Audiobook-Rezensionen
Die phantastischen Autobiographie enthält kindliche Erinnerungsbilder voller Farben, Gerüche, voll geschärfter Sinneseindrücke. Es handelt sich um locker aneinander gereihte Episoden. Eine zentrale Rolle nimmt die Vaterfigur ein. Der Vater ist ein skurriler Mann, der an der Wirklichkeit zerbricht, sich in eine exotische Vogelwelt flüchtet, und, als man ihm diese wegnimmt, langsam verdörrt und verschwindet. Von großer Bedeutung sind die Zimtläden. Sie benannt nach der Farbe ihrer Fassaden sind Symbol für eine Welt, in der trotz phantastischen Warenangebots, die Kommerzialisierung und der technische Fortschritt noch nicht Einzug gehalten haben. Der Ort, wo das alles spielt, ist immer die galizische Kleinstadt am Rande des Habsburgerreichs. Doch die Provinz gewinnt hier eine Größe und Weite, und die Traumwelten, die in ihr kreiert werden, sind durch die Metaphern und den teilweise grotesken Humor zum Greifen nahe.
Bruno Schulz, geboren 1892 in Drohobycz/Galizien (heute Ukraine) war Zeichner/Graphiker und begnadeter Erzähler. Sein erzählerisches Debüt Die Zimtläden, in Warschau 1934 erschienen, wurde bereits 1936 mit dem Goldenen Lorbeer ausgezeichnet. Schulz hatte sein Architekturstudium aus Geldmangel nicht zu Ende bringen können; er arbeitete als Zeichenlehrer. Fast die ganze Zeit seines Lebens verbrachte der polnische Kafka wie er oft genannt wurde in seiner kleinen Heimatstadt. 1942 wurde Bruno Schulz von einem Gestapo Offizier auf offener Straße erschossen. Sein unveröffentlichtes Werk ging damit verloren und bleibt wiederzuentdecken.
Bernt Hahn, Schauspieler und Sprecher von Hörbüchern von Alexander Puschkin und Marcel Proust, liest die Geschichten aus dieser geheimnisvollen, kleinen Welt. Seit langem verehrt er Bruno Schulz. Und das hört man! Der Sprecher vermittelt mit Kennerschaft und Einfühlungsvermögen den magischen Realismus des Autors. Das Absurde und der Humor, die Traumbilder und die überschwängliche Sprache werden durch seine Interpretation absolut stimmig vertont. Lesung, Spieldauer: ca. 72 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
»Auch dieses wunderbare schräge und einzigartige Buch hat seine geheimen Knoten, und man möchte es nie mehr aus der Hand legen.«
Julian Schütt, Basler Zeitung 15.04.2012
Kurzbeschreibung
Diese vom Autor selbst illustrierte Sammlung phantastischer Erzählungen in der brillanten Neuübersetzung von Doreen Daume lässt eintauchen in die versunkene Welt eines galizischen Städtchens und seiner Bewohner. Schein und Wirklichkeit verschwimmen in der wunderlichen Umgebung, in der die Menschen berauschende Sommertage, aber auch stockfinstere Sturmnächte erleben – kunstvoll sucht Schulz nach dem »mythischen Gehalt, nach dem letzten Sinn der Geschichte«.
»In seiner Bedeutung für die Weltliteratur wird Bruno Schulz mit Marcel Proust, Franz Kafka und James Joyce verglichen ... Doreen Daume hat eine adäquate Sprache gefunden für das an Wortschöpfungen und atmosphärischen Bildern reiche polnische Original.« Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Über den Autor
Auszug aus Die Zimtläden von Bruno Schulz, Doreen Daume. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Bruno Schulz
EXPOSÉ über das Buch "ZIMTLÄDEN"
In diesem Buche wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Familie, eines Provinzhauses nicht aus ihren realen Elementen, aus Begebenheiten, Charakteren und den wirklichen Geschicken heraus zu begreifen, sondern über diese hinaus nach einem mythischen Gehalt, nach einem letzten Sinn jener Geschichte zu suchen.
Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, daß die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äüsseren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategorie des Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinauswill, auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus. Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre - erschliesst dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.
