"Erdmann erkennt man". Mit diesem kongenialen Werbeslogan aus den achtziger Jahren,eines in der niedersächsischen Landeshauptstadt ansässigen, legendären Herrenausstatters möchte ich mal den Einstieg machen.
Man erkennt ihn auf jeder Seite. "Heinzer is back" um es mal distanzgemindert zu formulieren. Nicht nur das. Er ist "back for good".
Wer jetzt jedoch ein "aufgejazztes Fleischgemüse" erwartet und/oder erhofft wird ein wenig enttäuscht sein. "Die Zunge Europas" ist ein ebenso hervorragend beobachtetes und fein ziseliertes Sittenbild, liegt jedoch ein gutes Stück weiter unter der Oberfläche, als es Gurki und seine Truppe taten.
Man trifft auf einen, wie kaum anders zu erwarten, verirrten und überforderten Neoproletarier der sein Heil in den "kreativen Berufen" suchen muss, da ihm handwerkliches Geschick nicht gegeben scheint, oder er es im Laufe seines Lebens einfach nicht mehr weiter gepflegt hat. Es erschien ihm vielleicht zu banal, zu altbacken.
Auf über dreihundert Seiten verstrickt sich Erdmann in Beobachtungen über seine Umgebung und die darin enthaltenen Figuren. Hier kann Heinz Strunk seine ganze sprachliche Brillianz und sensitive Beobachtungsgabe zur Entfaltung bringen. Ich sage nur: "Halb Mensch, halb Salbe".
Erdmann schiebt sich von Zweifel zu Zweifel, immer hin- und hergerissen zwischen Verachtung und Mitgefühl. Für sich und für alle anderen.
Er zerdümpelt vor dem Orakel des kleinen Mannes, dem Fernseher, trinkt, raucht, verliert sich in hypochondrischen Gedanken, trinkt und verzehrt sich in sexuellen Phantasien. Es wird weniger "entsaftet" als in den "fleischigen Zeiten" und dafür ein wenig mehr philosophiert.
Insgesamt sind die Figuren nicht so zwingend wie im Vorgänger. Alles ist in ausgewaschene Farben getaucht. Ich kann mich nicht erinnern während der Lektüre überhaupt Farben gesehen zu haben. Da war alles grau-braun-beige mit vielleicht einem Hauch altrosa...
Und was ist das jetzt? Und wieso "Zunge Europas"? Worum geht es denn jetzt eigentlich? mag der eine oder andere sich Fragen.
Das Buch selbst gibt die Antwort:
"Wie länge erträgt man es, zu wissen, dass nichts mehr kommt?"
Das beschreibt es ziemlich genau. Ein Trudelnder, wie eine alte abgehalfterte Fischernetzboje die sinnfrei an die Kaimauer klopft. Tag ein Tag aus. So kommt einem Herr Erdmann vor. Wenn man davon ausgeht, dass die Boje ihr Schicksal jedoch nicht realisiert, im Gegensatz zu Erdmann, ist sie deutlich im Vorteil.
Wir haben es also, mal wieder, mit einem zu tun, der spürt das es nicht so läuft wie es laufen sollte und der sich damit beruhigt und tröstet, dass es offenkundig bei nahezu allen auch nicht anders ist.
Ist das zu wenig?
Ja, vielleicht ein bisschen. Heinz Strunk hat erneut bewiesen, dass er sprachlich alle Möglichkeiten besitzt Bilder von großer Intensität und schonungsloser Liebenswürdigkeit zu schaffen. Wenn er beim nächsten Werk noch den Mut dazu gewinnt den Schrecken nicht mit Humor, sondern mit Schmerz zu bekämpfen, die Oberfläche vollends zu verlassen um sich dem zuzuwenden was hinter den korrodierten und erodierten Fassaden pocht und pulsiert, dann wird es sicherlich ein noch intensiveres Stück Text.
Wie das Leben aussieht kann man in diesem Buch entdecken.
Wie das Leben ist, vielleicht schon im nächsten.
Ich freu mich drauf.