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Produktinformation
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Weswegen sich die Gemüter so erhitzen? Littell verfasst diesen Roman über den deutschen Vernichtungsfeldzug in Osteuropa aus der Sicht eines Täters. Es ist der zynische Jurist Dr. Max Aue, der als Mitglied des Sicherheitsdienstes und SS-Offizier unmittelbar an den schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt ist. Zudem verwebt Littell in seinem ersten Roman aufs Engste Fakten und Fiktion. Die einen erheben ihn dafür zum künftigen Träger der kollektiven Erinnerung an den Holocaust, die anderen werfen ihm eine irrwitzige Geschichtsfälschung, ja eine Glorifizierung des Nationalsozialismus vor.
"Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist." So beginnt der Prolog ("Toccata") des Autors, der zugleich den Anspruch des Werkes definiert - bereits mit diesem ersten Satz hat sich Littell den Vorwurf der Hybris strenger Kritiker eingehandelt hat. "Es", so rechnet der Erzähler vor, das sind 18.722 Tote, die von Juni 1941 bis Mai 1945 Tag für Tag starben - jede 4,6 Sekunden ein Toter: "eine gute Meditationsübung". Als "Erinnerungsfabrik" bezeichnet sich der Erzähler selbst, und man ist geneigt, ihm Recht geben, angesichts der fast 1.400 folgenden Seiten. Er beteuert, dass die Aufzeichnungen "frei von jeglicher Reue sein werden...Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht" - ein zweiter Schlag in die Magengrube einiger Kritiker, versprach doch der Autor im Prolog gerade die Aufdeckung der Motive der Henker.
Littell breitet das beeindruckende, vor allem aber verstörende, streckenweise pornografische Panorama eines Krieges aus, der in knapp sechs Jahres Osteuropa fast vollständig zerstörte. Erzählt von einem klassisch gebildeten Offizier, der trotz aller humanistischen Wurzeln zum Mörder wurde. Einfache Unterscheidungen zwischen Gut und Böse gibt es nicht. So lesen wir neben den NS-Verbrechen auch von den Massenerschießungen durch das sowjetische Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD), von Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung durch Ukrainer, von psychotischen Wehrmachtsoffizieren. Akribisch flicht Littell die organisatorischen Strukturen von Wehrmacht, Reichssicherheitshauptamt, KZ-Lagerverwaltungen, Befehlsketten der SS und vieles mehr in sein Epos ein. Allein diese umfassende Darstellung in einem literarischen Werk ist einzigartig.
"...ihr seid nicht besser", deklamiert schließlich der frühere SS-Offizier und spätere Spitzen-Fabrikant. Dieses Fazit, das der Autor seinem Erzähler in den Mund legt, bleibt unbefriedigend. Zwar kann der Leser das Ergebnis einer außerordentlichen Fleißarbeit über Verlauf und organisatorischen Unterbau des Ostfeldzuges im Detail nachlesen. Warum sich aber der Bildungsbürger Dr. Max Aue so leicht zu einem effizienten Rad im Getriebe der Vernichtungsmaschinerie wandeln konnte, bleibt letztlich unklar. Ob das Buch also, wie Jorge Semprún voraussagt, in 50 Jahren maßgeblich die Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust prägen wird, muss sich erst noch erweisen. -- Henrik Flor, Literaturtest -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
123 von 141 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Genialisch!,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten (Gebundene Ausgabe)
Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein ein Debütroman. Man muss schon einige Superlative versammeln, um den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell zu beschreiben. Allein schon beim Durchblättern mag man in die Knie gehen: 1400 eng bedruckte Seiten im Blocksatz. Nirgendwo die Spur eines auflockernden Dialoges mit zerfransten Zeilenenden. Stattdessen eine Flut von völlig identisch aussehenden Seiten, im Anhang ein 30-Seitiger Glossar mit den Fachtermini der Deutschen Wehrmacht und eine Konkordanz der Dienstgrade der SS, der Wehrmacht und der Polizei. Nimmt man noch das Inhaltsverzeichnis hinzu, ausschließlich bestehend aus Bezeichnungen der Musik und des Tanzes wie "Courante" und "Sarabande", weiß man: dieser Mann meint es ernst.Da werden die Literaturwissenschaftler einiges zu bearbeiten haben, wenn erst einmal das empörte Geblöck des Feuilletons verstummt ist. Denn einen Vorwurf kann man Littell sicher nicht machen: dass er es sich leicht gemacht habe und dass er bloß provozieren wolle. Oder dass er gar politisch verdächtig wäre. Dazu ist dieses Riesenwerk viel zu komplex und viel zu genau. Denn es geht ja nicht darum - wie manche Kritiker gerne glauben machen wollen - dass mit der Erzählung der Judenvernichtung aus der Perspektive eines SS-Manns letzte Tabus fallen sollen. Der erzähltheoretische Rahmen und die ganze Anlage des Werks ist so vielschichtig, dass jeder kurzgeschlossener Moralismus ins Leere läuft. Dies fängt natürlich bereits bei der Titelgebung "Die Wohlgesinnten" an, die mit dem Verweis auf den griechischen Mythos der Orestie einen ganzen Kosmos der Auslegung aufschlägt. Die Wohlgesinnten sind bei Aischylos die endlich besänftigten, schrecklichen Schicksalsgöttinen Erinnyen, die nach der Verurteilung des Orest ins Freundliche gewandelt sind. Orest ist im Mythos schuldig des Muttermordes. Und auch Obersturmbannführer Aue erschlägt in der Mitte des Romans Mutter und Stiefvater. Aue unterhält aber zudem noch ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, die, wie könnte es anders sein, Una heißt, was für 'Eins' oder 'Vereinigung' stehen mag. Mit dem Muttermord, bzw. dem stellvertretenden Vatermord und dem Inzest verknüpft Littell seinen Roman mit dem mythologischen Kern der abendländischen Überlieferung. Das Spiel der Spiegelungen und Vereinigungen geht aber noch weiter: Bei dem Besuch bei den Eltern, in dessen Folge Aue sie ermordet, entdeckt er zwei bei ihnen lebende Kinder, Zwillinge. Aue ist von diesen Zwillingen, die er nicht zuordnen kann, höchst irritiert, bis zum Ende des Romans eine dumpfe Ahnung Gewissheit wird: es handelt sich um seine eigenen Kinder, inzestuös gezeugt mit seiner Zwillingsschwester Una. Darüber hinaus ist Maximilian Aue aber, von der Vereinigung mit der Schwester abgesehen, schwul. Die Homosexualität ist ein weiterer Stein im Motivkomplex der Vereinigung des Unvereinbaren, in der sich der Zug zur Negation der Differenz offenbart. Dieser Furor der Identität, dieses Verlangen nach Ursprünglichkeit und Einheit, die ja auch als Fundament der Naziideologie angesehen werden kann, gipfelt in der Spiegelung von Juden und Ariern. So sieht beispielsweise Aue beim Besuch einer Führerrede in einer surrealistisch anmutenden Szene Adolf Hitler als Rabbi. Mehrfach wird das Zwillingshafte als Motiv zwischen den Juden und den Deutschen aufgerufen. Schließlich noch wird Aue nach der Ermordung seiner Eltern in fast kafkaesker Manier von einem wie Zwillinge auftretendes Ermittlerpärchen verfolgt. Und die Auflösung der Differenz im einzigen 'Scheitelauge', das Aue in Stalingrad in die Stirn geschossen wird, mit welchem er fortan eine geschärfte Sichtweise der Welt hat. All dies schafft erst einmal einen literaturhistorischen und -theoretischen Rahmen, der es in sich hat! Die weiteren intertextuellen