Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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80 von 96 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Genialisch!, 5. Januar 2009
Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein ein Debütroman. Man muss schon einige Superlative versammeln, um den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell zu beschreiben. Allein schon beim Durchblättern mag man in die Knie gehen: 1400 eng bedruckte Seiten im Blocksatz. Nirgendwo die Spur eines auflockernden Dialoges mit zerfransten Zeilenenden. Stattdessen eine Flut von völlig identisch aussehenden Seiten, im Anhang ein 30-Seitiger Glossar mit den Fachtermini der Deutschen Wehrmacht und eine Konkordanz der Dienstgrade der SS, der Wehrmacht und der Polizei. Nimmt man noch das Inhaltsverzeichnis hinzu, ausschließlich bestehend aus Bezeichnungen der Musik und des Tanzes wie "Courante" und "Sarabande", weiß man: dieser Mann meint es ernst.
Da werden die Literaturwissenschaftler einiges zu bearbeiten haben, wenn erst einmal das empörte Geblöck des Feuilletons verstummt ist. Denn einen Vorwurf kann man Littell sicher nicht machen: dass er es sich leicht gemacht habe und dass er bloß provozieren wolle. Oder dass er gar politisch verdächtig wäre. Dazu ist dieses Riesenwerk viel zu komplex und viel zu genau.
Denn es geht ja nicht darum - wie manche Kritiker gerne glauben machen wollen - dass mit der Erzählung der Judenvernichtung aus der Perspektive eines SS-Manns letzte Tabus fallen sollen. Der erzähltheoretische Rahmen und die ganze Anlage des Werks ist so vielschichtig, dass jeder kurzgeschlossener Moralismus ins Leere läuft.
Dies fängt natürlich bereits bei der Titelgebung "Die Wohlgesinnten" an, die mit dem Verweis auf den griechischen Mythos der Orestie einen ganzen Kosmos der Auslegung aufschlägt. Die Wohlgesinnten sind bei Aischylos die endlich besänftigten, schrecklichen Schicksalsgöttinen Erinnyen, die nach der Verurteilung des Orest ins Freundliche gewandelt sind. Orest ist im Mythos schuldig des Muttermordes. Und auch Obersturmbannführer Aue erschlägt in der Mitte des Romans Mutter und Stiefvater. Aue unterhält aber zudem noch ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, die, wie könnte es anders sein, Una heißt, was für 'Eins' oder 'Vereinigung' stehen mag. Mit dem Muttermord, bzw. dem stellvertretenden Vatermord und dem Inzest verknüpft Littell seinen Roman mit dem mythologischen Kern der abendländischen Überlieferung.
Das Spiel der Spiegelungen und Vereinigungen geht aber noch weiter: Bei dem Besuch bei den Eltern, in dessen Folge Aue sie ermordet, entdeckt er zwei bei ihnen lebende Kinder, Zwillinge. Aue ist von diesen Zwillingen, die er nicht zuordnen kann, höchst irritiert, bis zum Ende des Romans eine dumpfe Ahnung Gewissheit wird: es handelt sich um seine eigenen Kinder, inzestuös gezeugt mit seiner Zwillingsschwester Una.
Darüber hinaus ist Maximilian Aue aber, von der Vereinigung mit der Schwester abgesehen, schwul. Die Homosexualität ist ein weiterer Stein im Motivkomplex der Vereinigung des Unvereinbaren, in der sich der Zug zur Negation der Differenz offenbart. Dieser Furor der Identität, dieses Verlangen nach Ursprünglichkeit und Einheit, die ja auch als Fundament der Naziideologie angesehen werden kann, gipfelt in der Spiegelung von Juden und Ariern. So sieht beispielsweise Aue beim Besuch einer Führerrede in einer surrealistisch anmutenden Szene Adolf Hitler als Rabbi. Mehrfach wird das Zwillingshafte als Motiv zwischen den Juden und den Deutschen aufgerufen. Schließlich noch wird Aue nach der Ermordung seiner Eltern in fast kafkaesker Manier von einem wie Zwillinge auftretendes Ermittlerpärchen verfolgt. Und die Auflösung der Differenz im einzigen 'Scheitelauge', das Aue in Stalingrad in die Stirn geschossen wird, mit welchem er fortan eine geschärfte Sichtweise der Welt hat.
