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3.0 von 5 Sternen
Dick oder fett?, 17. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Witwe von St. Pierre (DVD)
Der Roman von Marine Saglio-Bramly verarbeitet eine wahre Geschichte, die sich 1888 auf den Neufrankreich-Inseln Saint-Pierre und Miquelon zugetragen haben soll. Der französische Titel "La veuve de Saint-Pierre" enthält das Wortspiel, dass "veuve" gleichermaßen für "Witwe" wie auch volkstümlich für die Guillotine gebräuchlich ist.
Zur Jahrtausendwende brachte Patrice Leconte in einer französisch-kanadischen Koproduktion mit den Ausnahmeschauspielern Juliette Binoche(36) und Daniel Auteuil(50) eine Adaption des Stoffs in die Kinos. Die dritte Hauptrolle füllte der weniger bekannte Jugoslawe Emir Kusturica(46) aus.
Letzterer spielt den geistig etwas zurückgebliebenen Strafgefangenen Ariel Neel Auguste, welcher ohne besonderen Grund im Suff einen Mann erstochen hatte und deswegen zum Tod durch Köpfen verurteilt worden war. Nun gibt es auf St. Pierre keine Guillotine, so dass ein solches Gerät erst langwierig von Martinique beigeschafft werden muss.
Kapitän Jean ist derweil verantwortlich für den Gefangenen. Seine Frau Pauline lässt sich von dem ruhigen und starken Ariel sofort faszinieren. Mit dem Einverständnis ihres Mannes beschäftigt sie ihn mit Garten- und Handwerksarbeiten. Durch Fleiß, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gewinnt der Sträfling schnell die Herzen der kleinen Bevölkerung - besonders das von Madame La, wie die Kommandantenfrau genannt wird. Er rettet sogar ein Leben, vor allem aber das beliebte "Café du Nord", schwängert und heiratet eine Frau und entwickelt sich langsam regelrecht zu einer Art Volksheld.
Als nach einem langen Winter endlich doch das Schiff mit der Guillotine eintrifft, verweigern die Insulaner ihre Unterstützung - bis der Sträfling selbst mit zugreift. Vom Kapitän, der mit seinem Kopf für den Gefangenen verantwortlich ist, werden alle "humanitären" Maßnahmen seiner Frau geduldet, ja sogar aktiv unterstützt und gegenüber dem Gouverneur verteidigt - bis hin zu einem Fluchtversuch und der Ablehnung des Verlangens, mit seinen Männern die Bevölkerung in die Schranken zu weisen. Doch Ariel Neel Auguste flieht nicht. Aber der Gouverneur interpretiert das Verhalten des Kapitäns als Rebellion und denunziert ihn bei der französischen Regierung. Die Dinge nehmen ihren vorhersehbaren Lauf...
Den vorzüglichen Darstellern gelingt es, die Geschichte mit großer Ruhe und Intensität darzustellen. Auch die Bilder vom kalten Norden "Frankreichs" 25 km südlich von Neufundland beeindrucken, insbesondere in der neuen HD-Umsetzung, die auch endlich das originale Kinoformat 2,35:1 bietet - wenn mir auch die manchmal stark durchgebogenen oder gekippten Horizonte zu schaffen machen. Man hat eigentlich nie das Gefühl, dass der Streifen in eine Kostümklamotte oder eine schmalzige Tragödie abrutschen könnte. Ganz besonders hat mir die vornehm-zurückhaltende, aber sehr liebevolle und zarte Art gefallen, mit der Auteuil als Kapitän Jean seiner Frau Liebe und extreme Loyalität entgegenbringt und gleichzeitig um sie kämpft. Er geht sehenden Auges gelassen in den Tod - eine großartige Charakterstudie.
Nichtsdestotrotz gelingt es nur unzureichend, die Schwächen des Buchs von Claude Faraldo und Patrice Leconte zu überspielen.
