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In Wilsons Augen setzte das Verhängnis schon mit der Erfindung der Landwirtschaft gegen Ende der letzten Eiszeit ein. Schon in dieser neolithischen Phase wurde damit begonnen, die Urwälder, die sich damals noch über fast sämtliche bewohnbaren Regionen der Erde erstreckten, bedenkenlos abzuholzen und niederzubrennen, um Ackerland und Viehweiden an ihre Stelle zu setzen. Die nachfolgenden Generationen fuhren mit den Rodungen unerbittlich fort, so dass heute von den ursprünglichen Wäldern kaum mehr als die Hälfte übrig geblieben ist. Wilson bezweifelt allerdings, dass dieses rücksichtslose Vorgehen allein auf die kontinuierliche Zunahme der Bevölkerung und den chronischen Ressourcenmangel zurückgeführt werden kann. Er vermutet vielmehr, dass die menschliche Spezies eine angeborene Vorliebe für savannen- oder parkähnliche Landschaften hat, die noch aus der Zeit stammen könnte, als sich ihre hominiden Vorfahren genetisch an die Grassteppen ihres afrikanischen Lebensraums anpassten. Das würde bedeuten, dass Menschen sich in erster Linie dort wohlfühlen, wo es ebene und halboffene Graslandschaften und außerdem Seen oder Teiche in unmittelbare Nähe gibt, wo aber die Sicht und der Aktionsspielraum nicht durch Ansammlungen von Bäumen und dichtes Unterholz zu sehr eingeschränkt sind. Hingegen würden sich Menschen von Umgebungen, die keine oder nur geringe Ähnlichkeit mit ihrem angestammten Lebensraum haben, derart stark abgestoßen fühlen, dass sie alles versuchen werden, um sie in Savannen zu verwandeln. Und deshalb werden die Regenwälder nach wie vor gnadenlos dezimiert.
Die Ausbreitung der Landwirtschaft über immer größere Teile der Erde hatte nicht nur das rapide Schrumpfen der Wälder und Wildnisgebiete zur Folge. Sie führte auch dazu, dass die größeren Säugetiere, Reptilien und Vögel Amerikas, Australiens und Europas schon nach kürzester Zeit dem menschlichen Expansionstreben zum Opfer fielen. Nur in Afrika und im tropischen Asien blieb ihnen das Schicksal der vollständigen Ausrottung erspart. Wilson hat hierfür eine schlüssige Erklärung gefunden: Allein auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent kam es zu langfristigen koevolutionären Beziehungen zwischen Fauna und Flora und dem Homo sapiens. Die einheimischen Großtierarten hatten deshalb genügend Zeit, sich genetisch auf den Menschen einzustellen und Schutzmechanismen gegen ihn zu entwickeln. Außerdem wurde seine Vermehrung durch Raubfeinde, Nahrungskonkurrenten und Krankheitserreger in Schach gehalten. Als die Menschen jedoch zu den übrigen Kontinenten vordrangen, hatten sie leichtes Spiel, weil sie dort auf eine Tierwelt trafen, die ihnen weitgehend wehrlos gegenüberstand. Darüber hinaus hatten sie den Vorteil, sich aufgrund ihrer besonderen kognitiven Fähigkeiten extrem schnell an fremde Umgebungen anpassen zu können. So konnte der Homo sapiens zu einer der gefährlichsten invasiven Arten und zum globalen Massenmörder werden.
Heute, behauptet Wilson, sind die ökologischen Grenzen des ökonomischen Wachstums schon derart weit überschritten, dass der Planet Erde die Fähigkeit zur biologischen Regeneration verloren hat. Während das Artensterben früher im Wesentlichen auf die großen Landtiere beschränkt blieb, erfasst es inzwischen auch viele Fische, Amphibien, Insekten und Pflanzen. Gegenwärtig benötigt jeder Amerikaner zur Befriedigung seiner grundlegenden Lebensbedürfnisse 9,6 Hektar an ökonomisch genutztem Land und an Küstengewässern, während sich in den Ländern der Dritten Welt jeder Einwohner mit einem einzigen Hektar begnügen muss. Wollte man versuchen, der gesamten Weltbevölkerung das Konsumniveau der Vereinigten Staaten zu ermöglichen, bräuchte man beim derzeitigen Stand der Technik vier weitere Planeten mit dem Ressourcenreichtum der Erde.