Hier glaubt der Verfasser sich dem antiken Lebensgefühl nahe, er glaubt aus dem heidnischen Lebensempfinden heraus gestaltet, phantasiert und gesponnen zu haben, wie ja für den antiken Menschen die Genealogie des eigenen Stammes schon hinter der zweiten oder dritten ascendenten Generation ins Mythische sich verlor, der nach rückwärts gewandte Blick die Geschichte der Familie sich in Mythologie auflösen sah.
Was in diesem Buche jedoch geboten wird, ist keine irgendwie kulturhistorisch festgelegte, geschichtlich gemünzte Mythologie. Die Elemente dieses mythologischen Idioms entspringen jenem Dämmerreich der frühen Kindheitsphantasien, den Ahnungen, Ängsten, Antizipationen jener Lebensfrühe, die die eigentliche Wiege des mythischen Denkens bildet. Es galt, diesen mythischen Nebel zu einer zusammenhängenden und sinnvollen Sagenwelt zu verdichten ihn zu einer Art persönlicher und privater Mythologie ausreifen zu lassen ohne dabei den Boden des Autentischen zu verlieren.
Im Mittelpunkt der Handlung sehen wir "den Vater" eine rätselhafte Gestalt, Kaufman seines Zeichens, der an der Spitze einer Schaar dunkler und rothaariger Commis einem Tuchwarengeschäft vorsteht. Wir sehen ihn sich verzehren in ewiger Unrast, tief beunruhigt in seinem Herzen um das ewige Geheimnis, das Wesen der Dinge durch die gewagtesten Experimente immer wieder bestürmen und bedrängen. Diesem schwergeprüften und schicksalgeschlagenen Mann ist es vorbehalten, allein inmitten einer stumpfen und gleichgültigen, seinen metaphysischen Sorgen unzugänglichen Umgebung den Welterlösungsgedanken zu hegen, unter der Wucht einer metaphysischen Mission fast zusammenzubrechen. Seine fragwürdigen und ketzerischen Experimente rühren an den Kern des Weltgeheimnisses. Unaufhörlich reizt es ihn an den geheimen Knoten des Weltzusammenhangs mit frewlerischer Hand zu nesteln und zu fingern, das Welträtsel an seiner heikelsten Stelle zu kitzeln und zu provozieren,
Stammvater eines zahllosen Vogelgeschlechtes, das er in dem Räumen der einsamen Wohnung herangezüchtet hat, lässt er bunte Vogelzüge von Pfauen, Phasanen und Pelikanen aus den Fenstern in die abendliche Landschaft ziehen - Mittelpunkt ihrer Wanderungen, Wirbel und Kreise, bis Adele, seine Erzfeindin, das Stubenmädchen des Hauses diese wimmelnden Vogelschwärme in alle Winde zerstäuben lässt. Nach dieser Niederlage verkümmert er langsam, verdorrt - täglich kleiner in den einsamen Zimmern unter sorglosem Spiel, unsinnigem Geschwätz und Gezwitscher, kommt allmählich in den Räumen der großen Wohnung seinen Angehörigen ganz abhanden, bewahrt vielleicht eine Art Scheinleben in der Gestalt eines ausgestopften alten Geiers, und erscheint dann eines Nachts zu kurzem Besuch bei der Mutter als Commis voyageur, auf seinen Geschäftsreisen.
In uralter Fehde mit dem Schabengeschlecht, das die Wohnung eines Tages mit seinem schwarzen Gewimmel überflutet, wird er unmerklich durch den verzehrenden Hass in jene Irrgänge des Gefühls hineingezogen, wo der Abscheu in eine unheimliche Anziehung umschlägt und nimmt allmählich die Manieren und Lebensweise des verhassten Gezüchtes an. Der Verfasser lässt ihn immer wieder sich aus seinen Verwandlungen erholen und bald sehen wir ihn dann wieder ein Kolleg über Gliederpuppen, Mannequins und "häretische Demiurgie" vor einem Auditorium von kleinen Näherinnen halten, eine gelehrte Dissertation, in der er dem Demiurgos sein alleiniges Recht auf Kreation streitig macht und auf abwegige und ketzerische Methoden der Lebensbildung sinnt.
So lässt ihn der Verfasser von Abenteuer zu Abenteuer von Niederlage zu Niederlage seinen sonderbaren Weg ziehen umgeben von anderen Gestalten und Begebenheiten des Buches und von einer farbigen Landschaft umflutet, die in immer neuen Konfigurationen sein Treiben begleitet.
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