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Die Zeit der Stinte
 
 
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Die Zeit der Stinte [Taschenbuch]

Artur Becker
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Ein polnischer Spätaussiedler reist mit einer amerikanischen Journalistin auf Spurensuche nach Polen.

Chrystian ist ein deutsch-polnischer Spätestaussiedler in Bremen. Er lebt von der Hand in den Mund, ein Lebenskünstler, Schnorrer und Taugenichts. Vergeblich versucht er zu begreifen, warum ihn seine Frau rausgesetzt hat. Da tritt eine junge Amerikanerin in sein Leben. Sie ist Journalistin und jüdischer Herkunft und muss etwas klären: Vor fast sechzig Jahren sind drei ehemalige Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig mit einem Flugboot auf dem Geserichsee gelandet und haben Richard Schmidtke hingerichtet, den Kommandanten eines Außenlagers, der sich dort im Wald versteckt hat. Einer der Männer war Monas Großvater.

Gemeinsam fahren Chrystian und Mona auf Spurensuche nach Polen. Für Chrystian wird die Fahrt zur Befreiung von seiner Ehe und von der Geschichte. Endlich, so glaubt er, wird er nicht mehr die Last der Vergangenheit mit sich herumschleppen müssen. Aber dann kommt es anders …

Der vielfach ausgezeichnete Artur Becker hat eine Novelle von spröder Schönheit geschrieben, die uns in eine Welt führt, die jahrzehntelang hinter Grenzen und Stacheldraht lag.

Über den Autor

Artur Becker wurde 1968 in Bartoszyce, Warmia und Masuren, geboren. Seit 1985 in Deutschland, lebt er in Verden an der Aller.