Wenn die nicht erneuerbaren Ressourcen der Erde weiterhin mit derselben Hemmungslosigkeit ausgebeutet werden und wenn Lebensräume und Ökosysteme weiterhin mit derselben Geschwindigkeit zerstört werden, dann - prophezeit Wilson - werden bis zum Jahr 2030 ein Fünftel und bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten ausgestorben sein. Trotz alledem hält es Wilson immer noch für möglich, den totalen ökologischen Kollaps zu verhindern. Er hofft darauf, dass eine universale ökologische Ethik, die auf einem umfassenden Verständnis der Beziehungsgeflechte zwischen Mensch und Natur beruht, sich schließlich durchsetzen wird. Er vertraut darauf, dass die biophilen Instinkte, die den Menschen dazu befähigen, sich in nichtmenschliche Organismen einzufühlen, ihn auch dazu veranlassen könnten, sich mit ihnen zu solidarisieren. Und Wilson setzt darüber hinaus auf pure ökonomische Vernunft. 1997 betrug das weltweit erzielte Bruttosozialprodukt 18 Billionen US-Dollar. Demgegenüber entsprach die Summe aller ökologischen Dienstleitungen, die die Biosphäre im selben Jahr für die menschliche Bevölkerung produzierte, einem Wert von mindestens 33 Billionen Dollar. Wilson schließt daraus, dass jeder Versuch, die Dienstleistungen der Natur durch synthetisch erzeugte zu ersetzen, langfristig zum Scheitern verurteilt ist.
Wilsons apokalyptische Prognosen sind in mehrfacher Hinsicht anfechtbar, und mit den Strategien, die er vorschlägt, wird der Weltuntergang kaum abgewendet werden können. Trotzdem: Wilson liefert mit diesem Buch einen der ergiebigsten Beiträge zur politischen Ökologie überhaupt - und eine präzise Bestandsaufnahme, die die prekäre Lage der Biosphäre deutlich vor Augen führt.
Rezensent: Dr. Frank Ufen
Kurzbeschreibung
Ein Wegweiser für die internationale Umweltdebatte.
Der Evolutionsforscher Edward O. Wilson, "einer der wirklich Großen der Naturwissenschaften" (New York Times Magazine), nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise durch die Ökosysteme dieser Welt. Eindringlich schildert er, wie die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert die Zerstörung ihrer natürlichen Umwelt vorangetrieben hat und stellt am Ende die Frage: Wie finden wir zu einer Kultur der Nachhaltigkeit, die unsere Zukunft und die unseres Planeten sichert?
Klappentext
Süddeutsche Zeitung
»Glänzend geschrieben.«
Bild der Wissenschaft online
»Ein faszinierendes Plädoyer für mehr Respekt vor der Umwelt. Es kann helfen, die teilweise ideologisch aufgeheizte Debatte zu versachlichen.«
Berliner Morgenpost
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Auszug aus Die Zukunft des Lebens. von Edward O. Wilson. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ein Brief an Henry Thoreau
Lieber Henry,
ich darf Sie doch mit Ihrem Vornamen anreden? Ihre Worte laden zu Vertrautheit ein und ergeben anderweitig wenig Sinn. Wie sonst ließe sich Ihre beharrliche Verwendung des ersten Personalpronomens deuten? Als ich die folgenden Seiten schrieb, so sagen Sie, hier sind meine tiefsten Gedanken. Kein Bericht in der dritten Person könnte je eine solche Nähe erreichen. Obwohl Walden gelegentlich belehrend klingt, lese ich es nicht wie manche andere als eine Rede an die Menge. Vielmehr ist es ein Kunstwerk: das Zeugnis eines Einwohners von Concord in Neuengland, das an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und unter ganz persönlichen Umständen entstanden ist, das aber dennoch über fünf Generationen hinweg die allgemeine conditio humana zutreffend zu beschreiben vermag. Kann es eine bessere Definition von Kunst geben?
