Aus persönlichem Interesse an der Thematik des Balkankriegs in Ex-Jugoslawien und weil ich auf der Suche nach einem Gegenpol zu den Einheitsmeinungen der Medien war, stieß ich auf das Buch "Die Zerstörung Jugoslawiens: Slobodan Milosevic antwortet seinen Anklägern".
Dabei war mir bewußt, dass ein Politiker vom Format eines Herrn Milosevic mit absoluter Sicherheit ein guter Redner ist, der seine Rhetorik gezielt einzusetzen und seine Zuhörer geschickt zu lenken weiß. Dennoch aber interessierte mich besonders, wie er als direkt Betroffener bzw. "Täter" die Situation sah.
Seine Sichtweise legte Milosevic in seinen Reden vor dem Den Haager Kriegsverberechertribunal sehr detailliert dar, die er im Rahmen seiner eigenen Verteidigung hielt. Der Originaltext dieser Reden wurde sorgfältig ins Deutsche übersetzt und zur besseren Nachvollziehbarkeit mit Erklärungen und Fußnoten ergänzt. So eignet sich dieses Buch auch für Leser, die mit der Materie des exjugoslawischen Krieges noch nicht in der Tiefe vertraut sind, weil es die Begleitumstände gut erklärt. Im Anhang am Schluß des Buches finden sich weitere ausführliche Hinweise auf Quellen sowie weiterführende Erklärungen zur Thematik.
Beigefügt ist auch die legendäre Amselfeldrede von Milosevic in deutscher Fassung, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nirgends noch in deutscher Sprache gefunden habe.
Das Buch las ich trotzdem mit einem gebotenen Maß an Vorsicht im Hinblick auf die eigenen, höchstpersönlichen Interessen, die Milosevic als Staatsmann ohne Zweifel vertreten hat (er stand während seiner Regierungszeit oft unter Korruptionsverdacht) sowie mit Rücksicht darauf, dass er im Rahmen seiner Reden vor Gericht stand und sein höchstes Interesse mit Sicherheit der Rettung der eigenen Haut galt.
"Entschärft" der Leser die Aussagen in den Texten und die nicht leugenbare Polemik unter Berücksichtigung der Umstände (persönliche Einstellung den Volksgruppen gegenüber, Schönfärberei, persönliche Interessen, etc.), bleibt dennoch das erschreckende Bild eines ehemaligen Staates, dessen Angelegenheiten von Außenstehenden fremdbestimmt wurden und der - ohne die Frage des Verschuldens beurteilen zu wollen - zwischen die Interessen und Intrigen der internationalen Außenpolitik geriet. Sogar wenn man die Aussagen von Milosevic relativiert, bleibt die Frage, ob der Krieg im ehemaligen Jugoslawien tatsächlich über so lange Zeit derartig eskaliert wäre, hätte es nicht die mannigfachen Einmischungen internationaler Staatengemeinschaften und Institutionen sowie den einseitigen Medienfeldzug gegeben.
Die persönlichen Ansichten des Autors, der in seinen Ausführungen in diesem Buch die Argumentationslinie von Milosevic teilweise sehr deutlich unterstützt, mögen auf den ersten Blick wie mangelnde Objektivität wirken. Doch insgesamt gesehen und verglichen mit der Manipulationspolitik, die in diesem Thema um sich gegriffen hat, ist dieses Buch - bewußt gelesen - ein guter Gegenpol zum gängigen Meinungseinheitsbrei und eröffnet neue Blickwinkel, die leider nur selten diskutiert werden.