Anna ist multipel - doch sie weiß es (noch) nicht. Sie weiß, dass sie strikte Ordnung und einen festen Tagesablauf braucht, um nicht "die Kontrolle" oder Zeit zu verlieren, sie hört diese Stimmen da in ihrem Kopf ... aber ansonsten bewältigt sie ihren Alltag als Leiterin eines Kindergartens zu aller Leuten Zufriedenheit. Nur um Weihnachten herum wird es immer besonders schwierig ...
So der Anfang. Dann erfolgt eine Rückblende und Annas Leben wird geschildert, es wird klar, warum Anna sich aufspalten musste und wie sie die vielen Wirklichkeiten versuchte auseinanderzuhalten, wie es ihr zunehmend schlechter gelang, sich alles verselbstständigte und sie Jahre später versuchte ihr Leben in den Griff zu bekommen. Vorallem auch: welch Preis sie dafür zahlt.
Jutta Ouwens gelingt es die Erlebniswelten eines Menschen mit DIS anschaulich und greifbar zu erzählen ohne dabei reißerisch zu werden oder irgendetwas zu glorifizieren. Für mich als Leser war es sehr einfach mich in Anna und ihr Leben hineinzudenken und vor allem auch zu fühlen.
Leider bleibt der Schluss etwas offen. Bekommt Anna nun heraus, was mit ihr losist, und wenn ja, wie geht sie damit um und wie ergeht es ihr, wenn sie Kontakt zu den anderen Annas vielleicht irgendwann herzustellen lernt? Das alles bleibt offen ... vielleicht Stoff für einen Fortsetzungsband.
Denn gerade für Betroffene beginnt da ja genau Teil II des Leidensweges.