All dies schafft erst einmal einen literaturhistorischen und -theoretischen Rahmen, der es in sich hat! Die weiteren intertextuellen Bezüge sind zahllos!
Aber dies ist ja nur die eine Seite des Werkes, zeigt nur, auf welchem Niveau er angesiedelt ist. Etwas anderes ist die Handlung und das Erzählen selber:
Selbst Historiker bescheiden Littell unglaubliche Genauigkeit, was die Fakten der Darstellung angeht, wenn er Maximilian Aue als SS-Offizier das gesamte Panorama Europas im 2. Weltkrieg durchlaufen lässt.
Und was das Erzählen angeht: Es ist großartig! Über 1400 Seiten kommt keine Langeweile auf. Es gibt erschütternde Passagen, es gibt Passagen, die einem einiges abverlangen. Es ist ein gewaltiges Werk! Die literarische Auseinandersetzung mit Nazideutschland für das 21. Jahrhundert.
Thomas Reuter
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89 von 110 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
EPOCHAL, 26. März 2008
Ein Roman, beim dem man sich fragt, warum der erst jetzt geschrieben wurde. Er erzählt die Geschichte des SS-Offiziers Dr. Max Aue, der nolens volens in die Verstrickungen der NS-Menschenvernichtungsmaschinerie involviert wird. Er ist beteiligt an der Judenvernichtung in der Ukraine, er entkommt knapp dem Kessel von Stalingrad und ist später Sonderbeauftragter von Himmler für die Konzentrationslager. Aus seiner Sicht erlebt man den Krieg im Osten und den Untergang des Dritten Reiches hautnah mit.
Mit tiefem Einfühlungsvermögen erzählt Littell in der Ich-Form, also aus der Sicht des SS-Mannes. Seine Beweggründe, seinen Weltanschauung, sein Antrieb, seinen Probleme mit seinem "Job". Dieser einzigartige historische Roman wird nie langweilig, im Gegenteil: ich las die gut 1300 Seiten in knapp einer Woche. Bestimmt wird er die Leser spalten: in die Moralisten, die mit erhobenem Zeigefinger vor Verharmlosung, Beschönigung oder Schleichwerbung für den Nationalsozialismus warnen werden und solchen, die sich unvermittelt fragen: wie hätte ich mich anstelle von Dr. Aue verhalten? Von Beschönigung kann keine Rede sein: die Situation bei den Judenvernichtungen ist wohl derart realistisch geschildert, dass man manchmal innehalten muss. Die Schilderungen aus Stalingrad klingen so, als wäre Littell selber dabeigewesen: man spürt Trostlosikeit, Hunger, Kälte, Verzweiflung. Gnadenlos stellt Littell die Dinge dar, wie sie eben waren, und das mit einer überaus beeindruckenden Sachkenntnis.
Littell wollte den Nationalsozialismus und den Rassenwahn aus der Sicht der Zeit und der Täter darstellen. Ohne zu werten, ohne davon etwas gutzuheißen - der Verdacht entsteht nicht. Das ist das einzigartige an diesem Roman. Dies gelingt Littell vor allem in Form von meisterhaft dargestellten Diskussionen und Dialogen. Immer wieder stellt er subtil die mehr als privilegierte Situation der SS mit ihrem Fress- und Saufgelagen der darbenden Bevölkerung und den verhungernden KL-Häftlingen gegenüber. Faszinierend fand ich die Darstellung des "inneren" Zusammenwirkens der Machtapparate des Dritten Reiches, die Beschreibung der handelnden Personen und Umstände. Littell ist hier ein Werk gelungen, das ohne zu übertreiben als epochal bezeichnet werden muss.
