Kurzbeschreibung
Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Die Zeit danach von Cordula Broicher. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Vorstellungen von den Dingen.
Epiktet, 1.Jh.n.Chr.
Kapitel 1
Gedankenverloren nahm Anna ihre Lesebrille ab und wischte sich über die
Augen. Warum hatte er das nur getan, überlegte sie, wie so oft im letzten
Jahr. Warum?
Als wenn es gestern passiert wäre, schoss ihr eine Szene durch den Kopf,
die fast dreißig Jahre zurück lag und sich hier hinten im Garten ihres
Elternhauses abgespielt hatte.
Fröhlich lachend war sie zu ihrer alten Kinderschaukel gelaufen und hatte
Joachim hinter sich hergezogen. Ihren Jocham, wie sie ihn immer zärtlich
genannt hatte.
Ihre erste und einzige Liebe.
Oft stand er ihr noch heute so vor Augen wie damals, als sie beide jung und
voller Abenteuerlust gewesen waren. Blonde, glatte Haare mit einem
buschigen Wirbel vorne an der Stirn und Augen, so blau wie das Meer, in die
sie sich stets, wie in einen Strudel, hineingezogen gefühlt hatte.
"Komm, Jocham. Schubs mich an!"
"Meinst du nicht, du wärst langsam aus dem Schaukelalter heraus?"
"Solange ich irgendwie zwischen diese beiden Stricke passe, werde ich auch
schaukeln!"
Wehmütig schaute Anna zu ihrer alten Kinderschaukel hinüber. Das einfache
rote Eisengestell hatte bereits vor Jahren Rost angesetzt und das
Holzbrett, das zwischen den beiden Eisenringen hing, war vom Regen grau und
rissig geworden.
Vor wie vielen Jahren waren dort ihre längst erwachsenen Töchter das letzte
Mal laut kreischend dem Himmel entgegen geflogen?
Und wie lange hatte sie selbst auf keiner Schaukel mehr gesessen, fragte
sie sich traurig, wie lange war sie nicht mehr Karussell gefahren?
"Noch höher!"
"Es reicht. Du wickelst dich sonst noch um den Querbalken."
Groß und kräftig, mit strahlenden Augen hatte er damals vor ihr gestanden
und sie erwartungsvoll angeschaut. Nach einer Weile hatte er ihr
herausfordernd die Arme entgegengestreckt.
"Spring!"
Und ohne weiter darüber nachzudenken hatte sie die Hände von den Seilen
gelöst und war gesprungen. Sie hatte sich immer auf ihn verlassen können.
Joachim war ihr Freund, ihr Beschützer und lange Jahre auch ihr Geliebter
gewesen. Schon als junges Mädchen hatte sie zu dem drei Jahre älteren
hochgesehen und daran hatte sich auch während ihrer Ehe nichts geändert.
Der vernünftige Joachim. Nachdenklich zupfte Anna ein Blatt von einem
herunterhängenden Ast. Vielleicht war er ja gar nicht so vernünftig
gewesen, wie er immer gewirkt hat? Die Szene, die sich gerade vor ihrem
geistigen Auge abgespielt hatte, sprach eigentlich eine andere Sprache.
Grübelnd hob Anna den Kopf und schaute in das dichte grüne Blätterdach der
alten Buche über ihr.
"Mama?"
Erschrocken drehte sie sich um und sah ihre zwanzigjährige Tochter
Katharina in der Terrassentür stehen.
"Mama? Alles in Ordnung? Du hast wieder geweint." Mit besorgtem Blick kam
Katharina auf Anna zu.
"Es ist schon gut, ich habe nur ein bisschen in Erinnerungen geschwelgt."
"Woran hast du gedacht?"
"Ich habe gerade darüber nachgedacht wie unvernünftig Papa und ich manchmal
gewesen sind."
Einen letzten Seufzer gönnte sich Anna noch, dann richtete sie sich auf,
wischte sich die Tränen von den Wangen und versuchte ein wenig Glanz in
ihre Augen zu bringen. Auch Katharina hatte ein hartes Jahr hinter sich. Es
war nicht nötig, dass sie sich zusätzlich Sorgen um ihre Mutter machen
musste.
"Wo kommst du her?", fragte sie deshalb betont fröhlich.
"Ich war auf einen Kaffee bei Judith." Entspannt ließ sich Katharina neben
ihr auf die Bank sinken und war Sekunden später, lachend unter einem grauen
Wollberg verschwunden.
