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Produktinformation
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Als Sandford Fleming im Juni 1876 auf einem irischen Landbahnhof stand und auf einen Zug wartete, der nicht kam, begann sein Engagement für eine einheitliche Weltzeit, das schließlich zu unserem heutigen Standard mit den 24 Zeitzonen führte. Es war kein Zufall, dass Fleming durch die Eisenbahn angeregt wurde. Denn erst, als es dank der Dampfkraft Züge gab, die die Entfernungen schrumpfen ließen, wurden die unterschiedlichen Zeiten überall zu einem Problem. So hatten die einzelnen Bahngesellschaften alle eigene Zeiten, was die Reisenden regelmäßig in ein Chaos stürzte.
Wir erfahren in diesem Buch viel über Fleming und seinen Kampf um eine einheitliche Zeit gegen wissenschaftliche und nationale Empfindlichkeiten. Aber darüber hinaus gelingt es Blaise, uns ein Panorama der damaligen Zeit zu zeigen, das umfassend und ungemein spannend ist: Wir können förmlich zusehen, wie sich der Zeitbegriff ändert -- und damit das viktorianische Denken, die Gesellschaft überhaupt, das Empfinden der Menschen. Ja, sogar die Künste und ihr Umgang mit der Zeit beschäftigen Blaise. Ob Impressionismus, Jazz oder Sherlock Holmes: Wir verfolgen einen gesellschaftlichen Umbruch, der in jeden Bereich des Lebens und Denkens hineinreicht.
Dieses Buch wird nicht nur inhaltlich und von der Tiefe der Analyse seinem großen Thema gerecht. Es lässt sich außerdem gut lesen; wegen der eingestreuten Texte aus Flemings Tagebüchern, Briefen und Artikeln, aber vor allem, weil der Autor sich seinem komplexen Thema so klug wie verständlich nähert. --Gabi Neumayer
Gezähmte Zeit
Clark Blaise erfindet die Weltzeit
Lewis Mumfords Lehre, dass die Schlüsselerfindung der Moderne nicht die Dampfmaschine gewesen sei, sondern die Uhr, ist revidiert worden: Es war doch die Dampfmaschine. Denn sie trieb die Eisenbahn voran, der wiederum eine wichtige Einsicht zu verdanken ist: Fuhr man mit der Eisenbahn des 19. Jahrhunderts nur schnell genug, so änderte sich die Zeit auf der eigenen Uhr im Verhältnis zu der auf den Bahnhöfen. Man denkt an die Relativitätstheorie, doch dafür sind Züge zu langsam. In Clark Blaises Buch geht es darum, dass jede geographische Länge der Erde ihren eigenen Mittag besitzt. Wenn man schnell nach Westen reist, so muss man die Uhr bremsen, reist man nach Osten, so läuft sie zu langsam, und die Eisenbahn machte dies den Uhrenträgern erstmals bewusst. Heute kennt man diesen Effekt aus dem Flugzeug: Die Erde dreht sich 15 Grad ostwärts in einer Stunde, der lange Flug nach Westen wird so von einem scheinbar endlos gedehnten Sonnenuntergang begleitet, nach Osten von einer allzu kurzen Nacht.
Bahnhofszeiten
Hat also jeder Ort oder wenigstens jeder Meridian seine eigene Zeit? Sir Sandford Fleming hätte widersprochen: Der Begriff verschiedener Ortszeiten ist physikalisch gesehen nicht korrekt: Wenn jeder Meridian seine eigene Zeit besässe, wie viele Zeiten würden dann an den beiden Polen koexistieren, an denen die Meridiane ja bekanntlich zusammenlaufen? Es kann eigentlich für diese Welt nur «eine» Zeit geben, und um diese «kosmische Zeit» rang Fleming Jahrzehnte.
Fleming war ein kanadischer Ingenieur, Eisenbahndirektor, und er kannte die Sorgen seiner Kollegen, die ein immer weiter wachsendes Streckennetz zu synchronisieren hatten. Natürlich war Fleming auch Passagier. Als solcher hatte er wie seine Zeitgenossen umfangreiche Fahrplantabellen zu studieren, um durch das weite Land Amerika zu reisen, denn das Streckennetz berührte Bahnhöfe mit über siebzig verschiedenen Eigenzeiten. Jede Stadt, die etwas auf sich hielt, hatte ihren eigenen Mittag. Hinzu kam, dass einzelne Eisenbahngesellschaften in ihren Zügen die Zeit des Heimatbahnhofs «bewahrten», so dass auf dem Bahnhof Pittsburgh zwei Züge nebeneinander stehen konnten, von denen keiner die momentane Ortszeit akzeptierte.
