Das neue Buch von Frau Niffenegger wollte ich mir nach ihrem großartigen Debütroman auf gar keinen Fall entgehen lassen. An ihrem Erstling hatte mich besonders die nahtlose Logik und paradoxienfreie Erzählungsweise beeindruckt, zusammen mit der liebevollen Beschreibung der Charaktere. In ihrem neuen Buch geht es um die Geschichte der Familie Noblin, den Zwillingsschwestern Edie und Elspeth, die auf verschiedenen Kontinenten wohnen und sich einst zerstritten, und um die Zwillingstöchter der einen, die nach dem frühen Krebstod der anderen deren Wohnung in London mit Blick auf den Highgate Cemetry erben. Die Mädchen nehmen das Erbe an und ziehen für ein Jahr nach London. Die eine, Julia, lernt den skurrilen Mieter Martin kennen, dessen Zwangsstörungen seine Frau aus dem Haus trieben, während die andere, Valentina, sich in den Mieter Robert verliebt, der pikanterweise schon der Liebhaber von Elspeth war. Gerade zu diesem Zeitpunkt gewinnt der Geist von Elspeth, der schon lange in Elspeth' alten Wohnung umherirrt, aber bisher zu schwach war, um sich bemerkbar zu machen, an Kraft und fängt an mit den Zwillingen und Robert zu kommunizieren. Der dafür empfängliche Zwilling, Valentina, entwickelt einen schaurigen Plan, um der Dominanz ihrer Zwillingsschwestern zu entkommen und überredet Robert und Elspeth dazu, ihn in die Tat umzusetzen.
Die einzelnen Charaktere sind liebevoll gezeichnet und in ihrer Schrulligkeit durchaus interessant, dagegen bringen einige Nebenhandlungen auf dem Friedhof die Geschichte nicht wirklich voran. Mehrfach war ich versucht, ganze Paragraphen zu überfliegen, um den Handlungsstrang etwas schneller zu erfassen. Wirklich identifizieren konnte ich mich mit den zwei jüngeren Zwillingen nicht, da sie merkwürdig antriebslos sind, wie eigentlich alle der genannten Charaktere außer Elspeth. Es ist auffällig, dass keiner der Charaktere wirklich arbeiten geht, und sie bleiben in diesem Leben voller Freiheit merkwürdig gehemmt und ziellos.
Die Motivation für den Plan, den Valentina fasst, kann ich nicht nachvollziehen. Auch warum Robert daran mitwirkt, wird nicht deutlich genug, keines seiner beiden Motive (Angst und Verliebtheit) wird eindrücklich genug beschrieben. Gegen Ende hoffte ich nur noch darauf, dass ein wahnsinniger Kniff am Ende die Geschichte aus der Alltäglichkeit reißt (unheimlicher Geist hin oder her), aber die Hauptcharaktere befreien sich nicht, ändern nichts und bleiben wie einmal angestoßene Gegenstände im Vakuum des Alls in Bewegung.
Es kommt mir so vor, als hätte die Autorin verschiedene interessante Ideen unbedingt in einen einzigen Roman gießen wollen: einen Menschen, der trotz seiner Zwangsstörungen unglaublich sympathisch ist, einen interessanten Friedhof und seine Geschichte, die Schwierigkeit von Zwillingen sich als Zweisam doch individuell zu definieren, und, wie es der Klappentext sagt, die große Liebe und die Suche nach erträglicher Nähe. Die Mischung ließ keiner dieser Handlungsstränge genug Platz sich glaubwürdig zu entwickeln. Über Martin hätte ich gerne mehr erfahren.
Insgesamt ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss. Der Erstling dagegen gehört immer noch zu den Büchern, die ich empfehle und weiterverschenken würde.