"Hallo Snoopy! Ja, ja, ich freue mich auch dich zu sehen, mein Guter. Hey!
Aus! Es reicht." Sie lachte auch noch, als sie auf dem Rasen lag und sich
vergeblich gegen unzählige Hundeküsse zur Wehr setzte.
"Snoopy, aus!" Kurz aber bestimmt, kam der Befehl von Anna und Snoopy zog
sich, wenn auch zögernd und voller Bedauern, von Katharina zurück.
"Wenigstens du hast dieses Kalb im Griff." Übermütig lachte sie Anna an,
während sie sich wieder hochrappelte.
"Das ist bei seinen Ausmaßen auch lebenswichtig. Ich will nicht miterleben
müssen, dass er jemanden vor lauter Begeisterung zerquetscht." Zärtlich
kraulte Anna den jungen, irischen Wolfshund, der sich inzwischen neben sie
gesetzt und seinen großen Kopf auf ihre Oberschenkel gelegt hatte.
"Ob du noch mal ein richtiger Wachhund wirst?", spöttelte Katharina und
zupfte Snoopy am Kinn. "Du musst doch bellen, wenn du jemanden vor dem Haus
herumschleichen hörst, und nicht oben herumdösen."
Dann wandte sie sich wieder Anna zu und nahm sich einen Apfel aus der
Obstschale, die auf einem alten Holztisch stand.
"Und du hast mich auch nicht gehört."
"Ich habe Zeitung gelesen und war ganz in Gedanken."
"Und woran hast du gedacht?"
Anstatt zu antworten zeigte Anna ihrer Tochter die große gerahmte
Todesanzeige.
"Dr. Christian Pütz", las Katharina kauend vor. "Müsste ich den kennen?"
"Nein, musst du nicht. Ich kannte ihn auch nicht persönlich, aber Papa."
Spätestens jetzt hatte Anna Katharinas volle Aufmerksamkeit.
"Er gehörte damals zu der Kommission, die seinen Antrag auf eine
Gemeinschaftspraxis abgelehnt hat." Traurig ließ sie ihre Lesebrille am
Bügel hin und her schaukeln.
"Mama, das ist jetzt fast ein Jahr her", beschwor Katharina ihre Mutter
leise und legte ihr behutsam den Arm über die Schulter.
"Ich weiß", seufzte Anna auf und schaute ihre Tochter traurig an. "Aber
solche Augenblicke bringen wieder alles zurück." Müde rieb sie sich über
die Augen.
"Du konntest es nicht verhindern. Niemand konnte das."
"Aber wenn es jemand hätte verhindern müssen, dann ich. Ich hätte ihm
besser zuhören müssen. Vielleicht hat er etwas angedeutet und ich habe es
nicht registriert."
"Mama, darüber haben wir doch nun schon x-mal gesprochen. Papa war Arzt. Er
wusste ganz genau was er tat, als er diesen Medikamentencocktail geschluckt
hat. Er wollte nicht mehr. Keiner von uns war ihm wichtig genug, um nach
anderen Lösungen zu suchen."
Ruhig und überlegt, fast schon kalt, waren diese Sätze von Katharina
gekommen. So hatte Anna sie noch nie über den Tod ihres Vaters sprechen
hören.
"Er hat euch Mädchen geliebt. Wie kommst du nur darauf, du wärst ihm nicht
wichtig gewesen?"
"Ich habe gesagt nicht wichtig genug, denn sonst hätte er uns nicht einfach
allein gelassen."
"Katharina, ihr seid beide erwachsen und lebt euer eigenes Leben." Anna
merkte selbst wie lahm ihre Verteidigungsrede klang und schloss den Mund.
Immer wieder hatte sie versucht Joachims Selbstmord zu verstehen.
Vergeblich.
"Übrigens, warst du schon in der neuen Buchhandlung in der Frankenstraße?",
fragte Katharina und wechselte abrupt das Thema.
"Nein, warst du etwa schon da?"
"Mhm, vorhin, mit Judith." Genüsslich kaute Katharina wieder an ihrem
Apfel.
"Und wie ist es geworden?", fragte Anna neugierig und strich Snoopy, der
sich jetzt auf dem Rasen räkelte, mit dem nackten Fuß über den Bauch.
