Wie wird gemeinhin ein SS-Offizier beschrieben? Eigenschaften und Auszeichnungen wie ein Doktortitel, eine sehr große Allgemeinbildung, die Bereitschaft, das Morden, die Massenerschießungen, irgendwie zu rechtfertigen und eine damit verbundene Abneigung gegen alle Sadisten in den SS-Reihen, aber auch Homo- und Transsexualität, Inzest, Muttermord und das Töten bester Freunde, die das eigene Leben mehr als einmal retteten oder Antriebslosigkeit ' solche Charaktermerkmale fehlen meist. Doch genau mit diesen ist der Ich-Erzähler in Jonathan Littells Roman, der bis zum Obersturmbannführer beförderte und mit zahlreichen Ehrenauszeichnungen versehene Jurist namens Maximillan von Aue, ausgestattet. In diesem Sinne stellt er gewissermaßen einen Anti-Nazi dar, auch wenn gewisse Überzeugungen ähnlich denen der 'typischen' SS-Mitglieder sind, wenn auch ungleich durchdachter. Dazu gehört die Ansicht, nichts zu bereuen und nur die Pflicht erfüllt zu haben; man war eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Aue, oder 'Max', wie ihn Littell selbst nennt, geht allerdings noch weiter. Er hält es nicht für entscheidbar, welche von den am Holocaust mitgewirkten Personen, die meiste Schuld träfe. Alle seien nur Rädchen im Getriebe gewesen, die meisten von 'euch' (Max wendet sich besonders im ersten Teil des öfteren direkt an den Leser) hätten ebenso gehandelt. Mit einem eindringlichen 'Ich bin wie ihr!' endet der erste Teil.
Littell hat die besondere Begabung, hinter die Kulissen zu schauen, zwischen den Zeilen zu lesen. Derart offenbaren sich dem Leser einige bis dato unklar gebliebene Motive von Himmler und anderen, die an der Schlächterei mehr oder minder direkt beteiligt waren; da auch einige wesentlichen Merkmale des Nationalsozialismus mit dem Ziel beschrieben werden, ihn zu rechtfertigen und nicht, wie gemeinhin üblich unter der Prämisse, dass er falsch ist, kann der Leser selbst die Fehler finden. Im Marginalienband erläutert Littell in einem Interview, weshalb eine systematische Ausrottung der Homosexuellen nicht stattgefunden hat, obgleich Himmler von ihnen besessen war und sie alle töten wollte: Die bürokratischen Apparate hätten gegeneinander operiert, bspw. schickte das Justizministerium sie ins Gefängnis, nicht ins Lager, wie von Himmler verlangt, da 'wenn Hitler keine Richtung angibt ... nichts voran' ginge (S.44). Littell schreibt in einem fast schon melodisch zu nennenden Stil, den der Übersetzer geschickt beizubehalten wusste und der sich vom ersten ('Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen.'; ja, ich weiß, dass waren zwei Sätze) bis zum letzten Satz ('Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.'). Die Zeichensetzung läuft gängigen Konventionen zu wider; viele Semikolons 'zerhacken' die Sätze, Kommas statt Punkten lassen Sätze hier und da sehr lang werden. Absätze gibt es bewusst selten: 'Der Text soll Blöcke bilden, Blöcke, die den Leser ersticken und denen er sich nicht so einfach entziehen kann.' So Littell in einem Brief an seine Übersetzer (Mariginalienband, S. 10). Mit am meisten beeindruckt jedoch die Allgemeinbildung des Autors: Er kennt zahlreiche Werke der alten Griechen und Römer, von russischen Schriftstellern, Philosophen und Sprachwissenschaftlern, die Max oder seine Gegenüber zitieren. Wie Lanzmann, der Regisseur von 'Shoah' erwähnte, sei die absolute Exaktheit der Darstellung beachtenswert: Auch wenn es nie einen Obersturmbannführer Aue gegeben habe, so ist dieser doch sehr gekonnt in die auf Fakten beruhende Geschichte des 3.Reiches, eingeflochten worden.
Das Buch empfande ich stellenweise als nur schwer lesbar. Auch wenn die Progrome oder Massenerschießungen der Einsatzgruppen sehr plastisch und damit eindringlich geschildert werden, so wirken die Beschreibungen der immer abnormaler werdenden Phantasien von Max um ein vielfaches nervenzehrender, abstoßender, zumal der Ich-Erzähler nicht nur sein psychisches sondern auch physisches Innenleben detailreich zu beschreiben weiß ' er leidet übrigens seit den Massenerschießungen in der Ukraine an unregelmäßigem, dafür jedoch recht plötzlichem Erbrechen.
Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die nach alten Tänzen benannt sind, von Toccata bis Gigue. Und für wen ist es bestimmt? Die wirkliche Gefahr seien 'die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht.' Und nicht die Megalomanen und Psychopathen, diese würden vom Staat rasch zertreten. 'Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr. Wenn ihr davon nicht überzeugt seid, braucht ihr nicht weiterzulesen. Ihr werden nichts verstehen und euch nur ärgern, nutzlos für euch ' wie für mich.' (S.35)