Die angloamerikanische Welt ist, so Blaise, eine Welt der Pragmatiker. England hatte sich schon 1848 auf eine landesweit geltende Normalzeit geeinigt, und die amerikanischen Eisenbahngesellschaften verabredeten 1883 selbständig zunächst vier verschiedene Zeitzonen. Flemings grösste Leistung dürfte in einem von ihm geplanten weltumspannenden Unterseekabel zu suchen sein, nicht in seinen Vorschlägen bezüglich der Weltzeit. Immerhin: Er regte, zusammen mit anderen Pionieren wie Charles Dowd und Cleveland Abbe, die weltweite Festlegung von 24 Zeitzonen an, die auf der Prime Meridian Conference in Washington 1884 beschlossen wurde. Flemings eigene Ideen wurden jedoch in wesentlichen Teilen übergangen: Seine «kosmische Zeit» sollte durch die Einführung einer 24-Stunden-Uhr gegenwärtig bleiben, deren Stunden über einen Buchstabencode zugleich als allgemeine oder «lokale» Zeit gelesen werden konnten.
Den Nullmeridian wollte Fleming durch den Pazifik legen, genau gegenüber von Greenwich, um ihn so in national neutralen Gewässern zu wissen. Die Konferenz hat sich dennoch und aus guten Gründen auf Greenwich geeinigt. Zwar gab es zu dieser Zeit noch diverse Nullmeridiane, auch etwa durch Paris, Bern, Cádiz und Berlin, aber der weitaus grösste Teil der nautischen Literatur orientierte sich bereits an Greenwich. Flemings Vorschlag, den Nullmeridian auf die gegenüberliegende Seite des Globus zu legen, hatte einen Haken: Die Datumsgrenze wäre so mitten durch den Londoner Vorort gelaufen und hätte das England östlich von Greenwich zu einer Insel des vorigen Tages gemacht.
Blässe
Egal: Fleming bleibt ohnehin ein blasser Held. Das Buch kommt an sein ungenanntes Vorbild, Dava Sobels «Längengrad», zu keinem Zeitpunkt heran, denn Flemings Leben ist ein Exkurs unter Exkursen. Blaise schwärmt ebenso gerne für Sherlock Holmes, die Romantechnik Gustave Flauberts und Charles Dickens' oder für Gustave Caillebotte, für einheitliche Spurbreiten und neue Eisenbahndrehgestelle.
Im Grunde möchte Blaise damit eine Symbolgeschichte der Moderne vorlegen, und diese konzentriert sich vernünftigerweise auf das Phänomen der Zeit: «Die Zeit lag in der Luft» sagt Blaise und mit ihr das Tempo, der Rhythmus, der Takt einer neuen industrialisierten Welt und ihres weltumspannenden Gesprächs und Getriebes. Da gab es Effekte der Beschleunigung, faszinierend neue Erzähltechniken, Darstellungen der Gleichzeitigkeit, Atomisierungen des Augenblicks. Die Photographie, der Film, die Stoppuhr taten das Ihre. Aber all das hat man schon anderswo, origineller und klüger gelesen. Geradezu erschreckend naiv ist Blaises Abgrenzung einer «natürlichen» von einer «vernünftigen» Welt. Standardzeit ist für Blaise ein Synonym für Vernunft, und so möchte er uns glauben machen, der Mensch hätte in seiner Geschichte jenen Hiatus nur einmal übersprungen, nämlich im Viktorianischen Zeitalter: Die Ingenieure reichten den Apfel, die Romanciers und Maler zeichneten die Bedeutung des Augenblicks. Und Blaise überzeichnet ihn nun: «Das 19. Jahrhundert brachte Gott zur Strecke, ohne ihn allerdings zu beerdigen; an seiner Stelle errichtete es die Standardzeit.»
Dass die Ordnung der Zeit eines der ältesten Themen von Philosophie, Religion, Astronomie und schlichter Chronologie darstellt, dass natürliche, bürgerliche und göttliche Zeit nebeneinander bestanden und bestehen dürfen, ignoriert das Buch. Es fehlt ihm dafür manchmal schlicht die historische Kenntnis: Joseph Justus Scaliger, ein Philologe, ersann schon am Ende des 16. Jahrhunderts eine kalendarische Standardzeit, mit der sich jedes Jahr und jeder Tag unmissverständlich bezeichnen lassen: Seine «Julianische Ära» liegt noch heute vielen Berechnungen der Astronomie und Raumfahrt zugrunde.
Die Standardisierungen des 19. Jahrhunderts sind ohne Zweifel bedeutsame Schrittmacher der modernen Welt. Aber die Eisenbahn hat die Zeit nicht erfunden, und niemand hat sie je gezähmt. Schon gar nicht Clark Blaise: Er hält die Eigenart, die Stunden des lichten Tages in zwölf Teile zu teilen und deshalb im Winter kürzere, im Sommer längere Stunden zu haben, für eine drollige Sonderbarkeit der japanischen Kultur. Selbiges wurde in unserer römisch-christlichen Welt jahrhundertelang praktiziert: Nur liessen sich mechanische Uhren im späten Mittelalter schliesslich viel leichter für Stunden standardisierter Länge bauen, weshalb sich die sogenannte Äquinoktialstunde langsam gegen die Temporalstunde durchsetzte. Die mechanische Uhr zerstückelte dann den Tageskreis in zwei mal zwölf gleich lange Stunden. Da haben wir's: Es war doch nicht die Dampfmaschine.
Arndt Brendecke
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