Sie sind der Grund, weshalb ich hierher gekommen bin. Zwar hätte unsere Begegnung ebenso gut in einem Waldstück in Delaware stattfinden können, doch nun stehe ich hier, am Ort Ihrer einstigen Hütte am Ufer des Walden-Sees. Was mich bewogen hat, hierher zu kommen, ist zum einen die Bedeutung, die Ihnen in der Literatur und in der Naturschutzbewegung zukommt, aber es gibt auch einen weniger edlen Beweggrund, wie ich gestehen muss. Ich wohne nämlich nur zwei Städte weiter, in Lexington. Meine Pilgerfahrt hierher ist also ein angenehmer Nachmittagsausflug in ein Naturschutzgebiet. Hauptsächlich aber bin ich hier, weil Sie unter all Ihren Zeitgenossen derjenige sind, den ich am dringendsten verstehen möchte. Als Biologe mit einer modernen wissenschaftlichen Bibliothek weiß ich mehr, als Darwin wusste. Ich kann mir die gemessenen Antworten dieses Landedelmanns auf die Fragen eines anderthalb Jahrhunderte später lebenden modernen Zeitgenossen gut vorstellen. Doch das stellt mich nicht wirklich zufrieden: Die Menschen des Viktorianischen Zeitalters halten in unserer Erinnerung kaum mehr Überraschungen parat. Dagegen kann ich mir Ihre Antworten nicht vorstellen, oder zumindest nur zu einem geringen Teil. Es gibt zu viele dunkle Passagen in Ihrem Werk, zu viele emotionale Stolperdrähte. Sie sind zu früh von uns gegangen, und Ihre ruhelose Seele verfolgt uns noch immer.
Ist es so merkwürdig, nach 150 Jahren eine persönliche Aussprache zu suchen? Ich finde nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um Naturgeschichte geht. Das Rad der biologischen Evolution dreht sich viel zu langsam, als dass sich Arten in der kurzen Spanne zwischen unseren Lebzeiten verändert haben könnten. Auch die natürlichen Lebensräume der Arten wandeln sich kaum. Die Wälder um den Walden-See, die nur teilweise abgeholzt und deren Böden niemals gepflügt worden sind, sehen heute noch fast genauso aus wie zu Ihrer Zeit, sie sind höchstens dichter geworden. Ihre Atmosphäre kann jedoch noch mit ähnlichen Worten beschrieben werden.
Je älter ich werde, desto sinnvoller erscheint es mir jedenfalls, Geschichte in Lebensspannen zu messen. Dies rückt uns in Echtzeit näher zusammen. Wenn Sie zum Beispiel achtzig anstatt nur 44 Jahre alt geworden wären, gäbe es heute vielleicht Filmaufnahmen von Ihnen, wie Sie an einem Feiertag am Ufer des Walden-Sees durch eine mit Strohhüten und Sonnenschirmen ausstaffierte Menschenmenge spazieren. Wir könnten Tonaufnahmen Ihrer Stimme hören, aufgezeichnet mit Hilfe eines Edisonschen Wachszylinders. Stimmt es, dass Sie eine leicht schnarrende Aussprache hatten, wie allgemein angenommen wird? Ich bin heute 72 Jahre alt - betagt genug, um mit Darwins letzter lebender Enkelin an der Universität von Cambridge Tee getrunken zu haben. Als ich an der Harvard Universität studierte, diskutierte ich meine ersten Veröffentlichungen über die Evolution mit Julian Huxley, der als kleiner Junge auf dem Schoß seines Großvaters, Thomas Henry Huxley, gesessen hatte, dem Schüler und guten Freund Darwins. Sie verstehen, was ich meine. Sie hatten noch drei Jahre zu leben, als im Jahre 1859 The Origin of Species (dt.: Der Ursprung der Arten) erschien. In Harvard und den schöngeistigen Salons beiderseits des Atlantiks gab es kein anderes Gesprächsthema. Sie erwarben eines der ersten in Amerika erhältlichen Exemplare und kommentierten es rasch. Und noch etwas geht mir oft durch den Kopf. Als Kind hätte ich theoretisch mit alten Menschen sprechen können, die Sie als Kinder am Walden-See besucht haben. So gesehen, trennt uns also nur die Spanne eines einzigen Menschengedenkens. Dort, wo Ihr Haus stand, scheint sich sogar diese Zeitspanne in Nichts aufzulösen.