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46 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Es hätte ein großer Roman werden können, 20. Mai 2008
Seit Jahrzehnten lag ein Thema in der Luft, das den Schriftsteller, der sich seiner annahm, schlagartig berühmt machen musste. Jonathan Littell, ein des Deutschen unkundiger jüdischer Franzose amerikanischer Abstammung, hat es nun getan und die erste großangelegte Darstellung der Shoah aus der Täterperspektive geschrieben. Das Ergebnis ist grandios und enttäuschend zugleich.
Auf den ersten 1200 Seiten konnte ich die überschwängliche Reaktion der französischen Kritik nachvollziehen, auf den letzten 160 Seiten verstand ich die vernichtende Haltung der deutschen.
Hauptfigur des Buches ist Dr. jur. Maximilian Aue, ein SS-Offizier, der im Laufe des Krieges vom Obersturmführer zum Obersturmbannführer aufsteigt, dabei alle wichtigen Stationen mitmacht, - Babij Jar, den Kaukasus, Stalingrad, Auschwitz, Budapest, Dora-Mittelbau, Berlin - und Gelegenheit hat, den meisten Hauptfiguren zu begegnen: Reichenau, Best, Heydrich, Himmler, Eichmann, Ohlendorf, Kaltenbrunner, Schellenberg, Globocnik, Höss, Mengele, Speer, Frank und schließlich Hitler.
Der erstaunliche Weg seines Protagonisten erlaubt es Littell nicht nur fast alle Aspekte des Völkermordes mit eindrucksvoller Detailkenntnis zu behandeln, sondern auch Reflexionen über die Motive der Täter anzustellen. Hinsichtlich der direkten Mörder lässt er keinen Zweifel daran, dass nur wenige von ihnen aus niederen Beweggründen handelten. "Einige genossen erkennbar die Tat an sich, doch diese Soldaten konnte man wohl als krank betrachten, es war völlig richtig, sie abzuziehen ... Was die anderen betraf, die angewidert oder gleichgültig reagierten, sie entledigten sich ihrer Aufgabe aus Pflichtgefühl ... 'Aber das Töten macht mir überhaupt keinen Spaß', war häufig von ihnen zu hören, für sie bestand das Vergnügen eben in ihrer strengen Dienstauffassung und ihrer Tugend" (S. 141).
Gerade ihre Moralität habe diese Männer zu Mördern gemacht, denn sie verlangte von ihnen, sich den Normen einer Gesellschaft unterzuordnen, die das Töten von Juden nun einmal für richtig erklärt hatte. Indem sie sich fügten, hätten sie ebenso gehandelt, wie die Mehrzahl der Menschen aller Zeiten und Völker. Aus diesem Grunde kann Aue den Nachgeborenen entgegenhalten, dass sie nicht anders seien als er. "Ich bin schuldig, ihr seid es nicht, wie schön für euch. Trotzdem könnt ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso hättet tun können ... Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser" (S. 33).
Nur wer absolute moralische Maßstäbe besitze, sei davor gefeit, zum Mörder zu werden. "Insofern ist es kein Zufall, dass die wenigen Menschen, die sich gegen die Macht auflehnten, in ihrer Mehrzahl religiös waren. Sie hatten sich einen anderen moralischen Bezugspunkt bewahrt, ... Ohne Gott wäre ihnen das unmöglich gewesen, denn woher hätten sie die Rechtfertigung nehmen sollen? Welcher Mensch könnte, auf sich selbst gestellt, ... eine Trennungslinie ziehen und sagen, dies hier ist gut und das dort ist böse? (S. 827). Zur Veranschaulichung dieses Gedankes fingiert Littell ein Gespräch, in dem er Aue dem Kant-Leser Eichmann demonstrieren lässt, dass die Ausrottungsmassnahmen der SS mit dem kategorischen Imperativ vereinbar seien.
