Diese Aufnahme von 1963 stritt sich jahrzehntelang mit der wenig später entstandenen Einspielung bei der Deutschen Grammophon unter
Karl Böhm (mit Wunderlich, Fischer-Dieskau, Crass) um den Rang der Referenz. Auch heute kann sie sich durchaus hören lassen:
Die gesamte weibliche Besetzung ist bis heute unübertroffen, allen voran die blutjunge Gundula Janowitz mit ihrer sehr seelenvollen Darstellung der Pamina. Ihre später so dramatische Stimme passte damals noch gut zu dem jungen Mädchen, ohne dass sie zum Püppchen wird: Mit ihrer glockenklaren und vibratoarmen Stimme wird sie - mit Recht - zur eigentlichen Heldin des Stücks. Ihre Arie "Ach, ich fühl's" ist der tragische Höhepunkt der Oper.
Fabelhaft ist auch Lucia Popps Königin der Nacht: Obwohl die Sängerin damals ganz am Anfang ihrer großen Kariere stand, bleibt sie weder der Technik noch dem Ausdruck der Rolle etwas schuldig. Hier ist endlich auch die erste Arie der Königin glaubhaft!
Und die Besetzung der drei Damen u. a. mit Elisabeth Schwarzkopf (herrlich überdreht!) und Christa Ludwig kann eigentlich nur als akustische Völlerei bezeichnet werden!
Großartig und bis heute voll überzeugend ist der Papageno von Walter Berry: Der gebürtige Wiener verfügt nicht nur über eine kernige, unverkennbare Baßbaritonstimme, sondern auch über den nötigen Humor für die Rolle: Dadurch braucht er im Gegensatz zu vielen Ausländern (sprich: Deutschen) nicht zu übertreiben und bringt trotzdem ein hinreißendes Portrait des Naturmenschen zustande.
Auch die Besetzung des Sprechers ist schlicht sensationell - Franz Crass, später bei Böhm dann ein bis heute unübertroffener Sarastro, singt dazu noch den zweiten Geharnischten neben dem stets unterschätzten Heldentenor Karl Liebl.
Eine schwache Stunde hatte dagegen bei dieser Aufnahme der große Gottlob Frick: Seine Stimme, die an sich noch mehr 10 Jahre später völlig intakt war, wirkt hier brüchig und unsicher. Er war offenbar indisponiert - vielleicht hätte er lieber Crass die Rolle des Sarastro überlassen sollen.
Nicolai Geddas Tamino ist dagegen Geschmackssache: Technisch sicher hervorragend und sogar Fritz Wunderlich leicht überlegen, dafür aber mit ziemlich viel Vibrato und einem etwas kühlen Timbre, das zumindest zu dieser Rolle des schwärmerischen Jünglings nicht so gut passt. In dieser Rolle überzeugen mich Wunderlich und Anton Dermota mehr.
Der zweite Problempunkt der Aufnahme ist der Dirigent: Otto Klemperer wählt wie immer sehr langsame, feierliche Tempi, die heute reichlich antiquiert anmuten. Allerdings zeigt der direkte Vergleich mit Böhm, der ebenfalls nicht von der Stelle kommt, dass Klemperer weniger steif und eckig musizieren lässt. Auch die Entscheidung des Dirigenten, die gesprochenen Dialoge wegzulassen, ist bedauerlich. So kommt eher der Eindruck eines Querschnitts als einer vollständigen Oper auf.
Alles in allem also immer noch eine sehr empfehlenswerte Aufnahme, wenn auch vielleicht im Vergleich zu neueren Einspielungen wie der
zweiten Solti-Aufnahme (Moll, Heilmann, Ziesak, Jo) und der unheimlich spannenden
Östman-Einspielung (Streit, Bonney, Jo, Cachemaille, Sigmundsson) nicht mehr der absolute Maßstab.
Aber wenn ich nur die Wahl zwischen vor 1990 entstandenen Aufnahmen habe, würde ich entweder bei dieser landen oder bei der
ersten Karajan-Aufnahme von 1950 mit Anton Dermotas herrlichem Tamino, Wilma Lipp, Erich Kunz, Irmgard Seefried und George London. Der Firma wäre es egal, es ist ebenfalls die EMI.