Dieses Buch ist nicht ein beliebiger Roman, geschrieben von einem beliebigen Autor. Nein, dieses Buch ist Weltliteratur und der Autor ist ein Dichter im wahrsten Sinne des Wortes. Mircea Cartarescu verfügt über etwas, was meiner Überzeugung nach, jeder wahre Dichter haben sollte: Imagination! Natürlich ist es keine leichte Kost, dazu ist der Inhalt viel zu komplex. Obwohl ich zugeben muss, dass ich bis auf letzten Seiten, in denen der schwarze Jazzsänger Cedric über die Sekte der Wissenden in Amerika und ihre bizarren Praktiken berichtet, jede Zeile verstanden und verschlungen habe, weil ich mich mit dem Ich-Erzähler in vielerlei Hinsicht identifizieren konnte. Auf den ersten Seiten erzählt der Ich-Erzähler über seine einsamen Nächte in seiner Jugendzeit, die er in einem Plattenbau vor dem Fenster mit Ausblick auf Bukarest verbringt. Das nächtliche Bukarest ist für ihn eine "Melange aus Fleisch, Stein, Gehirnflüssigkeit, Stahl und Urin". Der heranwachsende Ich-Erzähler selbst durchlebt Nächte erotischen Fiebers, in der Hoffnung "einmal jene gewissen Szenen zu erhaschen, jenes Enthüllen der Brüste und der Pobacken und Schamhügel, und wie die Männer die Mädchen ins Bett kippen oder zum Fenster tragen und dort von hinten nehmen." Bevor der Ich-Erzähler über seine eindrucksvollen und einschneidenden Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugendzeit berichtet, geht er zunächst einmal der mythologischen Geschichte seiner Sippschaft, der Badislavs, und der Lebensgeschichte seiner Mutter Maria, nach. Während die Erzählung der Sippschaft gespickt ist mit phantastischen und mythologischen Eingebungen und Figuren, steckt hinter der erzählten Lebensgeschichte der Mutter ein realistischer Hintergrund von der Lebenssituation in Bukarest Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre. Die Geschichte seiner Mutter und ihrer Schwester, die von morgens bis abends in einer Werkstatt arbeiten und ihre freien Tage im Nachtleben von Bukarest verbringen, ist das Herzstück dieses Romans, das den Leser zu Herzen rühren wird. Cartarescu schildert darin auch die Bombardierung von Bukarest seitens der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg. Während die amerikanischen Piloten "mit dem bunten Rauch der Flugzeuge ein transparentes, unwirkliches VICTORY an den blauen Himmel geschrieben" haben, liegt derweil Bukarest in Schutt und Asche. Die Straßen des Todes sind nur noch ein Ort des Gemetzels, in denen sich Tümpel von Bluten bilden, in denen Arme, Kieferbacken und zersplitterte Knochen aus dem Schutt ragen und in denen kein Haus heil geblieben war. Ich selbst muss kein Augenzeuge auf den kriegerischen Schauplätzen sein, die es noch heute weltweit gibt, um zum überzeugten Pazifisten zu werden. Solche Schilderungen von Cartarescu und andere ähnliche Kriegsschilderungen in der Weltliteratur genügen, um das zu bewerkstelligen. So kann ich in der Tat sagen, dass in erster Linie die Literatur mich zum Pazifisten gemacht hat.
Der Roman enthält aber nicht nur realistische Schilderungen, die wegen ihrer Meisterschaft von vielen Rezensenten mit Marcel Proust verglichen wurden. Immer wieder tauchen aberwitzige und phantastische Bilder und Episoden auf, die mich dazu verleiten, diesen Roman mit der Blechtrommel von Günter Grass oder mit einem meiner Lieblingsbücher, dem magisch-realistischem Roman "Die Mitternachtskinder" von Salman Rushdie in einem Atemzug zu nennen. Ein Beispiel ist die Szene, in der Maria mit ihrem späteren Ehemann Costel einer älteren nackten Frau begegnet, die seit der Bombardierung in einem Fahrstuhl eines bis auf den Fahrstuhl zerstörten Hauses oben gefangen war. Die Frau, die sich zurzeit der Bombardierung im oberen Geschoss des Fahrstuhls befand, wurde, wie sie Maria selber erzählt, kurz darauf von einem amerikanischen Piloten namens Charlie befruchtet und das Ergebnis dieser Befruchtung ist ein riesiger Schmetterling, den sie die ganze Zeit in dem eingesperrten Fahrstuhl in ihren Armen hielt. Im dritten Teil des Buches schildert Cartarescu seine kindlichen Erlebnisse im Plattenbau, wo er über seine erste Erektion berichtet, seine frühkindlichen Erlebnisse in einem Krankenhaus, wo er in einem Zimmer mit zwei bösartigen kleinen Mädchen zu Kämpfen hat und seine Erlebnisse und Eindrücke in dem neurologischen Colentina-Krankenhaus, in das er als 16jähriger eingeliefert wurde wegen einer Gesichtslähmung und in dem er seine erste sexuelle Erfahrung mit einer Krankenschwester und einen Selbstmordversuch macht. Hinter den Wänden des Krankenhauses entdeckt der heranwachsende Mircea intensiv die Einsamkeit und Traurigkeit seines eigenen Lebens. Er stellt sich vor, er würde sein ganzes Leben in einem Krankenhauszimmer verbringen müssen, als der "Ewige Kranke" und so stellte er sich das Glück vor, denn auch wenn er Schmerzen haben würde, so hätte er auf der anderen Seite "keine Wünsche, keine Erinnerungen und keine Zukunftspläne gehabt. Keine Papiere und keine Identität. Niemandes Geschick hätte an einem meiner Worte gehangen. Ich hätte niemals die Tortur ertragen, böse zu sein, und nie bereuen müssen, gut zu sein." Letztendlich ist der Roman ein ins Metaphysische endloser Monolog von dem heranwachsenden Mircea, sein "unlesbares" Buch ist vielleicht nichts anderes, wie er selber schreibt, als ein "apokalyptischer Schrei". Er fragt sich wieso er überhaupt auf die Welt gekommen ist und was dieser ganze Irrsinn, dieser Zirkus überhaupt bedeutet. Er hätte ja auch als Wurm geboren werden können oder als "ein kotbeschmierter Madenwurm in einem After", "hätte das Dasein gespürt und wäre dann verschwunden, ohne daraus irgendetwas für mich mitzunehmen". Doch sein perverser Verstand sagt ihm, dass er genau dieser Wurm ist und "die Welt in der Tat ein abscheulicher Anus, und vom wahren Universum, dem wahren Bewusstsein, dem wahren Licht im Gegensatz zu dieser Kloake hier werde ich nie etwas wissen." Ich kann nur diese wenigen Abschnitte wiedergeben, aber ich denke aus diesem wenigen hier zitierten wird schon offensichtlich und deutlich, dass dieser Cartarescu ein begnadeter Erzähler ist, dessen Buch eines Tages als bedeutendes Stück Weltliteratur anerkannt wird. Was bleibt ist die Freude auf den zweiten Band dieser Bukarest-Trilogie, der Ende August dieses Jahres mit dem Titel "Der Körper" erscheint.