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Als Mathematiker interessieren mich die theoretische Physik und insbesondere die Stringtheorie schon seit langer Zeit. Die Bücher von Brian Greene (Der Stoff aus dem der Kosmos ist sowie Das elegante Universum), Lisa Randall (Verborgene Universen) und Stephen Hawking (Das Universum in der Nussschale) behandeln diese Themen so, dass man auch als Laie einen sehr guten Eindruck bekommen kann. Aber je mehr man über die Stringtheorie liest, umso skeptischer kann man werden. Zwar wirkt die Grundidee, alle Teilchen und Kräfte einschl. der Gravitation, als Schwingungen von Strings zu interpretieren, durchaus überzeugend. Aber die Theorie fordert zusätzliche sechs oder sieben Raumdimensionen und führt unweigerlich zur Existenz sehr, sehr vieler verschiedener Universen, für die es, zumindest bisher, keinen einzigen konkreten Nachweis gibt. Für jeden, der eine solche Skepsis verspürt oder zumindest bereit ist, das Thema kritisch zu beleuchten, ist das Buch von Lee Smolin hervorragend geeignet.

In einem frühen Teil seines Buches stellt er die fünf großen Probleme, mit denen die theoretische Physik heute zu kämpfen hat, und die laut Smolin den theoretischen Physikern weltweit den Schlaf rauben, überzeugend dar. Eines dieser Probleme lautet: Man verbinde die allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu einer einzigen Theorie, die von sich behaupten kann, die vollständige Theorie der Natur zu sein." Auch bei den übrigen vier Problemen geht es um Quantenmechanik, Teilchenphysik und das kosmologische Standardmodell. Im weiteren Verlauf des Buches kommt Smolin zum Ergebnis, dass die Stringtheorie bis heute nicht in der Lage ist, eines dieser Probleme vollständig zu lösen. Und das, obwohl mehr als 1.000 hoch qualifizierte Stringtheoretiker seit mehr als 35 Jahren auf diesem Gebiet intensiv arbeiten und über hohe Forschungsetats verfügen. Am ehesten hat sich die Stringtheorie zur Vereinheitlichung von Teilchen und Kräften bewährt, die in einem der fünf großen Probleme angesprochen wird. Ansonsten gesteht Smolin nur zu: Wenn die Stringtheorie überhaupt Bedeutung für die Physik hat, dann nur, weil sie Hinweise auf die Existenz einer fundamentaleren Theorie liefert." Woran liegt das? Laut Smolin sind das die wichtigsten Gründe: Keine einzige Vorhersage der Stringtheorie wurde bis heute bestätigt oder widerlegt, es gibt nicht einmal eine realistische Möglichkeit, dies mittels eines heute durchführbaren Experimentes zu tun, kein Wunder, denn sie weist eine unendliche Zahl verschiedener Varianten auf. Dann ist die Theorie noch nicht als hintergrundunabhängige Theorie formuliert worden, ja sie liegt immer noch nicht als vollständig formulierte Theorie vor. Und von dem, was formuliert wurde, wurde noch nicht bewiesen, dass es endlich ist. All dies begründet Smolin sehr überzeugend in einer klaren, verständlichen und durchaus unterhaltenden Sprache. Aber man kann sicher sein, dass viele Stringtheoretiker ihm inhaltlich widersprechen würden. Allerdings: mit welchen Argumenten?

Offenbar ist die Physik in einer Sackgasse gelandet. Smolin sieht die Ursachen in dem Stil der stringtheoretischen Gemeinschaft, also der Physiker, die auf diesem Gebiet arbeiten. Ihren Stil bezeichnet er als ungestüm, aggressiv und kompetitiv. Viele von ihnen seien arrogant und würden Wissenschaftler, die sich anderen Gebieten widmen, gering schätzen und verunglimpfen. Sie schaffen es, ihr Gebiet so offensiv zu vertreten, dass Forschungsgelder und akademische Stellen überproportional in die Stringtheorie fließen. So bauen sie ihre beherrschende Stellung aus, obwohl keine vorzeigbaren, nachgewiesenen Ergebnisse produziert werden und es wohl nie einen Nobelpreis auf dem Gebiet der Stringtheorie geben wird. Die Physik der letzten 35 Jahre hat sich blamiert. Ein Ausweg ist dringend notwendig. In welchen Schritten dies möglich ist, führt Smolin überzeugend aus.

