"Die wirkliche Gefahr sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht. Die wirkliche Gefahr bin ich, seid ihr."
Littell zeigt mit atemberaubender Klarheit und Schärfe, dass jeder Mensch zum staatlich sanktionierten Mörder wird, wenn die Umstände ihm Straffreiheit garantieren.
Es waren eben nicht Monster, Ungeheuer oder ungebildete Kretins, welche die Verbrechen befahlen oder ausführten. Es waren gebildete, studierte Deutsche wie Aue, die glaubten im Namen einer Ideologie Recht zu haben. Sie taten was sie taten nicht unbedingt gern oder mit Freude. Aber sie hatten den Befehl, den führten sie mit preußischer Korrektheit aus.
Das Bild des dumpfen Nazis, mit dem wir Nachgeborenen gern unser Gewissen beruhigen, stimmt nicht und hat noch nie gestimmt.
Ich glaube, noch mehr nach der Lektüre dieses Buches, dass je ferner die Erlebnisgeneration ist, desto fruchtbarer ist der Geist des "Übermenschen".
Wäre ein Krieg mit deutscher Beteiligung bis 1990 denkbar gewesen? Warum ist er es heute? Gehen wir nicht Schritt für Schritt unter dem Mantel der Humanität wieder zur Schablone des deutschen Geistes über, an dem die Welt genesen soll?
Wer dieses Buch mit wachem Verstand gelesen hat, muss sich wie erschlagen fühlen von der Wucht dieser Geschichte, fiktiv, aber als Blaupause auf unzählige Deutsche zwischen 1933 - 1945 nutzbar. Es war kein Vernichtungskrieg in deutschem Namen, es war ein Vernichtungskrieg durch Deutsche, zuallererst Deutsche. Dies schonungslos, drastisch und schmerzbereitend dargestellt zu haben, ist der große Verdienst von Jonathan Littell.
Trotzdem nur 4 von 5 Sternen. Warum? Nach meinem subjektiven Empfinden tritt das sexuelle Desaster des Helden, insbesondere im letzten Drittel des Buches, zu sehr in den Vordergrund. Für die Aussage und die Erzählweise wäre dies nicht notwendig gewesen.
Trotzdem: BRILLIANT!!!