Bezüge sind zahllos! Aber dies ist ja nur die eine Seite des Werkes, zeigt nur, auf welchem Niveau er angesiedelt ist. Etwas anderes ist die Handlung und das Erzählen selber: Selbst Historiker bescheiden Littell unglaubliche Genauigkeit, was die Fakten der Darstellung angeht, wenn er Maximilian Aue als SS-Offizier das gesamte Panorama Europas im 2. Weltkrieg durchlaufen lässt. Und was das Erzählen angeht: Es ist großartig! Über 1400 Seiten kommt keine Langeweile auf. Es gibt erschütternde Passagen, es gibt Passagen, die einem einiges abverlangen. Es ist ein gewaltiges Werk! Die literarische Auseinandersetzung mit Nazideutschland für das 21. Jahrhundert. Thomas Reuter Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Widerlich, abscheulich, genial,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten (Gebundene Ausgabe)
Wie wird gemeinhin ein SS-Offizier beschrieben? Eigenschaften und Auszeichnungen wie ein Doktortitel, eine sehr große Allgemeinbildung, die Bereitschaft, das Morden, die Massenerschießungen, irgendwie zu rechtfertigen und eine damit verbundene Abneigung gegen alle Sadisten in den SS-Reihen, aber auch Homo- und Transsexualität, Inzest, Muttermord und das Töten bester Freunde, die das eigene Leben mehr als einmal retteten oder Antriebslosigkeit ' solche Charaktermerkmale fehlen meist. Doch genau mit diesen ist der Ich-Erzähler in Jonathan Littells Roman, der bis zum Obersturmbannführer beförderte und mit zahlreichen Ehrenauszeichnungen versehene Jurist namens Maximillan von Aue, ausgestattet. In diesem Sinne stellt er gewissermaßen einen Anti-Nazi dar, auch wenn gewisse Überzeugungen ähnlich denen der 'typischen' SS-Mitglieder sind, wenn auch ungleich durchdachter. Dazu gehört die Ansicht, nichts zu bereuen und nur die Pflicht erfüllt zu haben; man war eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Aue, oder 'Max', wie ihn Littell selbst nennt, geht allerdings noch weiter. Er hält es nicht für entscheidbar, welche von den am Holocaust mitgewirkten Personen, die meiste Schuld träfe. Alle seien nur Rädchen im Getriebe gewesen, die meisten von 'euch' (Max wendet sich besonders im ersten Teil des öfteren direkt an den Leser) hätten ebenso gehandelt. Mit einem eindringlichen 'Ich bin wie ihr!' endet der erste Teil.Littell hat die besondere Begabung, hinter die Kulissen zu schauen, zwischen den Zeilen zu lesen. Derart offenbaren sich dem Leser einige bis dato unklar gebliebene Motive von Himmler und anderen, die an der Schlächterei mehr oder minder direkt beteiligt waren; da auch einige wesentlichen Merkmale des Nationalsozialismus mit dem Ziel beschrieben werden, ihn zu rechtfertigen und nicht, wie gemeinhin üblich unter der Prämisse, dass er falsch ist, kann der Leser selbst die Fehler finden. Im Marginalienband erläutert Littell in einem Interview, weshalb eine systematische Ausrottung der Homosexuellen nicht stattgefunden hat, obgleich Himmler von ihnen besessen war und sie alle töten wollte: Die bürokratischen Apparate hätten gegeneinander operiert, bspw. schickte das Justizministerium sie ins Gefängnis, nicht ins Lager, wie von Himmler verlangt, da 'wenn Hitler keine Richtung angibt ... nichts voran' ginge (S.44). Littell schreibt in einem fast schon melodisch zu nennenden Stil, den der Übersetzer geschickt beizubehalten wusste und der sich vom ersten ('Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen.'; ja, ich weiß, dass waren zwei Sätze) bis zum letzten Satz ('Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.'). Die Zeichensetzung läuft gängigen Konventionen zu wider; viele Semikolons 'zerhacken' die