Drei Dinge sind aus meiner Sicht zu bemängeln. Zum einen sind manche Ausführungen, vor allem in Bezug auf die Arbeitsweise der Wissenschaftler, oft langatmig und zu ausführlich. Das Buch hätte 100 Seiten kürzer sein können. Das zweite ist: Smolin beurteilt das Arbeitsgebiet der Quantengravitation, in dem er selbst aktiv ist, wesentlich positiver, obwohl auch hier die Ergebnisse zu wünschen übrig lassen. Kultur und Arbeitsstil seien auf diesem Forschungsgebiet ganz anders, offener und ehrlicher, geprägt von Achtung vor individuellen Ideen, Misstrauen gegenüber Moden und Vertrauen in mathematisch saubere Argumente. Ist das eine objektive Darstellung? Ich kann es nicht beurteilen. In diesen Unterschieden, so jedenfalls Smolin, spiegelt sich eine Spaltung der theoretischen Physik wider, die vor mehr als 50 Jahren begann.

Der dritte Kritikpunkt geht auf den Verlag zurück. Das Buch weist (geschätzt) mehr als 1.000 Schreibfehler auf, von denen Suppesymmetrie" statt Supersymmetrie" einer der nettesten ist. Diese drei Mängel veranlassen mich zum Abzug eines Sterns. Schade, das wäre sicherlich vermeidbar gewesen.
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am 16. Dezember 2009
Bei diesem Buch fällt mir zuerst "unbedingt lesenswert" ein, denn es ist
wirklich gut geschrieben, und behandelt Einiges mehr als das Übliche, was zum Populärwissenschaftlichen so gehört. Vorneweg also: eines der Besten, die mir
letztens untergekommen sind.

Der Autor hat Verve, Wissen und eine Offenheit, die plausibel macht, dass seine mitunter polemischen Betrachtungen nicht bloßes politisches Manöver sind, sondern Ausdruck der echten Sorge.

Zwei inhaltliche Stränge sind ineinander verwoben: 1) die Stringtheorie (was will diese, was bisher erreicht, was noch im Argen liegt, bzw. nicht machbar scheint, etc) und 2) die Missstände in der universitären Physik, die dem Autor besonders am Herzen liegen (der Hierarchisierungsmechanismus ist starr geworden, jungen Forschern werden Themen "nahegelegt", das System neigt somit zur Parthenogenese, unter den Personen der Wissenschaft menschelt es sehr, etc).

Eingangs wird ein historisches Panorama der modernen Physik geboten (Kap. 1: "die unvollendete Revolution" behandelt die ungelösten Fragen der Physik, mit Einblicken in die Gedankenwelt der großen Physiker), was vor allem LeserInnen entgegenkommt, die keine Zeit haben, sich durch Unmengen von Sekundärliteratur durchzuarbeiten.

Gut finde ich, dass Lee Smolin philosophische Implikationen zur Rolle der Wissenschaft als solche diskutiert, etwa die Thesen von Lakatos, Feyerabend und Kuhn, wobei er (erfahrener Theorieprofessor) - in angenehmem Kontrast zu vielen der heutigen philosophischen Plustertruthähne - wirklich Ahnung von der Physik hat.

Ein wenig enttäuschend ist seine Neigung, Dinge zu wiederholen - was sich aber glücklicherweise weniger auf die Physik-Aspekte bezieht, sondern eher auf die Seitenhiebe gegen die Zunft der Stringtheoretiker. Diese scheinen sich wohl selbst zur absoluten Elite hoch zu stilisieren, da sie ja am 'ultimativen Problem' arbeiten, was dazu führt, dass sonstige Gebiete der Theoretischen Physik materiell und geistig verarmen, bzw. dazu, dass sich der theoretische Horizont insgesamt einengt.

Ich habe den Eindruck, dass der Autor seine kritische Haltung gegenüber der Stringtheoretiker als heikel empfindet (warum auch immer) und sich daher ganz oft rechtfertigen zu müssen meint. Er unterstreicht ständig, dass er auch auf dem betreffenden Gebiet gearbeitet hat, dass er die Fakten kennt, etc, um glaubhaft zu machen, dass seine Kritik nicht bös' gemeint ist, sondern quasi einem mitfühlenden Herzen entströmt. Das nimmt man ihm aber sowieso ab (leidenschaftlich, wie er schreibt), also hätte er sich meines Erachtens weit weniger Sorgen machen müssen.