Bitte verzeihen Sie, dass ich abschweife. Ich bin hierher gekommen, um Ihnen näher zu sein und Ihnen aus dieser Perspektive heraus zu erklären, was mit der Welt, die wir beide geliebt haben, geschehen ist - Ihnen, den anderen und nicht zuletzt mir selbst.
Zunächst einmal hat sich die Landschaft in der weiteren Umgebung des Walden-Sees dramatisch verändert. Zu Ihren Lebzeiten gab es fast keinen Wald mehr. Die größten Weymouthskiefern waren schon lange zuvor gefällt und nach Boston transportiert worden, wo man Schiffsmasten aus ihnen machte. Andere Hölzer fielen dem Haus- und Eisenbahnbau zum Opfer oder dienten als Brennholz. Die meisten Sumpfzedern wurden zu Dachschindeln verarbeitet. Mit zunehmender Verknappung von Holzkohle und Klafterholz näherte sich Amerika, das damals noch eine von Holz abhängige Nation war, seiner ersten Energiekrise. Bald sollte jedoch alles anders werden. Kohle trat an die Stelle von Holz und trieb die Industrielle Revolution mit atemberaubendem Tempo voran.
Als Sie im Jahre 1845 Ihr kleines Haus aus den Brettern der abgerissenen Hütte von James Collins erbauten, war Walden Woods eine bedrohte Oase in einer überwiegend baumlosen Umgebung. Heute ist es nicht viel anders, obwohl der Wald allmählich das Ackerland zurückerobert. Allerdings sind die Bäume nur armselige Nachfahren der ursprünglichen Riesen, die das Seeufer bis in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bewaldeten. Heute wachsen in der Umgebung Ihrer Hütte Buche, Hickory, Rotahorn sowie Rot- und Weißeiche inmitten halb aufgeschossener Weymouthskiefern heran und tragen so dazu bei, den ursprünglichen Hartholzbewuchs der südlichen neuenglischen Wälder wiederherzustellen. Auf dem Weg von Ihrem Haus zur nächsten Bucht - die heute den Namen Thoreau's Cove trägt - gehen diese Bäume in einen lockeren Bestand größerer Weymouthskiefern über, deren Stämme gerade gewachsen sind und deren Äste sich gleichmäßig und hoch über dem Boden ausbreiten. Das Unterholz besteht aus einem spärlichen Dickicht von Schösslingen und Heidelbeeren. Die amerikanische Edelkastanie ist leider verschwunden; sie ist einem sich rapide verbreitenden europäischen Pilz zum Opfer gefallen. Nur ganz vereinzelt erscheinen noch hier und da Sprösslinge auf alten Baumstümpfen, nur um rasch von dem Pilz entdeckt und abgetötet zu werden. Mit ihren zarten, gezackten Blättern erinnern die dem Untergang geweihten Schösslinge nur noch schwach an die mächtigen Bäume, die einst ein ganzes Viertel der unberührten Wälder der amerikanischen Ostküste ausmachten. Ansonsten gedeihen hier jedoch noch alle Arten von Bäumen und Sträuchern, die Ihnen so gut bekannt waren. Der rote Ahorn ist heute sogar noch stärker verbreitet als damals. Er ist nicht nur die leuchtend rote Zierde des neuenglischen Herbstes, sondern wird auch mehr denn je bei der Wiederaufforstung der Wälder verwendet.