Das beginnt bereits beim Mord. Warum zwei Betrunkene bei eisigem Wetter einen beschwerlichen Weg auf sich nehmen, angeblich nur, um festzustellen, ob jemand - wieder im Französischen ein Wortspiel - "gros ou gras" ist (dick oder fett), wird keineswegs deutlich - kann es wohl auch nicht. Warum sie dabei nicht genug ausnüchtern, ebenso wenig. Wieso der Mörder im Handgemenge nach der Entwaffnung des unterlegenen Gegners, den er nie gefürchtet hat, nochmals das Messer aufhebt, um dann schließlich noch aus dem harmlosen Geraufe einen Mord zu machen, weiß wohl auch niemand.
So geht es weiter. Der geradezu verwandelte Neel Auguste und Madame La tauschen von Beginn an wesentlich zu tiefe Blicke aus, aber dennoch oder besser deswegen beschäftigt sich der Sträfling in Sachen Liebe lieber mit einer anderen Frau, bevor es zum Vertrauensbruch kommt. Diese Entwicklung könnte man vielleicht gerade eben noch glauben - wenn der Edelmut nicht ein bisschen plötzlich käme, nachdem der gleiche Mann gerade einen Menschen ohne Not wegen eines Blödsinns erstochen hatte.
Umgekehrt fragt man sich, wieso sich Pauline von ihrer kleinen und auch noch unerfüllbaren Leidenschaft so hinreißen lässt, dass sie den Tod ihres ja auch noch geliebten Mannes billigend in Kauf nimmt. Immerhin schenkt ihnen "ihr" schmerzlicher Verzicht auf Neel und das bewusste Opfer von Jeans Leben für seine Liebe eine leidenschaftliche Nacht. Da hat die "Dimension des Schicksals" wohl die Gemüter zum Äußersten erregt.
Eine überwältigende Nacht? Und dann schön trauern bis zum Lebensende? Das mag am Schluss des Films "edel" klingen, ist aber wohl keine glaubwürdige Lebensplanung einer intelligenten und gut situierten Frau, der jederzeit bewusst ist, womit sie spielt. Die schier grenzenlose Loyalität des Kapitän gegenüber den tödlich luxuriösen humanitär-erotischen Sperenzchen seiner Gattin mag man bewundern, sich aber auch fragen, wer in Wirklichkeit wohl seinen Hals riskieren würde, um seiner Gattin einen Seitensprung mit einem verurteilten Mörder zu ermöglichen - oder, genauer, um sich zu vergewissern, dass sie die Gelegenheit nicht wahrnehmen wird. Wenn man tot ist, spielt es wohl keine allzu große Rolle mehr, ob die geliebte Frau sich beherrschen konnte oder nicht - und würde man leben, wäre es wohl wenig erbauend, wenn die Frau gerne fremdgegangen wäre, wenn bloß ein hochanständiger Häftling mitgespielt hätte.
Es spielt auch eigentlich keine Rolle, wie man über diese Fragen denkt - der Film liefert weder vernünftige Erklärungen für solche Merkwürdigkeiten noch bietet er Entwicklungen an, die dem Zuschauer erlauben, das Handeln der Akteure emotional nachzuvollziehen. Der Sträfling insbesondere macht sehr merkwürdige Sprünge, was Intelligenz, sprachliches Vermögen und emotionale Reife betrifft. So bleibt man am Ende vor soviel - ich meine: zuviel - übermenschlichem Edelmut etwas ratlos und ärgerlich zurück.
Film und Darsteller erreichten einige Nominierungen. 2000 gewann der Film in Toronto den "Audience Award for Best Film".
Gesehen in Deutsch, 110 Minuten, 2,35:1, HD 720p, 4 m, DD
film-jury 3* A0453 17.1.2011e 14 A Genre: Drama | Romanze
Anmerkung: Bis 1981, der Abschaffung der Todesstrafe, wurde in Frankreich die Guillotine benutzt.
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