktion begriffenen Leben.
«Nein, ich will diese Geschichte nicht erzählen. Nicht diese. Und auch keine andere mehr.» Barona Busch kann es nicht oft genug wiederholen. Es braucht eine über die ersten hundert Buchseiten hinausführende Geduld, um die Qualitäten dieses von einem ungebrochenen Willen zur Literatur beseelten «Romans der Vergeblichkeit» zu erkennen. Sie liegen nicht zuletzt in der kunstvollen Bewahrung jener «Stellen einer fremden Erzählung, wo meine Sehnsucht in den Worten anderer steht».
Bruno Steiger
Tags(Was ist das?)Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte. |
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||