Persönliches Tagebuch von
Wilhelm Dellgrün
Sonntag, 20. November 2011
Mathematik + Wirklichkeit
Buchbesprechung Dieter Hattrup: "Die Wirklichkeitsfalle"
Was bedeutet für mich das 20.Postulat und wie wirkt das Buch auf meine philosophischen Postulate:
"Das Bestehen unsichtbarer Wirklichkeiten wird im Glauben anerkannt. Offenbarungen können in einem Glaubensakt angenommen werden. Diese Aussage gilt für den Alltagsmenschen nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch in den exakten Wissenschaften."
Es scheint so zu sein: Die Denkmethode der Mathematik erschließt die Wirklichkeit, durch "wirklich, tiefe Analogien, meint Poincare, weil jede exakte Naturforschung mathematisiert sein muß."
Ist Dominanz der Mathematik als Denkmethode der Naturwissenschaften so beherrschend, dass eine Philosophie ohne sie nicht mehr realisierbar ist? Ist alle Wirklichkeit Mathematik?
In "Naturwissenschaften und Glaubenslehre" S. 139 stellt Reinhard Starkl fest:
"Man kann sich vorstellen, daß die Strukturgebung von hierarchisch aufgebauten physikalischen Theorien, die einerseits als Bilder der Natur gedeutet werden können, andererseits bei geeigneten Spezialisierungen auseinander hervorgehen sollen, höchste Anforderungen,an die menschliche Phantasie stellt. Seltsamerweise sind es gerade die ästhetisch ansprechendsten Strukturen, die eine passende Theorie auszeichnen. Neben analytisch geprägter Intelligenz benötigt der Physiker daher ebenso wie jeder wahre Künstler ein ausgeprägtes Gefühl für Schönheit der Form und Dichte der Aussage.
Ohne die reiche Klaviatur der Mathematik wäre eine Erforschung der Natur im Sinne rationaler Durchdringung nicht möglich. Das in Theologie und Philosophie gebräuchliche Instrumentarium der sprachlichen Analyse wäre dafür völlig untauglich. Man könnte nun vermuten, daß sich jeder mathematisch formulierbare Sachverhalt auch durch eine keine mathematischen Begriffe enthaltende verbale Aussage darstellen lassen muß. Dies ist praktisch jedoch nicht möglich!
Die Nichtmathematiker, zu denen viele, auch ich selbst zähle, mögen sehen, was sie glaubhaft in ihrer Philosophie berücksichtigen können.
Es ist nicht zu übersehen, dass die Philosophie in eine einseitige, von den Einzelwissenschaften bestimmte Befragung hineingerät, wenn sie akademisch betrieben wird.
J.M. Bochenski stellte schon 1975 in "Philosophie in Selbstdarstellungen l " Seite 27 dazu fest:" Es wird z.B. nicht behauptet, dass es nur eine Methode des Erkennens gibt. Zum Beispiel scheint es mir ganz illegitim, die Methode der Physik als die allein gültige anzusehen. Dass die Physik in ihrem Gebiet mit dieser Methode vieles erreicht hat, ist nicht zu bezweifeln; ob man aber ebenso erfolgreich mit ihr überall operieren kann, ist nicht bewiesen und scheint im Gegenteil, nicht wahr zu sein. Nicht einmal die sog. empirische Methode der Naturwissenschaften ist die einzige, die wir kennen. Da die Naturwissenschaftler viel Mathematik gebrauchen, hat man sich gewöhnt, diese als eine Art Naturwissenschaft anzusehen. Und doch ist es evident nicht so. Die Mathematik gebraucht eine ganz andere Methode. Man kann a priori nicht einsehen, warum es nicht noch eine dritte und vierte geben sollte. Somit ist mein Rationalismus nicht einer, der auf die Naturwissenschaften schwört."
Damit können wir erproben, was das Buch von Hattrup auf S. 217 vorschlägt:
" Die Wirklichkeit in ihrem dinghaften Charakter zeigt sich als Mathematik, in ihrem personenhaften Charakter als Offenbarung"
Diese Anweisung zur personalen Weiterführung der Philosophie, die ich kurz Persönliche Philosophie nenne, mündet konsequent in die Ausführungen des 8.Kapitel. Hier wird das Metaphysische greifbar und man kann ahnen, was Zeitlichkeit und Ewigkeit dem Glaubenden bedeuten. Diese Philosophie führt dorthin, was immer schon für die Philosophie eigen und von Aristoteles, Thomas v. Aquin u.a. selbstverständlich war, die Ewigkeit existiert.
Das hat metaphysische Tragweite:
Der Mensch, das lebende symbolon wird in seiner Ganzheit erkannt. Zeitlichkeit und Ewigkeit behalten ihre Gültigkeit in der Persönlichen Philosophie; die Persönliche Philosophie übersteigt damit notwendigerweise akademische Philosophie.