In Bezug auf die oberste Verantwortungsebene muss die Darstellung einen Umweg einschlagen. Da Aues Begegnung mit Hitler erst am Ende des Romans erfolgt, können die Motive des "Führers" nur über einen Mittelsmann aufgeschlüsselt werden, in diesem Falle seinen Vertrauten Dr. Mandelbrod, der den Grund für die "Endlösung" in der Ähnlichkeit von Deutschen und Juden sieht. "Die Juden sind die ersten wahren Nationalsozialisten, schon seit fast dreitausend Jahren ... Das ist der Grund, warum die Juden von all unseren Feinden die schlimmsten und gefährlichsten sind ..." (S. 636). "Auf dieser Erde ist nur Platz für ein auserwähltes Volk ... Entweder sie sind es ... oder wir sind es." (S. 638).
Da diese Ausführungen der oft formulierten Überzeugung Hitlers, die Deutschen hätten nichts mit den Juden gemein, diametral widersprechen, sind sie zweifellos der historisch schwächste Teil des Buches. Trotz aller Recherchen scheint die Gedankenwelt des Diktators Littell fremd geblieben zu sein.
Im Gegensatz dazu ist seine Erklärung für das Verhalten der unmittelbaren Mörder durchaus erstzunehmen. Ihre Schwäche besteht allenfalls darin, dass sie nicht in die Erzählung eingebunden, sondern ihr thesenförmig angehängt wird. Was dem Roman fehlt, ist eine nachvollziehbare Schilderung der inneren Auseinandersetzung seiner Hauptfigur mit dem Mordgeschehen.
Den Platz dafür hat Littell geopfert, um einen zweiten Roman zu schreiben. Er handelt vom Privatmann Max Aue, der in seiner Jugend eine inzestuöse Beziehung mit seiner Zwillingsschwester Una hatte, aus Enttäuschung über die erzwungene Trennung von ihr homosexuell wurde und sich nun regelmäßig in erotischen Phantasien inzestuöser und fäkaler Natur ergeht, deren präzise, vor keiner Obszönität zurückschreckende Beschreibung deutlich an de Sade und Bataille erinnert. Daneben ist der private Aue ein humanistisch gebildeter Schöngeist, der fließend altgriechisch spricht, für Bach schwärmt und an der Ostfront Platon, Stendhal, Sophokles und Flaubert liest.
Um diesen zweiten, im Grunde völlig selbständigen Roman, mit dem ersten zu verbinden, bedient sich Littell einer Struktur, die er der Orestie des Äschylos entlehnt. Er lässt Aue in einem Anfall geistiger Umnachtung seine Mutter ermorden und schickt ihm zwei Berliner Kriminalbeamte auf die Fersen, die offenbar die Rolle der Eumeniden (der "Wohlgesinnten" - der Titel hat also nichts mit der SS zu tun) übernehmen sollen.
Diese problematische Konstruktion führt dazu, dass der Obersturmbannführer Aue gegen Ende des Buches fast völlig vom inzestuösen Muttermörder Aue verdrängt wird, dessen Verhalten nun endgültig ins Pathologische abgleitet. Als er in den letzten Kriegstagen drei weitere Morde begeht und obendrein Hitler in die Nase beißt, scheinen diese Taten aus heiterem Himmel zu kommen. Littell versucht nicht einmal, sie verständlich zu machen.
Der militärische Zusammenbruch des Dritten Reiches geht einher mit dem schriftstellerischen Zusammenbruch Jonathan Littells. Unfähig sich zu entscheiden, ob er ein neuer Tolstoi oder ein neuer Bataille werden wollte, hat Littell gleich zwei Romane geschrieben. Der Versuch, sie gewaltsam zu verschmelzen, musste zwangsläufig das ganze Buch ruinieren, denn er verwandelt die Hauptfigur in einen Psychopathen, dem am Ende kein Leser mehr die Erklärung: "Ich bin wie Ihr" (S. 39) glauben kann. Schade, es hätte ein großes Werk werden können.
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