Ich kann Sie mir sehr gut vorstellen - auf der leicht erhöhten Türschwelle sitzend, so wie Ihre Schwester Sophia Sie gezeichnet hat. Es ist ein kühler Morgen im Juni, nach meiner Ansicht der beste Monat in Neuengland. In meiner Vorstellung sitze ich neben Ihnen. Ruhig lassen wir unseren Blick über die im Frühjahr angeschwollene, weite Wasserfläche schweifen, die von den Bewohnern Neuenglands merkwürdigerweise als »Teich« (Walden Pond) bezeichnet wird. Hier und heute sprechen wir eine gemeinsame Sprache, wir atmen dieselbe reine Luft und lauschen dem leisen Rauschen der Kiefern. Mit unseren Schuhen scharren wir im Laub, halten inne, schauen hoch, um einen Rotschwanzbussard zu beobachten, der über uns kreist. Wir lassen uns im Gespräch treiben, doch entfernen wir uns nie so weit von unserem zentralen Thema der Naturgeschichte, dass der Zauber, der uns in Bann hält, gebrochen würde. Auch werden wir nie so vertraulich, dass der kindliche Ursprung unseres gemeinsamen Vergnügens aufgedeckt würde. Selbst in tausend Jahren wird Walden Woods sich nicht verändern, davon bin ich überzeugt - ein Stück Natur in schwankendem Gleichgewicht, das seine zauberhafte Wirkung auf die menschlichen Gefühle nicht verfehlt.
Wir stehen auf, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Der Weg durch den Wald führt uns hinab zum Seeufer, dessen Konturen sich seit Ihrer Zeichnung aus dem Jahre 1846 wenig verändert haben. Wir folgen dem Weg bis zu einer Anhöhe, wo wir zur Lincoln Road hinaufsteigen. Dann biegen wir zur Wyman Meadow ab und beenden unseren Rundweg nach etwa drei Kilometern wieder bei Thoreau's Cove. Auf unserer Wanderung halten wir nach den Waldstücken Ausschau, die am wenigsten von Axt und Säge verwüstet wurden. Um diese Gebiete wollen wir nicht herum wandern, sondern mitten hindurch. Wir entfernen uns nicht weiter als einige hundert Meter vom Seeufer, denn schließlich war fast das gesamte Land außerhalb dieses Umkreises zu Ihren Lebzeiten Nutzfläche.
Unsere Unterhaltung besteht überwiegend aus abwechselnden Monologen, denn die von uns jeweils bevorzugten Organismen sind so unterschiedlich, dass wir sie einander erklären müssen. Sie stimmen mir sicherlich zu, dass es zwei Arten von Naturforschern gibt, je nach den Leitbildern ihrer Forschung. Die erste Kategorie, zu der auch Sie gehören, hat sich die Erforschung großer Organismen zum Ziel gesetzt: Pflanzen, Vögel, Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Schmetterlinge vielleicht noch. Solche Forscher lauschen auf Tierrufe, spähen in die Baumkronen, stochern in Baumhöhlen herum oder suchen im Uferschlamm nach Fährten und Tierexkrementen. Ihre Blickrichtung schwankt um die Horizontale herum, zunächst nach oben, um die Baumkronen zu sondieren, dann nach unten, um den Boden zu sichten. Forscher, die nach großen Organismen suchen, sind oft mit einem einzigen Fund am Tag zufrieden. Wenn ich mich recht entsinne, hat es Ihnen nicht das Geringste ausgemacht, sechs Kilometer oder mehr zu wandern, nur um zu sehen, ob eine bestimmte Pflanze Blüten getrieben hatte.