"Echt cool. Der hat den alten Lagerraum von den Beiers nebenan noch dazu
genommen. Jetzt ist es richtig schön luftig und hell. Ganz modern
eingerichtet. Sogar eine Espressomaschine steht auf der Theke. Vielleicht
fange ich auf meine alten Tage doch noch an, mich für Bücher zu
begeistern."
"Das wäre ja so, als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen",
bemerkte Anna trocken und warf ihrer Tochter einen zweifelnden Blick zu.
Anna war nahezu süchtig nach Büchern und gierte schon danach sich die neue
Buchhandlung anzusehen, aber Katharina hatte von Kind an Lesen als zu
anstrengend abgelehnt. Noch heute las sie kaum mehr als die Tageszeitung
und ihre Fachbücher.
"Vielleicht hat mir ja bisher nur der entsprechende Anreiz gefehlt. Dieser
Thomas Wegener könnte mich sicher davon überzeugen, wie wichtig Lesen für
meine Allgemeinbildung ist."
"Ist das der Inhaber? Habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht?"
"Miteinander bekannt gemacht, das hört sich so richtig schön altmodisch
an", neckte Katharina ihre Mutter. "Judith kannte ihn schon, und wir haben
uns ein bisschen unterhalten. Smalltalk eben, er hatte schließlich den
ersten Tag geöffnet und entsprechend zu tun. Der hat vielleicht Augen,
Mama, dunkelgrün mit hellbraunen Sprenkeln."
"Und wie alt ist dieser Supertyp?"
"Ich schätze mal so um die vierzig."
"Ist das für dich nicht schon uralt?"
"Mama, ich will ihn ja nicht heiraten. Ich finde ihn einfach interessant."
"In diesem Alter haben die meisten Männer Familie."
"Manchmal frage ich mich, warum ich dir überhaupt solche Sachen erzähle,
wenn du dich dabei doch immer wie meine Mutter aufführst!"
"Das mag daran liegen, dass ich deine Mutter bin. Und die will dich vor
allem beschützen. Hauptsächlich natürlich vor skrupellosen, gut aussehenden
Männern um die vierzig, die neben Frau und Kindern auch noch eine Geliebte
wollen."
"Eigentlich ist das ja meine Sache, aber um dich zu beruhigen: Er ist
geschieden."
"Du bist aber bemerkenswert gut informiert dafür, dass du nur einmal kurz
mit ihm gesprochen hast." Erstaunt zog Anna die Augenbrauen hoch.
"Mama, wir leben in einer Kleinstadt. Außerdem ist Judith hier auch noch
Geschäftsfrau. Die weiß einfach alles."
"Aha. Wenn ich dich eben richtig verstanden habe, soll Herr Wegener also
etwas für deine Allgemeinbildung tun. Wirst du jetzt etwa zum Bücherwurm?"
"Genau. Ich muss mir nur noch überlegen, in welcher Richtung ich mich von
ihm beraten lasse."
Nachdenklich zog Katharina die Nase kraus. "Wenn ich mich für Liebesromane
interessiere, hält er mich womöglich für seicht, bei Krimis für unterkühlt
und bei psychologischen Romanen für zu intellektuell. Wer gerne Sachbücher
liest, gilt als trocken und verstaubt. Was würdest du mir empfehlen?"
"Frag ihn nach einem Comic."
"Mama, jetzt bist du aber gehässig", lachte Katharina.
Anna nahm sie liebevoll in den Arm und strich ihr zärtlich über die dichten
braunen Locken. Sie genoss, dass ihre jüngere Tochter noch zu Hause wohnte.
Ohne sie hätte sie die letzten Monate kaum so gut überstanden. Mit ihrer
fröhlichen und unkomplizierten Art schaffte Katharina es immer wieder, sie
aus ihren Grübeleien und Selbstvorwürfen herauszureißen.
Bevor sie die gegenseitigen Neckereien an diesem Abend ausweiten konnten,
klingelte es an der Haustür und das Chaos brach über sie herein: Snoopy
fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch, raste laut bellend durch das
Wohnzimmer zur Haustür und stieß dabei gegen einen Blumenkübel, der mit
lautem Getöse umkippte und zerbrach, woraufhin sich eine Flut Blumenerde
über die weißen Bodenfliesen ergoss, während die jahrelang von Anna gehegte
Klivie mitgeschleift wurde. ...