Jonathan Littells 1350 Seiten umfassende-, akribische- und in sich konsistente Sammlung historischer Fakten über das Vorgehen-, die Struktur- und das Beziehungsgeflecht der SS an der Ostfront, wird aus Sicht des fiktiven SS-Offiziers Aue zu einer Ich-Erzählung komprimiert.
Die SS als Staat im Staate wird durch die Charakterbeschreibung und die Handlungsweise einzelner Vertreter der unterschiedlichen Dienstgrade dem Leser als hierarchisch straff organisierter "Ameisenhaufen" vorgestellt.
Die Tatsachen über die Stagnation des deutschen Vorstoßes nach anfänglichen Überraschungserfolgen und dessen sukzessive Zurückdrängung durch die sowjetische Abwehr filtert die SS-Propaganda und erhält somit die Kluft zwischen der eigentlichen Front und den nachrückenden Einheiten von SS, SD und Gestapo bis kurz vor Kriegsende aufrecht.
Der Krieg an der Front beansprucht den größten Teil der Schilderungen - z.B. der Kessel von Stalingrad. Der Autor läßt Aue auf Grund von Genesungsurlauben und neuen Aufgaben aber auch die Krim und ihren noch aus der Zarenzeit schwach erhaltenen- und nun dahinschwindenden Zauber- und Berlin mit seiner zunächst noch funktionierenden- aber sich schließlich durch die Zunahme von Luftangriffen auflösenden Bonzengesellschaft erleben.
Littell wirft die Frage nach der Motivation der Täter auf, den verbrecherischen Vorgaben von oben bedenkenlos zu folgen. Bei den vielen in ihrer Funktion und Aufgabenstellung unterschiedlichen Tätern fällt auf, daß der fanatische Anhänger der Rassenideologie kaum vorkommt. Von den Massenerschießungen in der Ukraine bis hin zu dem fabrikmäßigen Genozid in den Konzentrationslagern - die Charaktere der dafür Verantwortlichen werden hier in ihrer ganzen Vielschichtigkeit präsentiert:
z.B. der Pedant am Schreibtisch, der nur die zahlenmäßige Erfüllung der angesetzten Transporte von Juden vor Augen hat; der in einem Rechtsstaat unerkannte Sadist, dem ein verbrecherisches Regime den organisatorischen Rahmen schafft, um seinen Trieben einen legalisierten Raum zu geben; der Karrierist, der für und mit den jeweils amtierenden Mächtigen schreit.
Aue selbst drängen ganz besondere Triebfedern in die Arme der Nazis. Er repräsentiert den vielschichtigen Typus des Nazisympathisanten, welcher später als Davongekommenener, das Mittragen dieser babarischen Epoche in Gedanken und Taten gegenüber der Schuldfrage mit seinem Intellekt zu relativieren weiss: "Luft, Essen, Trinken, Verdauung und die Suche nach Wahrheit", sind für ihn die wenigen unentbehrlichen Dinge im Leben. "Der Rest ist Beiwerk".
Aue verlebt eine unglückliche Kindheit und Jugend in Frankreich; er verwünscht den Moment seiner Geburt, wo ihm der Schutz durch den Mutterleib abhanden kam. Den Hass auf seine Mutter und später auf den französischen Stiefvater begründet er mit der Trennung seines leiblichen Vaters von der Mutter. Wahre Liebe empfindet er nur für seine Zwillingsschwester, mit der ihn später eine unerwiderte erotische Obsession verbindet, die ihn in depressiven Phasen zu sexuellen Exzessen treibt - er-, der sich immer danach sehnte, eine Frau zu sein, übernimmt die weibliche Rolle nach flüchtigen Staßenbekanntschaften mit Minderjährigen.
Der Hass auf die Familie, die sexuelle Unerreichbarkeit der Schwester sowie die scheinbare Ausweglosigkeit des einerseits zerrissenen-, aber dennoch zur ständigen Selbstbespiegelung neigenden jungen Mannes - all das spornt ihn letztlich an, sein Glück im Dritten Reich zu suchen, welches ihm mit seinem Ordnungsrahmen für vereinsamte Herzen vielfältige Aufstiegschancen bietet.
Bei seinen ersten Einsätzen hinter der Front wird der Massenmord an Männern, Frauen und Kindern durch Erschießungskommandos der SS und der Wehrmacht durch ihn zeitgleich als Ich-Erzähler in allen Einzelheiten aber ohne jede Emotion wiedergegeben. Sein erster Einsatz als Obersturmführer bei "Fangschußaktivitäten" nach nur "mangelhaft" erfolgten Erschießungen lässt ihn mehr körperlich als seelisch erschüttern.
Seine spätere Aufgabe besteht darin, arbeitsfähige Juden von den Kranken, Alten und Jungen abzusondern. Diese deckt sich vorzüglich mit seinem Lebensmotto, nach welchem Mitgefühl entbehrlich ist. So können die ihm im Grunde gleichgültigen Juden bedenkenlos geopfert werden und wenn dies noch irgendeinem politischen Ziel dient - "Der germanische Lebensraum ist judenfrei zu halten." - aus seiner Sicht hervorragend.
An der Front, auf der Flucht, in Frankreich und in Berlin begeht er einige Morde, die er entweder in rauschartigen Wachträumen-, von Perversionen gekennzeichneten Fieberträumen-, aus einem Impuls heraus- oder im Kalkül begeht.
Die Romanfigur Aue verbindet einerseits Charakterzüge der uns bekannten Vertreter aus der SS-Hierarchie: absoluter Gehorsam, Anerkennung und Verteidigung eines inhumanen Systems, gezielte Brutalität, Elitebewusstsein; andererseits individuelle-,durch das Regime z.T. gedeckte Veranlagungen; denn ohne das schützende Dach der SS-Organisation hätte sich der besessene Irre Aue gemäß seinem bürgerlichen Leben mit entsprechenden Traumbildern begnügen müssen.
Mit seiner Wahrheitsliebe, die nüchtern und früh den katastrophalen Kriegsausgang antizipiert, entspricht er formal nicht dem Ideal eines SS-Mannes. Da er aber für sein eigenes Handeln und Verhalten aus seinen richtigen Erkenntnissen keinerlei Konsequenzen zieht, kommt er diesem zumindest nahe.