[[ASIN:3499621746 Die alten Griechen] von Konrad Adam, erschienen bei Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin, Oktober 2006. 192 Seiten, ISBN 13: 978 3 87134 5531, ISBN 10: 3 87134 553 9
Wer sich an langen Winterabenden mit den Wurzeln unserer Kultur beschäftigen oder für einen Griechenland-Urlaub rüsten will, wird dieses Buch mit Gewinn - und Vergnügen - lesen. Der Autor mit offensichtlich humanistischem Hintergrund ist Journalist. Vielen wird er als Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (1979-2000) bekannt sein oder als politischer Chefkorrespondent der WELT" (seit 2000). Er besitzt die Gabe, eine umfangreiche Materie auf ihren wesentlichen Inhalt zu beschränken und diesen präzise und leicht lesbar darzustellen.
Legt man nach der Lektüre das spannende Buch aus der Hand, ist einem wieder deutlich geworden: Die Welt der alten" Griechen ist nicht tote Vergangenheit. Vieles, das sie beschäftigte, ist auch heute aktuell.
Die alten" Griechen haben wichtige Grundfragen des Lebens früher, ursprünglicher und auch verständlicher gestellt als andere, die später kamen. Sie kannten nicht nur - wie Adam schreibt - das Wahre, Schöne und Gute, sondern auch das Groteske, Schrille und Brutale. Ihre Helden treten paarweise auf: der Staatsmann Perikles und der Demagoge Kleon, der tapfere Herakles und der Feigling Jason, der weitschauende Prometheus und sein Bruder Epimetheus, der immer zu spät begreift. Adam bringt weitere Beispiele. Die Griechen gingen immer aufs Ganze um ihrer Freiheit willen. Ihr Zutrauen in die eignen Kräfte war grenzenlos. Sie sagten Werde, der du bist", entwickle die in dir steckenden Kräfte - nicht Sei, der du bist", wie Spießer und Kraftlose meinen.
Der Sprache - ohne die das Denken, die Verständigung, die Wissensspeicherung sowie die Bildung von Gesellschaft und Staat nicht möglich wären - galt die besondere Aufmerksamkeit der Griechen. Sie hatten - wie Adam schreibt - ein fast erotisches Verhältnis zur Sprache und schufen einen nahezu unglaublichen Reichtum an Form und Inhalt. Ihre Begabung zu systematischer Erkenntnis und klarer Begrifflichkeit befähigte sie, Ordnung in das sprachliche Chaos zu bringen und eine Grammatik aufzubauen. Die grammatische Struktur wiederum kam der Begriffsbildung und damit den Anfängen der Philosophie entgegen.
Sehr schön liest sich die mythologische Erklärung für die Entstehung der Demokratie in Griechenland. Eigentlich beruht alles auf der mangelnden Umsicht von Epimetheus, dem Zu-spät-Denkenden. Er sollte alle Kreaturen lebenstüchtig ausstatten und tat das auch recht erfolgreich bei den Tieren, denen er überlegene Kraft, extreme Schnelligkeit oder die Fähigkeit zur Tarnung gab. Als es zum Menschen kam, war nichts mehr übrig. Der Mensch blieb als Mängelwesen den Tieren unterlegen, unbehaart, unbeschuht und unbewaffnet. Da kommt Prometheus und verschafft den Menschen das Feuer und mit ihm die Fähigkeit, Waffen und Werkzeuge herzustellen. Der alte" Grieche Protagoras ergänzt: Der Mensch lebte noch außerhalb von Gemeinschaften. Zwar konnte er über die Sprache mit anderen in Verbindung treten, aber, wo immer Menschen zusammenzuleben versuchten, taten sie sich Unrecht und Schaden an, weil sie die Kunst noch nicht kannten, einen Staat zu verwalten. Besorgt um ihre Fortexistenz schickte ihnen Zeus mit dem Götterboten Hermes zwei Geschenke, den Anstand und das Rechtsbewusstsein, mit der Weisung, sie gleichmäßig auf alle zu verteilen.
Die Göttergeschenke und ihre gleichmäßige Verteilung machten es möglich, dass jeder an den Staatsgeschäften teilnehmen konnte - jedenfalls, wenn er männlicher Bürger war. Allerdings nahm die Athener Demokratie die Bürger wirklich in die Pflicht. Im Gegensatz zu unserer Demokratie, in der wir alle vier Jahre zur Wahlurne gehen, saßen sie laufend in endlosen Beratungen, mussten Ämter übernehmen, Kriegsdienst leisten und Geld spenden. Wer nicht mitmachte, galt als Privatmann", was auf Griechisch Idiot" heißt.
Der Umgang mit der Sprache und die Verantwortung für das Gemeinwesen sind unverändert aktuell. Der altgriechische Umgang mit der Sprache stimmt uns in einer Zeit nachdenklich, in der immer mehr Fäkalausdrücke in die Sprache einsickern und sprachliche Fortentwicklung verkümmert. Ohne Not und in großer Zahl werden englische Ausdrücke übernommen - bis zur Grenze des Lächerlichen. Bei der Deutschen Bahn hat sich eine Mischsprache entwickelt. Bei vielen Großunternehmen werden die Unternehmensbereiche mit englischen Namen versehen.
Wie schön wäre es auch, wenn wir Anstand und Rechtbewusstsein in Staat und Gesellschaft so pflegten, als wären sie Göttergeschenke! Dass die Demokratie, die auf Anstand und Rechtsbewusstsein beruhen muss, ein Geschenk des Schicksals ist, haben viele gespürt, als sie verloren war.
Diese beiden nacherzählten Beispiele aus dem Buch Konrad Adams mögen reichen. Was für sie gilt, passt auch auf die anderen Kapitel des Buches, die Anlass zu lebhaften Gesprächen bieten können.