Fazit: ein ehrlicher Mahner vom Fach gibt einen Überblick der S-Theorie (oder ist diese doch keine? - Details werde ich hier aber nicht verraten, um das Lesevergnügen nicht zu trüben).
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am 30. April 2010
Lee Smolin legt in diesem Buch nicht nur mit seine klaren, fundierten, und tiefgreifenden Überlegungen sowohl zum Stand der Forschung in der Physik, sondern auch zum "Biotop" Physik. Besonders beeindruckt hat mich aber seine Fähigkeit, bei aller Kritik - die auch durchaus direkt daherkommt - respektvoll zu bleiben gegenüber den Forschern, auch gerade gegenüber denen, deren eingeschränkte, überhebliche und narzisstische Haltung er kritisiert.

Nachdem ich bereits das kürzlich erschienene Buch von Unzicker Vom Urknall zum Durchknall: Die absurde Jagd nach der Weltformel gelesen hatte, das ja eher aus der Perspektive des "Outsiders" geschrieben ist (dafür ist die Kritik auch noch etwas süffiger und für Nicht-Physiker griffiger) war ich etwas vorbereitet auf das, was Smolin hochfundiert und mit tiefen Überlegungen begründet darlegt. Trotzdem: Diese Buch ist ein richtier Augenöffner!

Nur nebenbei: Man kann das, was Smolin über die geistige Inzucht bei den (amerikanischen) Physikern darlegt problemlos auf eine andere Disziplinen übertragen. Z.B. auf die inzüchtige Auswahl von Top-Bankern (=Abzocker) durch andere Top-Banker (=Abzocker). Oder auf die inzüchtige Garde der Klimatheoretiker, deren vom IPCC ventilierte Modellrechnungen nicht mehr materielle Fundierung haben als die unzähligen String-Theorien. Oder auf die Medizin, die jedem wirklich ausgefallenen Gedanken völlig abhold ist, etc.

Insgesamt ein ausgesprochen anregende, amüsante und erholsame Lektüre (als Ökonom von der Kritik völlig unbetroffen liest sich Smolin speziell entspannt...). Bedauerlich die erhebliche Zahl von Druckfehlern (z.B. 10500 statt 10 hoch 500; E=m^2 statt E=mc^2 etc. etc.). Doch das Buch ist inhaltlich so gut, dass auch diese ärgerlichen Fehler den Gesamteindruck nicht beeinträchtigen.

Eines der interessantesten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe! Empfehle ich sehr!
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am 9. September 2009
Smolin holt in seinem neuesten Werk zu einem Rundumschlag in seiner Gilde aus. Inhaltlich zeigt er die Unzulänglichkeiten der Stringtheorien auf. Das mag so sein und es gelingt ihm auch eine präzise Darstellung der Probleme mit multidimensionalen Räumen, die auch für den Laien verständlich geschildert werden. Kritik übt der Autor plausibel nachvollziehbar an der Physik als Wissenschaft, die sich in die Sackgasse 'Stringtheorie' verrannt hat und aus vielen Gründen nicht mehr zurück kann. Finanzielle Zuwendungen, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und internationale Aufmerksamkeit verspricht nur die Beschäftigung mit ihr. Smolin versucht mit diesem Buch eine neue Schwerpunktsetzung in der Teilchenphysik zu bewirken. Dazu bedarf es ein Umdenken auf vielen Ebenen und die Abwendung von der sehr eleganten aber eben nicht beweisbaren Stringtheorie. Damit einher gehen muss eine junge Generation von Wissenschaftlern, die frischen Wind in die verstaubten Flure bringt. Smolin bleibt bei seinem engegierten Aufschrei stets sachlich und das Buch ist dennoch so etwas wie spannend bis zum Schluss, wo er einen Appell an uns alle richtet. Schlussendlich kann der Leser die Problematik auf andere Wissenschaften transferieren.
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am 30. November 2010
Glaubt man dem amerikanischen Physiker Lee Smolin, befindet sich sein Fachgebiet in einer tiefen Krise. Smolin zufolge hat die theoretische Physik seit fast 40 Jahren keine Fortschritte mehr gemacht. Ein Symptom dieser Krise sei die Stringtheorie. In ihr bündelten sich alle Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte.