Ich gehöre zur anderen Kategorie der Naturforscher. Ich liebe kleine Organismen. Zwar bin auch ich ein Jäger, jedoch eher von der Art eines schnüffelnden Opossums als eines reißenden Panters. Ich denke in Millimetern und Minuten und muss auf meinen Streifzügen nie lange auf der Lauer liegen. Der Reichtum der wirbellosen Tiere und die relative Mühelosigkeit der Erfolge haben mich unwiderruflich verwöhnt. Wenn ich ein artenreiches Stück Wald betrete, laufe ich selten mehr als hundert Meter. Vor dem ersten viel versprechenden morschen Baumstamm halte ich an. Kniend drehe ich ihn um, und sofort belohnt mich der darunter zum Vorschein kommende Mikrokosmos. Wurzelfasern und Pilzfäden werden auseinander gerissen, und die daran klebenden Baumrindenstücke fallen zurück auf die Erde. Der feuchte, modrige Geruch gesunden Waldbodens steigt mir wie ein geliebtes Parfüm in die Nase. Die ihrer Deckung beraubten Lebewesen sind wie Rehe, die auf einer Landstraße plötzlich vom Scheinwerferlicht erfasst werden und für einen Augenblick völlig erstarren. Rasch stieben sie jedoch auseinander, um dem Licht und der austrocknenden Luft zu entfliehen. Jedes Tier bewegt sich dabei auf ganz charakteristische Weise. Eine weibliche Wolfsspinne stürzt Hals über Kopf davon und bleibt, da sie keinen Schutz findet, nach wenigen Körperlängen stocksteif stehen. Ihre fleckige Körperfärbung bietet zwar eine hervorragende Tarnung, doch der weiße Eikokon, den sie zwischen ihren Kiefertastern und den Kieferklauen trägt, verrät sie. Nicht weit von ihr entfernt rollen sich ein paar Tausendfüßer hastig zusammen, die sich zum Zeitpunkt der Katastrophe nichtsahnend an Schimmelpilzen gütlich getan hatten. Am anderen Ende der freigelegten Fläche lugt unter einem vermoderten Stück Baumrinde ein riesiger Skolopender-Hundertfüßer hervor. Sein segmentierter Rumpf gleicht einer schimmernden, braunen Rüstung, seine Kieferfüße ähneln giftgefüllten Spritzen und seine Beine nach unten gebogenen Sicheln. Der Skolopender ist nicht gefährlich, solange man nicht versucht, ihn aufzuheben. Doch wer wollte es wagen, diesen Miniaturdrachen zu berühren. Stattdessen stoße ich ihn mit einem Zweig an. Weg mit dir! Er windet sich, schnellt herum und verschwindet blitzartig. Nun kann ich gefahrlos meine Finger durch den Humusboden gleiten lassen und nach weniger bedrohlichen Arten suchen.
Diese Arthropoden oder Gliederfüßer sind die Riesen des Mikrokosmos (wenn ich mit meinen Erläuterungen, die sich fast schon zu einem kurzen Vortrag auswachsen, fortfahren darf). Lebewesen dieser Größe treten zu Dutzenden - ja sogar zu Hunderten - auf, wenn eine Ameisen- oder Termitenkolonie vorhanden ist. Gleichwohl sind diese Zahlen vergleichsweise trivial. Wenn man sich in der Größe der Tiere um eine Zehnerpotenz nach unten bewegt und die Lebewesen betrachtet, die mit bloßem Auge gerade noch sichtbar sind, so geht ihre Zahl in die Tausende. In der Erde wimmelt es von Fadenwürmern und Enchyträen, Milben, Springschwänzen, Wenigfüßern, Doppelschwänzen, Zwergfüßern und Bärtierchen. Verteilt man sie auf einem weißen Stück Stoff, entpuppt sich jedes noch so winzige krabbelnde Pünktchen als voll entwickeltes Lebewesen. In ihrer Gesamtheit sind sie weit eindrucksvoller und vom Erscheinungsbild vielfältiger als alle in dieser Gegend vorkommenden Schlangen, Mäuse, Singvögel und sonstigen Wirbeltiere zusammen. Ihr Lebensraum ist ein Labyrinth aus winzigen Höhlen und Wällen aus vermodernden Pflanzenabfällen, durchzogen von vielen Metern Pilzfäden. Und diese Organismen bilden nur die Oberfläche der Flora und Fauna zu unseren Füßen. Wenn wir eine noch stärkere Vergrößerung wählen und uns den mikroskopisch kleinen Wasserfilm auf Sandkörnern anschauen, entdecken wir zehn Milliarden Bakterien in einem Fingerhut voll sandiger Erde und Insektenkot. Sie sind die Energiegrundlage der Welt der Mikrokonsumenten, so wie wir sie 150 Jahre nach Ihrem Aufenthalt in Walden Woods verstehen.2
In dem Humus und der vermodernden Vegetation unter unseren Schuhen entfaltet sich die ungebändigte Natur. Zwar ist die Wildnis, so wie man sie sich gemeinhin vorstellt, verschwunden; Wölfe, Pumas und Vielfraße kommen in den Forsten von Massachusetts nicht mehr vor. Doch eine andere, urtümlichere Wildnis lebt fort. Das Mikroskop kann sie sichtbar machen. Wir brauchen nur unseren Blickwinkel zu verkleinern, und schon sehen wir einen Teil dieser Wälder so, wie sie vor tausend Jahren ausgesehen haben. Dies ist die Perspektive des Naturforschers, der sich auf die Erforschung kleiner Organismen verlegt hat.