Sätze, Kommas statt Punkten lassen Sätze hier und da sehr lang werden. Absätze gibt es bewusst selten: 'Der Text soll Blöcke bilden, Blöcke, die den Leser ersticken und denen er sich nicht so einfach entziehen kann.' So Littell in einem Brief an seine Übersetzer (Mariginalienband, S. 10). Mit am meisten beeindruckt jedoch die Allgemeinbildung des Autors: Er kennt zahlreiche Werke der alten Griechen und Römer, von russischen Schriftstellern, Philosophen und Sprachwissenschaftlern, die Max oder seine Gegenüber zitieren. Wie Lanzmann, der Regisseur von 'Shoah' erwähnte, sei die absolute Exaktheit der Darstellung beachtenswert: Auch wenn es nie einen Obersturmbannführer Aue gegeben habe, so ist dieser doch sehr gekonnt in die auf Fakten beruhende Geschichte des 3.Reiches, eingeflochten worden. Das Buch empfande ich stellenweise als nur schwer lesbar. Auch wenn die Progrome oder Massenerschießungen der Einsatzgruppen sehr plastisch und damit eindringlich geschildert werden, so wirken die Beschreibungen der immer abnormaler werdenden Phantasien von Max um ein vielfaches nervenzehrender, abstoßender, zumal der Ich-Erzähler nicht nur sein psychisches sondern auch physisches Innenleben detailreich zu beschreiben weiß ' er leidet übrigens seit den Massenerschießungen in der Ukraine an unregelmäßigem, dafür jedoch recht plötzlichem Erbrechen. Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die nach alten Tänzen benannt sind, von Toccata bis Gigue. Und für wen ist es bestimmt? Die wirkliche Gefahr seien 'die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht.' Und nicht die Megalomanen und Psychopathen, diese würden vom Staat rasch zertreten. 'Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr. Wenn ihr davon nicht überzeugt seid, braucht ihr nicht weiterzulesen. Ihr werden nichts verstehen und euch nur ärgern, nutzlos für euch ' wie für mich.' (S.35) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gelehrt und unausgegoren,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten (Taschenbuch)
Der Roman von ca. 1400 Seiten erzählt die Geschichte des fiktiven SS-Offziers Max Aue, der im hohem Alter seine Erlebnisse im zweiten Weltkrieg beschreibt. Er ist dabei u.a. an Judenerschießeungen in der Ukraine beteiligt, im Kessel von Stalingrad anwesend, sieht die Vernichtungslager von Auschwitz und flieht an den letzten Kriegstagen vor der anrückenden russischen Armee ins zerstörte Berlin. Hineingeflochten sind seine familiären und psychischen Hintegründe und Abgründe. Dies sind insbesondere seine (nur temporär gelebte) Homosexualität, seine inzestuösen Phantasien gegenüber seiner Schwester und sein Hass auf die Mutter, die aus seiner Sicht den Vater aus dem Haus gejagt hat, und dessen Mordes er im Laufe des Buches verdächtigt wird. Er schildert dabei alles in einem zwar literarischen, aber recht reportagehaften, distanzierten Stil, in dem in die Schilderungen der Geschehnisse immer wieder Reflexionen und Bewertungen eingebaut sind. Die Verbrechen von Krieg und Holocaust werden dabei z.T. nüchtern v.a. unter der Perspektive, wie sie aus dem Nationalsozialsmus erwachsen sind, 'erklärt', z.T. auch verurteilt und in ihrer ganzen Bösartigkeit dargestellt.Ein schwer zu beurteilendes Buch. Zu Beginn war ich sehr begeistert. Zum einen schon mal darüber, dass ein moderner Autor es schafft, einfach eine 'Geschichte' zu erzählen: vergleichsweise chronologisch (bzw. wenn Zeitsprünge gemacht werden sind sie meist als solche zu erkennen) und ohne sprachliche oder strukturelle Firlefanzen in einem sehr guten Erzählstil. Die eingenommen Perspektive, die