"Zweihundert Jahre lang, bis in die Gegenwart, hat unser Verständnis der Naturgesetze rapide zugenommen. Doch heute sind wir, trotz größter Anstrengungen, in Hinblick auf das, was wir über diese Gesetze mit Sicherheit wissen, keinen Schritt weiter als in den Siebzigerjahren. ... Selbst wenn wir mehr als zweihundert Jahre zurückblicken, in eine Zeit, als die naturwissenschaftliche Forschung überwiegend von wohlhabenden Amateuren betrieben wurde, hat es so etwas nicht gegeben. Zumindest seit Ende des 18. Jahrhunderts sind in wichtigen Fragen alle 25 Jahre bedeutende Fortschritte erzielt worden" (S. 8).

Schonungslos räumt Smolin die persönliche Niederlage ein, für ihn mit dieser Einsicht verbunden ist. "Ich gehöre zur ersten Generation der Physiker, die ihre Ausbildung nach Entwicklung des Standardmodells der Teilchenphysik erhielten. Wenn ich alte Freunde aus College- oder Unizeiten treffe, fragen wir uns gelegentlich, 'Was haben wir entdeckt, worauf unsere Generation stolz sein könnte?' In Hinblick auf neue grundlegende Entdeckungen, durch Experimente bestätigt und durch Theorien erklärt ..., muss unsere Antwort lauten: 'NICHTS'" (S. 12).

Die Hoffnung der Forscher auf eine Revision dieser niederdrückenden Bilanz richte sich gegenwärtig vor allem auf ein Projekt: die Stringtheorie. Nach bescheidenen Anfängen habe sie in den achtziger Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt und dominiere inzwischen die theoretische Physik. Mit der Annahme fadenartiger Strukturen, die um viele Größenordnungen kleiner seien als Atome, hofften die String-Theoretiker die Naturkräfte und Elementarteilchen zu vereinheitlichen und die grundlegenden Fragen der Physik einer Lösung näherzubringen.

Um seinen Lesern ein Urteil über die Aussichten der Stringtheorie zu ermöglichen, skizziert Smolin im Mittelteil seines Buches zunächst ihre Geschichte und gibt anschließend einen Überblick über ihren derzeitigen Zustand. Das Resultat seiner Ausführungen ist ernüchternd.

Wie sich herausstellt, kann von einer wirklichen "Theorie" nicht die Rede sein. "Was wir tatsächlich haben, ist überhaupt keine Theorie, sondern eine große Ansammlung von Näherungsrechnungen sowie ein Netz von Annahmen, die, wenn sie wahr sind, auf die Existenz einer Theorie hindeuten. Doch diese Theorie ist niemals wirklich niedergeschrieben worden. Wir wissen nicht, was ihre Grundprinzipien sind. Wir wissen nicht, in welcher mathematischen Sprache sie auszudrücken wäre - vielleicht müsste sogar eine neue erfunden werden, um diese Theorie zu beschreiben. Da es sowohl an den Grundprinzipien wie an der mathematischen Formulierung fehlt, können wir noch nicht einmal wissen, was die Stringtheorie eigentlich behauptet" (S. 16).

Der Nobelpreisträger Gerard 't Hooft hat ein eindrucksvolles Bild für diese Situation gefunden: "Stellen Sie sich vor, ich gebe Ihnen einen Stuhl und erkläre Ihnen gleichzeitig, dass die Beine noch fehlen und der Sitz, die Rücken- und die Armlehnen vielleicht schon bald geliefert werden. Egal, was ich Ihnen da gegeben habe, darf ich es noch einen Stuhl nennen?" (S. 17).

Diese Feststellungen verblüffen. Unwillkürlich fragt man sich, was die String-Leute eigentlich machen, wenn sie nach 35-jähriger Forschung nicht einmal eine Theorie vorweisen können. Smolin gibt eine aufschlussreiche Beschreibung ihrer Arbeitsweise:

"1. Sie vermuten, dass es eine allgemeine Formulierung der Stringtheorie gibt und dass sie durch unbekannte Prinzipien und unbekannte Gleichungen definiert wird. ...

2. Dann entwickeln sie Gleichungen, von denen sie vermuten, dass sie Näherungen an die richtigen Gleichungen der unbekannten Theorie darstellen. ...

3. Im Falle jeder dieser Näherungsgleichungen vermuten sie die Existenz einer Stringtheorie, auch wenn sie diese nicht explizit entwickeln können" (S. 253).