Auszug aus Die Zeit der Stinte von Artur Becker. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Es war die Zeit der Stinte, die durch die Weser zogen und sich vermehrten. Als Chrystian Brodd mittags mit einem Auge erwachte, war er wie erschlagen: Heute hatte sein Vater Geburtstag, am 4. April 2003, er wurde sechzig; außerdem kam es Chrystian so vor, als ob irgendjemand, der sehr mächtig sein musste, an seinem Leben herumschnipselte wie mit einer Schere. Ihm fehlten plötzlich mehr Tage und Nächte als je zuvor, und das, was blieb, war auch nicht mehr in sicherer Hand: hier am Steintor, in seinem Wohnviertel, das er auf den Namen »Klein-Brooklyn« getauft hatte – im Gegensatz zu »Klein-Manhattan«, wo sein Vater Gustaw wohnte.
Gustaw, der ältere Brodd, war Hausmeister in einem Hochhaus und instruierte aus dem Küchenfenster im Erdgeschoss die Mieter darüber, was ihnen gestattet war oder nicht. Seine wichtigsten Widersacher waren allerdings nicht die Menschen, sondern die Hunde. Dass er sie nicht mochte, lag daran, dass Chrystians Opa Johann, als er noch lebte, fast täglich irgendwelche Straßenköter nach Hause angeschleppt hatte. Allerdings war das vor langer Zeit gewesen, als sie noch in I¬awa wohnten, das früher Deutsch-Eylau hieß.
Chrystian hatte seinem Vater ursprünglich etwas Gutes tun wollen, ihm dann aber doch bloß eine CD von Nirvana gekauft, praktisch für sein letztes Geld, denn bis zur nächsten Überweisung vom Arbeitsamt blieben noch zweiundsiebzig Stunden. Mit Nirvana und dem Kult um Kurt Cobain hatte er nichts am Hut, doch hatte er im Supermarkt dem schwarzen CD-Cover und dem silbernen Bandlogo nicht widerstehen können. Es schmeckte so nach endgültigem Abschied von der Welt.
Dabei war ihm nach Abschied, genau genommen nach Selbstmord, gar nicht mehr zumute. Er hatte kürzlich beschlossen, sich doch nicht umzubringen, sondern lieber sein bisheriges Leben noch mal zu überdenken. Er spürte, dass es an der Zeit war, alles, was er bis jetzt gelernt hatte, über Bord zu werfen wie unnötigen Ballast.
Chrystian zog seinen schwarzen Anzug an, seinen Hochzeitsanzug. Er hatte nur den einen. Er war mittlerweile ein bisschen herausgewachsen aus diesem Anzug. Vor allem in der Breite. Am liebsten hätte er sich als katholischer Priester verkleidet, aber dafür fehlte ihm das nötige Kleingeld. Er hatte sich sogar überlegt, aus einer Sakristei eine Soutane und eine Albe Größe 54 zu stehlen, nur hatte er nicht den Mut dazu gehabt.
Als kleiner Junge hatte er dem Heiligen Bartholomäus, der in der roten Backsteinkirche in I¬awa thronte, geschworen, keine Sünden zu begehen, und sich für den Priesterberuf vorbereitet, indem er sich Abend für Abend, kurz vor dem Einschlafen, vorstellte, wie seine Eltern, Verwandten und Freunde die Beichte bei ihm ablegten. Ihnen Bußgebete aufzuerlegen, schien sinnlos. Sie änderten sich ja doch nie und wiederholten nur ihre Fehler. Meistens schickte er sie auf den elektrischen Stuhl, aber nur zum Aufladen, wie er es damals nannte, zum Kraft tanken. Sie sollten sich erholen und nicht verzweifeln.
Zum Geburtstag seines Vaters ging er zu Fuß. Sein alter VW Jetta war vor zwei Tagen vom Parkplatz der Universität gestohlen und noch nicht wieder gefunden worden. Am Mittwoch hatte er nämlich eine Vorlesung gehört – über den Urknall, das Ausbrennen der Sonne und den so genannten Omegapunkt (eine Art Auferstehung). Der Urknall hatte unbestritten mit ihm selbst einiges zu tun. Er hatte den Diebstahl sofort auf dem nächstliegenden Polizeirevier gemeldet.
Es waren nur wenige Fußgänger unterwegs, die Stadt lag an diesem Abend im Winterschlaf, obwohl der Frühling längst begonnen hatte. In dieser Hinsicht war Bremen wie I¬awa, wo er vor siebenunddreißig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Dieser gesunde Bremer Schlaf beruhigte ihn ein wenig. In Hamburg oder in Berlin würde er sicher schon nach der ersten Zigarette in einer Bar oder auf der Arbeit schwer krank werden und sterben. Ein Umzug in diese Großstädte kam deshalb für ihn nicht in Frage. Dort musste man ja unentwegt wach sein wie in einem Leichenhaus. Chrystian Brodd war vieles ein Rätsel, aber eines war ihm ganz klar – die Zeit ließ sich auf keinen Fall betrügen.
Der Fahrstuhl brachte ihn in den zehnten Stock, wo er am Abend zuvor einen Blumenstrauß und die Nirvana-CD deponiert hatte. Der zehnte Stock stand leer. Die Wohnungen warteten auf neue Russen, auf Mathematiker und Ingenieure. Alle Männer in den Fünfzigern, die aus Kasachstan kamen, erzählten, sie seien Deutsche und Ingenieure. »Kaum zu glauben, dass solch ein Staat wie die Sowjetunion praktisch über Nacht zerfallen ist: Sie hatten doch so viele deutsche Ingenieure!«, erboste sich sein Vater des Öfteren.
Der Blumenstrauß war noch frisch, die CD schön eingepackt. Chrystian fuhr wieder hinunter ins Erdgeschoss und klingelte bei Brodd. Er wusste, er würde nicht nur seinen Vater sehen, sondern auch Katharina und Tobias.
Katharina Ratz und Tobias waren Chrystians Familie, seine Frau und sein Kind. Seinen fünfjährigen Sohn sah er seit Monaten nur noch zweimal die Woche. Er begleitete ihn zum Schwimmkurs, danach zu McDonald’s. Alles andere hatte Katharina verboten. »Du demoralisierst mein Kind«, sagte sie.
Für Tobias hätte er jeden anderen Namen gewählt, aber mit Sicherheit nicht Tobias. Als Katharina schwanger geworden war, nannte er das Ungeborene schmunzelnd Boreas, den göttlichen Nordwind. Die Brodds waren Kinder des Nordens. Sie waren alle dort, im tiefen Norden Polens, geboren. Warum sollte sein Kind nicht auch so heißen wie das Land seiner Väter? Wenn er betrunken war, behauptete Chrystian sogar, sie wären Nachkommen der sagenhaften Hyperboreer.
Man öffnete Chrystian die Tür, und er trat in den menschenüberfüllten Flur. Niemand schenkte ihm Beachtung, bis sein Vater erschien – ein hagerer Mann mit einem Tatarenschnurrbart. Chrystian überreichte ihm die Geschenke – sechzig holländische Tulpen und die Nirvana-CD –, küsste ihn auf die linke Wange und wünschte ihm ein gesegnetes Hausmeisterleben. Seltsam, dass in dem ganzen Hochhaus keine einzige polnische Familie wohnte. Dafür wimmelte es von Kasachen, Türken und Deutschen. Wo waren seine Landsleute? Aber er kannte die Antwort: Sie waren in Polen, in Hannover und in Chikago.
Chrystians Hochzeitsanzug hatte genau die erhoffte Wirkung: Er, der Herr Magister, wollte endlich ernst genommen werden, in seiner ganzen Metamorphose. Sein Vater fragte: »Willst du Katharina noch einmal zum Altar führen?«
Und Chrystians russischer Freund Michail, der mit einer Schüssel heißem, dampfendem Gulasch aus der Küche kam, blieb im Flur stehen und grinste: »Wir kennen uns! Ich hab Sie schon mal irgendwo gesehen. War das nicht auf dieser Hochzeit von meinem besten Kumpel?«
»Kann sein! Sie sind mir auch nicht fremd, Towarischtsch Putin!«
Dann sah er Katharina in Cordhose und weißer Bluse. Sie war Michail dicht auf den Fersen. Sie hatte sich ihre blonden Haare auf Schulterlänge schneiden lassen. Die neue Frisur machte sie um Jahre jünger. Ihre blauen Augen leuchteten wie Skandinavien. Sie trug einen Teller gebratener und in Essig eingelegter Stinte.
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