'Thor.eau. Ist es richtig, dass Sie Ihren Namen auf der ersten Silbe betonten - wie bei dem englischen Wort thorough für gründlich? Das hat zumindest Ihr enger Freund Ralph Waldo Emerson auf einen Zettel gekritzelt, den man unter seinen Papieren fand. Als gründlichem Naturforscher hätte Ihnen der jüngst zu Ihren Ehren hier abgehaltene Tag der Artenvielfalt sicherlich gefallen. Die Idee dazu stammte von Peter Alden, einem Einwohner Concords und international tätigen Naturführer. Am 4. Juli 1998, dem 143. Jahrestag Ihres Einzugs in Ihr Haus am Walden-See, kamen Peter und ich und mehr als hundert weitere Naturschützer aus Neuengland zusammen, um eine Bestandsaufnahme aller wild lebenden Pflanzen-, Tier- und Pilzarten vorzunehmen, die wir an einem Tag ohne Handlupe, mit bloßem Auge, in der Umgebung von Walden zwischen Concord und Lincoln finden konnten. Tausend Arten hatten wir uns zum Ziel gesetzt. Doch als wir am Abend des Aktionstages den zerkratzten und zerstochenen Teilnehmern beim gemeinsamen Abendessen im Freien das Gesamtergebnis verkündeten, waren es 1904 Arten. Wenn man es genau nimmt, waren es sogar 1905, denn am nächsten Tag tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Elch (Alces alces) mitten in Concord auf. Da er die Stadt jedoch schon kurze Zeit später wieder verließ, verringerte sich die Artenvielfalt wieder auf das Niveau vom 4. Juli.
Wenn Sie sich an diesem Tag der Artenvielfalt zu uns gesellt hätten, wären Sie wahrscheinlich nicht besonders aufgefallen - jedenfalls solange Sie darauf verzichtet hätten, das Gespräch auf Präsident Polk und die mexikanische Frage zu bringen. Selbst Ihre altmodische Kleidung hätte Sie nicht verraten, wenn man bedenkt, wie zweckmäßig wir selbst für diese Feldexkursion gekleidet waren. Sie hätten auch unser Vorhaben verstanden. Nach Ihren beiden letzten Büchern zu schließen, Faith in a Seed und Wild Fruits (die erst vor wenigen Jahren aus Ihren fast unleserlichen handschriftlichen Notizen veröffentlicht und damit der Vergessenheit entrissen wurden), waren Sie auf dem besten Weg zu einer wissenschaftlichen Annäherung an die Naturgeschichte, als Sie viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden. Diese Entwicklung war nur folgerichtig: Jede Wissenschaft beginnt mit der Beschreibung und Benennung der untersuchten Gegenstände. Es scheint ein dem Menschen angeborener Instinkt zu sein, sich seiner Umwelt auf diese Weise zu bemächtigen. Wir können über eine Pflanze oder ein Tier nicht gut nachdenken, bevor wir nicht einen Namen dafür haben. Daher rührt auch das Vergnügen, Vögel mit einem Bestimmungsbuch in der Hand zu beobachten. Aldens Idee fand rasch Anklang. Während ich dies im Jahre 2001 niederschreibe, werden nicht nur woanders in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Österreich, Deutschland, Luxemburg und in der Schweiz Tage der Artenvielfalt - so genannte »Bio-Blitze« - durchgeführt. Im Juni 2001 nahmen am dritten Tag der Artenvielfalt in Massachusetts Studenten aus 260 Städten des gesamten Landes teil.
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