Smolin zufolge ist dieses Vorgehen längst an seine Grenzen gestoßen. Der entscheidende Testfall habe sich Ende der neunziger Jahre ereignet. Bis dahin nahmen alle String-Physiker an, die kosmologische Konstante (von der die Ausdehnung des Universums abhängt) sei negativ oder liege bei Null. Als 1998 entdeckt wurde, dass die Ausdehnung des Universums sich beschleunigt, die kosmologische Konstante also positiv sein muss, hätte dies als empirische Widerlegung der String-"Theorie" gewertet werden müssen.

Indessen hätten die String-Physiker, statt sich nun anderen Projekten zuzuwenden, einfach ihre Berechnungen revidiert, so dass sie mit einer positiven kosmologischen Konstante vereinbar wurden. Der Preis, den sie dafür zahlten, war erheblich. Die neuen Berechnungen hätten die Zahl möglicher String-"Theorien" um astronomische Größenordnungen erhöht. Gegenwärtig müsse von bis zu 10 hoch 500 verschiedenen Versionen ausgegangen werden, was mehr sei als die Zahl der Atome im Universum.

Der neutrale Beobachter könne darin nur noch eine "reductio ad absurdum" der String-"Theorie" erblicken, zumal niemand wisse, ob die Gleichungen dieser 10 hoch 500 Versionen endlich und damit physikalisch sinnvoll seien.

Selbst wenn sich ihre Endlichkeit demonstrieren ließe, wäre offen, ob sie etwas mit der Realität zu tun hätten. Schließlich gebe es bislang nicht den geringsten empirischen Beleg für die String-"Theorie", obwohl über tausend der talentiertesten Forscher der Welt sich jahrzehntelang mit ihr beschäftigt hätten. Zumindest in dieser Hinsicht sei das Projekt einzigartig. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts habe sich noch kein physikalischer Ansatz länger als 10 Jahre behaupten können, ohne durch Erfahrung bestätigt zu werden (S. 249).

Aus Smolins Sicht markiert diese Entwicklung nicht allein das Scheitern der String-"Theorie", sondern einer ganzen Forschungstradition. "Das Standardmodell der Teilchenphysik war der Triumph einer bestimmten Art wissenschaftlicher Forschung, die sich in den Vierzigerjahren in der Physik etablierte. Dieser Stil ist pragmatisch und nüchtern und setzt eher auf mathematische Virtuosität als auf die Fähigkeit, schwierige begriffliche Probleme konsequent zu durchdenken. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich grundlegend von der Art, wie Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und die anderen Revolutionäre zu Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Forschung betrieben. Ihre Arbeit erwuchs aus intensivem Nachdenken über die fundamentalen Fragen von Raum, Zeit und Materie, und sie verstanden ihre Tätigkeit als Teil einer umfassenderen philosophischen Tradition, in der sie zu Hause waren" (S. 27).

Nach siebzigjähriger Dominanz der "Handwerker" sieht Smolin wieder die Zeit der "Seher" gekommen. Nur philosophisch orientierte Denker wie Einstein oder Bohr könnten die Physik aus ihrer Sackgasse herausführen.

Leider gibt diese Einschätzung eher Grund zum Pessimismus. Da der derzeitige Wissenschaftsbetrieb ganz auf nüchterne Pragmatiker zugeschnitten ist, wird der nächste Einstein wohl noch lange auf sich warten lassen.

Immerhin können wir uns bis dahin mit dem Buch Lee Smolins trösten. Eine bessere Behandlung dieses Themas dürfte es in absehbarer Zeit kaum geben.
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am 22. Mai 2009
Endlich ein Physiker mit fachlicher Autorität, philosophischem Talent und Fähigkeit zur Kritik am eigenen Fachgebiet und der eigenen Community!

Schon bei seinen letzten Büchern "Warum gibt es die Welt? Die Evolution des Kosmos" und "Three Roads to Quantum Gravity" hatte ich das starke Gefühl, hier schreibt kein Mathe-Typ, kein Fachidiot, kein Reduktionist, wie man sie zur Genüge kennt, leider auch in der Rolle als Möchtegern-Philosophen, sondern hier schreibt einer der Art, auf die man in der Physik fast nicht mehr zu hoffen wagte: ein Grundlagendenker, einer, von dem man noch hören wird.

