Der Rote Salon: Aus zwei Kristallüstern fällt gedämpftes Licht. An den Wänden Gobelins mit Jagdmotiven. Zwei Glasvitrinen flankieren eine mit Blattgold überzogene Flügeltür. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Kachelofen; daneben eine weitere Tür. Eine Sitzgruppe aus barocken Möbeln. Ein zweisitziges Sofa, ein Tisch und drei Sessel. Schwere, dunkle Teppiche mit großen Rosen in Weiß und Apricot. Auf dem runden, dreifüßigen Tisch stehen eine Karaffe, mit Rotwein gefüllt, und zwei Gläser. Ergänzt um einen Aschenbecher aus Achat.
Auf dem Sofa wartet eine Frau in Schwarz. Die Ärmel des locker sitzenden Oberteils sind weit geschnitten, der Rock reicht bis zu den Waden. Um den Hals trägt sie eine breite, goldene Kette. Die Hände sind schmucklos, die Fingernägel mit farblosem Lack verschönt. Mit der rechten Hand hält sie einen Zigarillo, die linke ruht auf ihrem Schoß. Als an die Tür neben dem Kachelofen geklopft wird, ruft sie:"Ja!" Eine junge, blonde Frau in einem pflaumenblauen Kostüm trat ein."De konsul, Madame." Mit einer dezenten Handbewegung winkte sie den Konsul in den Roten Salon. Dann zog sie sich zurück und schloß die Tür.
Der Konsul, ein gut genährter Endfünfziger, durchschritt den Raum. Er trug einen cremefarbenen Anzug, dazu ein rosa Hemd und eine veilchenblaue Krawatte. Sein weißes Haar war frisch gewellt, und auf seinen Hängebacken kräuselten sich ebenfalls weiße, breite Koteletten, die bis zum Unterkiefer reichten.
Der Konsul war wie immer, wenn er den Roten Salon betreten durfte, bester Laune. Hätte er in seiner linken Hand nicht einen hellgrauen, großen Briefumschlag gehalten, sondern einen bunten Luftballon, wäre er auf jedem Kinderfest als Conferencier willkommen gewesen. "Madame Merle, welch eine Freude, Sie wiedersehen zu könnenEr verbeugte sich tief vor der auf dem Sofa Sitzenden, ergriff die ihm angebotene Hand und begrüßte Madame Merle mit einem galanten Handkuß.
Die Freude sei auch ganz auf ihrer Seite, entgegnete Madame Merle. Sie deutete auf die Sessel - er möge bitte Platz nehmen, zuvor aber etwas Wein einschenken. Madame Merles Deutsch war fehlerlos und frei von jedem Akzent.
Der Konsul legte den Briefumschlag auf das glänzende Eichenholz des Tisches, schlüpfte für einen Moment in die Rolle eines devoten Mundschenks und füllte, was ihm sichtlich Freude bereitete, die Gläser zur Hälfte. Dann plumpste er in den Sessel.
Beide griffen zu den Gläsern und tranken auf das Wohl des jeweils anderen. "Wie war die Fahrt, mein lieber Freund?"Madame Merle zog an ihrem Zigarillo, blies den Rauch zur Seite und klopfte die Asche in die Achatschale. "Bestens, die Autobahn war fast leer. Ich hatte freie Fahrt und kaum Verkehr."Der Konsul strahlte wie ein Honigkuchenpferd ob des gelungenen Reimes."Aber Letzteres wird sich ja bald ändern." Er lachte, hielt es für ein gelungenes Bonmot. "Gewiß, werter Konsul." Madame Merle lächelte dezent.
Der Rote Salon: Aus zwei Kristallüstern fällt gedämpftes Licht. An den Wänden Gobelins mit Jagdmotiven. Zwei Glasvitrinen flankieren eine mit Blattgold überzogene Flügeltür. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Kachelofen; daneben eine weitere Tür. Eine Sitzgruppe aus barocken Möbeln. Ein zweisitziges Sofa, ein Tisch und drei Sessel. Schwere, dunkle Teppiche mit großen Rosen in Weiß und Apricot. Auf dem runden, dreifüßigen Tisch stehen eine Karaffe, mit Rotwein gefüllt, und zwei Gläser. Ergänzt um einen Aschenbecher aus Achat.
Auf dem Sofa wartet eine Frau in Schwarz. Die Ärmel des locker sitzenden Oberteils sind weit geschnitten, der Rock reicht bis zu den Waden. Um den Hals trägt sie eine breite, goldene Kette. Die Hände sind schmucklos, die Fingernägel mit farblosem Lack verschönt. Mit der rechten Hand hält sie einen Zigarillo, die linke ruht auf ihrem Schoß. Als an die Tür neben dem Kachelofen geklopft wird, ruft sie: »Ja!«
Eine junge, blonde Frau in einem pflaumenblauen Kostüm trat ein. »De konsul, Madame.«
Mit einer dezenten Handbewegung winkte sie den Konsul in den Roten Salon. Dann zog sie sich zurück und schloß die Tür.
