In früheren Jahrhunderten führte die Grand Tour die Söhne des britischen Adels an die Höfe und zu den Kunstschätzen Kontinentaleuropas. Als Patrick Leigh Fermor an einem trüben Dezembertag des Jahres 1933 zu einer Wanderung durch Mittel- und Osteuropa nach Konstantinopel - heute: Istanbul- aufbricht, hat der 18-Jährige, der von allen Schulen geflogen ist, wohl eher eine Flucht als eine Bildungsreise im Sinn.
Trotz schulischer Misserfolge keineswegs ungebildet und ungeheuer wissbegierig, findet Fermor immer wieder Mentoren, die sich seiner annehmen und ihn mit Empfehlungsschreiben an befreundete Familien weiterreichen. Irgendwann vermerkt er überrascht, dass zur Abwechslung derzeit nur gute Nachrichten über ihn kursierten. Offensichtlich ist er mit Charme und einem immensen Talent für Freundschaften gesegnet. Alle, die mit ihm zu tun haben, mögen ihn - mir selbst ging es genauso. Überall findet Fermor gastfreundliche Aufnahme, man drängt ihn zum Bleiben. So zieht sich seine Reise in die Länge , insgesamt dauert sie über drei Jahre. Und in dieser Zeit hat Patrick Leigh Fermor sich selbst und seinen Lebensplan gefunden. Als er seine Reise (Teil 1: Die Zeit der Gaben; Teil 2: Zwischen Wäldern und Wasser) in den 70er Jahren aufzeichnet, ist er längst ein erfolgreicher Schriftsteller.
Fermor nimmt seine Reise, wie sie kommt, und ist offen für alles. Er reist mit Binnenschiffern auf dem Rhein, werkt mit bayerischen Holzknechten, übernachtet in Bauernhöfen, Scheunen und Obdachlosenasylen und bewegt sich dort mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie in Adels- und Bohèmekreisen. In Wien zum Beispiel muss Fermor tagelang auf eine Geldsendung warten. Im Asyl der Heilsarmee lernt er Konrad, einen friesischen Pastorensohn kennen, der aussieht wie Don Quichote und ein merkwürdig altertümliches Englisch spricht. Konrad rät ihm, seine Dienste als hausierender Porträtzeichner anzubieten. Hinreißend komisch schildert Fermor diese Episode, die im übrigen ihren Mann ernährt. Und als die erwartete Geldsendung schließlich eintrifft, stattet Fermor seinen Freund Konrad mit einer Pfundnote als Startkapital zum Einstieg ins lukrative Schmuggelgeschäft aus. Solche und ähnliche Episoden, die Schilderung seiner Reiseerlebnisse und -bekanntschaften haben mir weit besser gefallen als die essayistischen Passagen, die kulturgeschichtlichen Reflexionen und die ausführlichen Beschreibungen von Schloss- und Kirchenarchitekturen, die natürlich aus sehr lesenswert sind.
Einen großen Reiz der Lektüre macht das Zeit- und Lokalkolorit aus - und der fremde Blick auf Bekanntes, zumindest soweit es deutsche Regionen betrifft. Ein knappes Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sind die Nazis allgegenwärtig im deutschen Alltag. Fermor gibt seine jugendliche Ahnungslosigkeit zu. Auf den jungen Briten, der später als Kriegsheld von sich reden macht, wirken die Nazi-Umtriebe eher als eine groteske Variante von Folklore denn als ernstzunehmende Bedrohung.
Seit Gottfried Seumes Spaziergang von Leipzig nach Syrakus hat mich keine Wanderung mehr so fasziniert. Neben der Frische von Fermors Reisegeschichte wirkt Wolfgang Büschers Deutschlandreisebuch ziemlich blasiert und die vielen Jakobspilgerbücher eher überflüssig.