Francesco Wilking hat mit seiner Band Tele schon über mehrere Alben hinweg bewiesen, dass er einer der besten Texter Deutschlands ist. Wie kaum ein anderer schafft er es, aus genialen Gedankenfetzen ein zusammenhängendes Ganzes zu formen, er ist gleichsam Geschichtenerzähler wie der Verfasser von Lebensweisheiten.
Diese textlichen Qualitäten überträgt er nun auf sein erstes Soloalbum. Das Songmaterial ist zum Teil schon viele Jahre alt, ließ sich aber für Tele-Titel nicht verwerten.
So liegt es schon in der Natur der Sache, dass Francesco Wilking solo nicht genauso klingt wie Tele. Er ist musikalisch unauffälliger, kaum Synthesizer, sehr viele Lieder sind akustisch gehalten. Und damit haben wir es hier nicht mit einem Popalbum zu tun, sondern mit einem waschechten Singer-Songwriter-Album. Francesco überrascht mit Country- und Bossaelementen, bringt Einflüsse von Blues und Folk hinein und bleibt dennoch musikalisch sehr unaufdringlich, die Texte stehen im Vordergrund.
"Neulich bei uns zu Hause / Meine Schwester liest ein Buch / Meine Mutter macht ein Fass auf / Und fragt mich: Was machst Du? / Ich werde alt / Und schau dann was kommt / Wahrscheinlich nichts" sind solche Zeilen, die recht einfach daherkommen und dennoch so viel hinterlassen. Im Grunde ist das Album sehr leise gehalten, aber wenn Francesco aus sich herauskommt, dann richtig, wie im Lied "Die blaue Küche", in dem die Enttäuschung einer geplatzten Beziehung in Wort, aber auch in Francescos wilder Interpretation regelrecht zelebriert wird.
Vielleicht braucht dieses Album noch mehr Zeit, um seine volle Wirkung zu enfalten, als es die Alben von Tele ohnehin auch schon brauchen. Das Album ist einfach gehalten, wirkt daher sehr klein, aber in Wahrheit ist es in seiner Einfachheit ein Geniestreich an gewollter Betroffenheitslyrik, leisem Humor, tiefen Wahrheiten und subtilen Bildern. Francescos unverwechselbare Stimme lebt diese Lieder in allen Einzelheiten.
Bei all diesen Qualitäten bleibt die musikalische Eingängigkeit ein wenig auf der Strecke. Auch beim mehrfachen Hören verspürt man kaum Drang mitzusingen, wenig geht wirklich ins Ohr. Aber wenn der Interpret möchte, dass man zuhört, ist dies vielleicht auch gerechtfertigt. Denn lässt man sich auf dieses Album ein, hat es durchaus das Potenzial zu einem besonderen Ehrenplatz in jeder Musiksammlung.