NS-Verbrechen quasi aus einer (fiktiven) Innensicht zu beschreiben und dabei aus eben genau dieser Innensicht zu 'erklären' halte ich literarisch für statthaft. Trotz der historischen Akkuratheit und Ausführlichkeit, die Buch manchmal den Anschein erweckt, als ob der Autor einen Sachbuch-Kommentar abgeben will, bleibt es doch immer klar ein literarischer Text und da ist eine solch ungewöhnliche und für einen Historiker oder Moralisten sicher zu einseitige Sichtweise für mich erlaubt und möglich. Lintell schildert und 'erklärt' sehr sachlich, ohne dass man im Sympathien mit dem mit dem Nationalsozialismus unterstellen würde, und trägt für mich durch diese Innensicht einen (!) Aspekt zur literarischen Erklärung des Phänomens bei. Die historisierenden Anteile, die NS-Verbrechen und ihre Reflektion betreffen, halte ich denn auch für sehr gelungen und fast schon eine literarische Sensation. Vor allem die Schilderung vieler Figuren aus mittlerer NS- und SS-Hierarchie halte ich für sehr gelungen und gewinnbringend zu lesen. Etwas schwerer tue ich mir mit den psychologischen Inhalten. Hier werden Geschichten und Erzählweise plötzlich sehr skurril und bizarr (auf das Ende zu mit fast kafkaesker Anmutung). Littell gefällt sich hier in sehr stark sexuell geprägten und den Exkrementen zugeneigten Allegorien und detaillierten Schilderungen (die ihm zu Recht den Vorwurf plakativer Pornographie eingebracht haben), deren Sinn ich nicht ganz verstanden habe. Dies betrifft v.a. den z.T. sehr breiten Raum einnehmenden Schilderungen der Beziehung zur Schwester, bei der sich aus etwas fortgeschrittenen 'Doktorspielen' in der späten Kindheit sehr ausgeprägte inzestuöse Phantasien entwickelt haben. Diese starke sexuelle Abartigkeit von Aue spiegelt irgendwie die innere Zerfressenheit, Krankheit und Widersprüchlichkeit des nationalsozialistischen Denkens, aber die Bedeutung und Funktion bleibt im ganzen doch so zu sehr im unklaren. Dies stört weniger in den ersten zwei Dritteln des Buches - wo das Thema weniger Raum einnimmt - mehr auf das Ende zu. Auch wird es mir am Ende im ganzen etwas zu bizarr; es nimmt den vorherigen historischen Schilderungen ein wenig ihre Ernsthaftigkeit, weil es dem ganzen Buch im Nachinein fast den Anschein eines Phantasieromans verleiht. Noch zwei Randbemerkungen: - Der Satz des Textes kommt weitestgehend ohne Absätze aus und reiht sogar wörtliche Rede in fortlaufende Absätze ein. Das ist albern, prätentios und arrogant. Wenn der Autor den gewünschten Effekt nicht durch den Text erreicht, dann soll er nicht zu solchen Albernheiten greifen; was er auch aufgrund der Qualität des Textes nicht nötig hätte. Schwerer Fehler des Lektorats ihm dazu erlauben. - Noch größerer Fehler des Verlags ist der reißerische Slogan auf der Titelseite: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist." Das ist zwar der Beginn des Romans, meint aber dort genau das Gegenteil von dem, was der Satz aus dem Zusammenhang gegriffen aussagt. Das ist billige Propaganda auf dem Niveau schlechter Boulevardzeitungen, die dem Autor schadet und einem Verlag unwürdig ist. Fazit: Ein in weiten Teilen tolles, sehr lesenswertes Buch, das ich jedem mit Interesse an der Zeit (und daran, dass sich ähnliches nicht mehr wiederholt) und an der Frage, zu welchen Taten ein System einen Menschen zu verleiten in der Lage ist, sehr empfehlen kann. Ohne die schwächeren psychologischen Anteile und die plaktive Sexualität und 'Exkrementität' wäre es fast ein Meisterwerk. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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