Wenn Russland etwas im Überfluss hatte (und hat), dann sind es Menschen. Sie lebten in Leibeigenschaft, nur dem Willen und der Gnade des allmächtigen Zaren untergeordnet. So wurde auch Martha geboren, als Kind eines Deutschen Bauern im livländischen Baltikum, nahe Marienburg.
Für ein paar Silberlinge an einen reichen Kaufmann verscherbelt, findet sich Martha mit ihrem Leben als Dienstmagd und erzwungene Bettgenossin ab, bis sie sich aus diesen Klauen befreien kann und in Marienburg ein neues Leben beginnt. Verheiratet mit einem schwedischen Dragoner, gerät sie mitten in die Scharmützel der russischen Truppen, die Marienburg im Grossen Nordischen Krieg erobern. Sie wird von Oberst Scheremetjew gerettet, an Fürst Menschikow weitergegeben, wo sie schließlich das Interesse des Zaren aller Russen, Peter I erregt, der sie in sein Zelt holt, zu seiner Geliebten macht, und schließlich auch zu seiner Zarin und Kaiserin aller Russen.
Ein rasanter Aufstieg, den man ins Reich der Tellerwäscher verbannen müsste, wäre er nicht wahr.
Peter I war ein Kind seiner Zeit und Machiavelli hätte seine Freude an ihm gehabt. Sein Leben war bestimmt vom Großen Nordischen Krieg zwischen Russland und Schweden um die Besitzungen in Finnland, Karelien und dem Baltikum. Nebenbei fand er Zeit für umfangreiche Neuerungen im Reich. Bildung lag ihm am Herzen, er scheiterte jedoch an der Größe seines Reiches und an der Festhaltung der Leibeigenschaft.
Immerhin verwirklichte er seinen Traum von einer eigenen Stadt: Sankt Petersburg. Um den Höfen in Paris und Wien nachzueifern und endlich als gleichberechtigt in Europa angesehen zu werden, baut er sich sein persönliches Versailles am Ufer der Newa. Hunderttausende von Zwangsarbeitern wurden in ganz Russland rekrutiert, die unter entsetzlichen Bedingungen dem Sumpf und Marschland Sankt Petersburg entrissen.
Sankt Petersburg war die europäischste Stadt Russlands. Ihre Paläste der Fürsten, Prinzen und Offiziere waren an Prunk kaum vorstellbar. Riesige Vermögen wurden ausgegeben um bacchantische Fress- und Sauforgien zu feiern während die Leibeigenen (die Seelen) Steuern auf alles zu entrichten hatten, sich zu Tode schufteten, bei Dürre und Kälte wie die Fliegen starben. So war es immer und so würde es immer sein. Niemand wagte das in Frage zu stellen.
Peters Widerspruch zwischen seinem Bildungshunger, seinen modernen Ansichten und Ideen, seinem Freigeist und seiner Brutalität, seiner Inkonsequenz, Maßlosigkeit und sexuellen Gier war einzigartig.
Die Sitten am Zarenhof waren rau. Sehr rau. Abstoßende Tischgebaren, lächerliche Kostümierung und Clownsschminke der Frauen - darüber lachte man an Europas Höfen am meisten. Am besten wurde das festgemacht am Besuch Peters und Katharinas beim preußischen Soldatenkönig in Berlin, wo das leider nicht mehr existente Schloss Monbijou völlig demoliert zurückgelassen wurde. Bezeichnenderweise hat es den russischen Beschuss im zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Als Gastgeschenk nahmen Peter und Katharina das berüchtigte Bernsteinzimmer mit nach Sankt Petersburg, wo es im Katharinenpalais eingebaut wurde.
Martha, die nach ihrer Konvertierung zum orthodoxen Glauben nun Katharina Alexejewna hieß, gebar dem Zaren zwölf Kinder; die Söhne, allesamt schwächlich, starben noch im Kinderbett, nur zwei Töchter überlebten. Von jedermann geliebt und respektiert, bewahrt sich die einstige "Seele" ihr schlichtes Gemüt, lernt weder lesen noch schreiben, begleitet Peter aber stets bei seinen Feldzügen, kümmert sich um die Verwundeten, trinkt selbst Peter unter den Tisch und weiß sich ihre Buhlerinnen vom Leibe zu halten. Trotz ihrer niederen Herkunft, bleibt sie am überreichen Tische des Zarenhofes gefangen, wohl erkennend, das ein einziger, taubeneigroßer Stein ihrer unzähligen Geschmeide das Leben von 1000 Seelen hätte bezahlen können, schafft es aber nicht, einen konsequenteren Weg zu gehen, noch die Zusammenhänge zu erkennen.
Ellen Alpsten hat ein grandioses Zeitgemälde erschaffen, durch das ich mich gerne gewühlt habe. Ein paar Lücken taten sich zwar auf, weil wohl nicht alles im Leben der Katharina historisch belegt und nachvollziehbar ist, was dem Roman keinen Abbruch tut. Jeder Satz ist treffend platziert. Jede Szene lebt. Ich fühlte mich 100prozentig wahlweise nach Sankt Petersburg oder Moskau versetzt, ins Feldlager auf dem persischen Feldzug oder ins brennende Marienburg.
"Die Zarin" ist ein kleines Meisterwerk und stilistisch ausgezeichnet geschrieben.