Der Konsul, ein gut genährter Endfünfziger, durchschritt den Raum. Er trug einen cremefarbenen Anzug, dazu ein rosa Hemd und eine veilchenblaue Krawatte. Sein weißes Haar war frisch gewellt, und auf seinen Hängebacken kräuselten sich ebenfalls weiße, breite Koteletten, die bis zum Unterkiefer reichten.
Der Konsul war wie immer, wenn er den Roten Salon betreten durfte, bester Laune. Hätte er in seiner linken Hand nicht einen hellgrauen, großen Briefumschlag gehalten, sondern einen bunten Luftballon, wäre er auf jedem Kinderfest als Conférencier willkommen gewesen.
»Madame Merle, welch eine Freude, Sie wiedersehen zu können.« Er verbeugte sich tief vor der auf dem Sofa Sitzenden, ergriff die ihm angebotene Hand und begrüßte Madame Merle mit einem galanten Handkuß.
Die Freude sei auch ganz auf ihrer Seite, entgegnete Madame Merle. Sie deutete auf die Sessel er möge bitte Platz nehmen, zuvor aber etwas Wein einschenken. Madame Merles Deutsch war fehlerlos und frei von jedem Akzent.
Der Konsul legte den Briefumschlag auf das glänzende Eichenholz des Tisches, schlüpfte für einen Moment in die Rolle eines devoten Mundschenks und füllte, was ihm sichtlich Freude bereitete, die Gläser zur Hälfte. Dann plumpste er in den Sessel.
Beide griffen zu den Gläsern und tranken auf das Wohl des jeweils anderen.
»Wie war die Fahrt, mein lieber Freund?« Madame Merle zog an ihrem Zigarillo, blies den Rauch zur Seite und klopfte die Asche in die Achatschale.
»Bestens, die Autobahn war fast leer. Ich hatte freie Fahrt und kaum Verkehr.« Der Konsul strahlte wie ein Honigkuchenpferd ob des gelungenen Reimes. »Aber Letzteres wird sich ja bald ändern.« Er lachte, hielt es für ein gelungenes Bonmot.
»Gewiß, werter Konsul.« Madame Merle lächelte dezent.
»Allerdings war es nicht einfach, am zweiten Advent der Familie zu entkommen. Meine Tochter war mit den Kindern zu Besuch, und die beiden kleinen Racker lieben ihren Großvater nun mal über alles. Da mußte Grandpa schon einiges erfinden, um sich abseilen zu können.«
»Was ihm ja offensichtlich gelungen ist.«
»Nicht nur das, meine Teure, ist mir gelungen. Nicht nur das.« Der Konsul deutete auf den hellgrauen Umschlag. »Statt der üblichen Spende für Ihr Haus kann ich Ihnen endlich das überreichen, was Sie schon lange begehren.«
»Ich wußte, daß Sie es schaffen.«
»Es war weiß Gott nicht einfach.« Der Konsul spielte mit seinem Siegelring.
»Ich bin mir sicher, daß die nächsten Stunden Sie für alle Mühen vorzüglich entschädigen werden.«
»Sie haben wieder alle vier..?« Des Konsuls Zunge strich über seine Lippen.
»Mein Lieber, lassen Sie sich überraschen. Wir werden ja morgen beim Frühstück noch die Gelegenheit haben, ein wenig über alles zu plaudern. Sie bleiben doch so lange?«
»Mit dem größten Vergnügen.«
Madame Merle legte den Zigarillo in den Aschenbecher. Dann glitt ihre Hand in die Tasche ihres Rocks und holte ein rundes, silbernes Döschen hervor. Sie klappte den Deckel hoch, tippte mit dem Finger auf die untere Hälfte. Es piepte kurz. Madame Merle schloß den Deckel und steckte das Döschen zurück in die Rocktasche.
»Carla wird Sie gleich abholen.« Sie erhob ihr Glas. »Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Nacht.«
Auch der Konsul griff zum Glas, bedankte sich artig und leerte seine Glas.
Kaum daß beide Gläser wieder auf dem Tisch standen, betrat Carla den Roten Salon.
Mit Elan verließ der Konsul den barocken Sessel, verbeugte sich galant. »Madame Merle, ich wünsche auch Ihnen eine wunderbare Nacht.« Dann folgte er der Blonden im pflaumenblauen Kostüm. Sie ließ ihm an der Tür den Vortritt.
Madame Merle nahm noch einen Zug, bevor sie den Zigarillo in der Achatschale ausdrückte.
Sie griff nach dem Umschlag. Auf der Vorderseite befand sich in der linken oberen Ecke in Reliefdruck das Wappen des Konsuls. Auf der Rückseite war der Umschlag mit rotem Lack versiegelt. Vorsichtig löste Merle das Siegel, zog den Inhalt heraus. Es waren Kopien von etwa dreißig Seiten der Stasi-Akte eines hochrangigen deutschen Politikers. Zusammengehalten durch einen Heftstreifen.
Als Merle alles gelesen hatte, mußte sie schmunzeln, denn wieder einmal war die Wahrheit weitaus verkommener als das, was man versuchte, den Menschen weiszumachen.