Das nächste Buch war zunächst über ein Jahr unter dem Titel "All strung out" (frei übersetzt: Es hat sich ausgestringt) angekündigt, aber dann hat es doch noch mal gedauert. Eigentlich wäre man schon mit einer Darstellung der neuesten Erkenntnisse auf den Gebieten Quantengravitation und Stringtheorie zufrieden gewesen. Smolin liefert sie, und noch viel mehr: eine Kritik an der Superstring-Theorie im Speziellen, an der betriebsblinden Superstring-Community im Allgemeineren, und an der Mainstream-Wissenschaft ganz im Allgemeinen.

Lee Smolin schreibt das alles nicht aus Selbstgerechtigkeit oder Verbiesterung. Er will Physiker und interessierte Öffentlichkeit zum Umdenken bewegen. Ich kann nur hoffen, es gelingt ihm. Und dass die Alternativen oder Ergänzungen zur Stringstheorie sich als so vielversprechend erweisen, wie er es hofft.

Ein Buch, das man liest, und dann eigentlich gleich noch mal lesen möchte, weil es so informativ, so tief, so weitblickend und so persönlich ist. Große Klasse!
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am 1. Februar 2010
Ich kaufte das Buch als Weihnachtsgeschenk für meinen Freund. Er (studierte physikalische Technik) tratt dem Buch anfangs eher skeptisch gegenüber, da er der Meinung ist, dass es zwar viele Bücher mit physikalischen Inhalten gibt, aber jedoch nur sehr wenig wirklich Gute. Ich bat ihn darum das Buch trotzdem zu lesen und nicht voreingenommen zu handeln.

Fazit: Im Endeffekt ist er sehr begeistert über das Buch und sogar ich laß es mit ihm zusammen (obwohl ich zugeben muss, dass man als Themenfremder eher wenig versteht).

Das Buch ist auf jeden Fall weiter zu empfehlen und mit einer Menge Fachwissen als auch mit Humor bepackt, ist es sehr schön zu lesen.
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am 13. Mai 2011
Ich kann mich den meisten vorangegangenen Rezensionen vollinhaltlich anschließen. Es ist sicherlich
das beste Buch zu diesem Thema, das ich seit Jahren gelesen habe. Vorher habe ich 3 Bücher über die
Superstringtheorie gelesen, die von absoluten Verfechtern dieser Theorie verfasst wurden.

Gerade deshalb war dann Lee Smolins Buch umso interessanter und aufschlussreicher. Was den Inhalt
betrifft würde das Buch glatte 5 Sterne verdienen.

Einen Stern Abzug gibt es wegen des Übersetzers. Ich habe noch nie ein Buch mit derart vielen Tipp-
und Rechtschreibfehlern gelesen. Einige wurden schon in anderen Bewertungen erwähnt. Ich finde besonders
die peinlich vielen das/dass-Fehler ärgerlich. Ein Tippfehler kann schon mal vorkommen, aber so etwas
darf einem professionellen Übersetzer nicht passieren. Konsequenterweise endet das Buch auch mit einem
völlig "schiefen" Satz.
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am 2. Januar 2011
Das Buch liesst isch relativ flüssig. Es enthält viele schöne Beleuchtungen der Stringthorie und auch der M-Theorie von unterschiedlichen Blickpunkten. Man sollte nicht komplett unbedarft an das Thema heran gehen. Ein wenig Vorbildung auf diesem Gebiet hilft über Erklärungslücken hinweg. Manche Elementarteilchen werden nur beim Namen genannt und nicht beschrieben. Lee Smollin wiederholt sich in seinen Grundsätzen sehr oft und auch alle Begründungen liest man mehrfach.
Was wirklich schwer an den 5 Punkten vorbei ist, ist die Nachbearbeitung gerade im ersten Teil. Schwere Rechtschreibfehler, leider aber auch inhaltliche Fehler "10053 eine Zahl mit 53 Nullen....", "Superstingtheorie" ect. schmälern das Leseerlebnis.
Im Großen und Ganzen aber lesenswert.
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am 28. Januar 2010
Lee Smolin's kritische Bewertung der Stringtheorie beeindruckt vor allem durch sein umfassendes Allgemeinwissen über das gesamte Gebiet der Physik. Ein besonderes Lob gilt auch Herrn Hainer Kober, der die sicherlich schwierige Aufgabe der Übersetzung meisterlich bewältigt hat.

Joachim Heusler
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