...aber streckenweise sehr mit Klischee und Drama überfrachtet.
India Selvyn Jones will schon seit ihrer Kindheit Ärztin werden. Für ein Mädchen im beginnenden 20. Jahrhundert, das dazu noch aus einem wohlhabenden und aristokratischen Elternhaus stammt scheint dies allerdings ein zu hoch gestecktes Ziel, denn von ihr wird erwartet wird, dass sie heiratet und Erben gebiert.
Dennoch schafft sie es und kann schließlich in Whitechapel, dem ärmsten Viertel der Stadt London, als Ärztin arbeiten. Alles scheint gut zu sein, denn ihr Verlobter Freddie Lytton, ein ambitionierter Abgeordneter, unterstützt India in ihren sozialen Bestrebungen. So glaubt sie jedenfalls. Sie ahnt nicht was Freddie hinter ihrem Rücken treibt und dass er ihr Verderben bereits vor Jahren eingeleitet hat.
Als India den Verbrecherboss Sid Malone kennen und lieben lernt verkompliziert sich ihr Leben unendlich. Freddie ist Sids Todfeind und der Herr Abgeordnete schaut natürlich nicht tatenlos zu, als India eigene Wege geht.
Mein Lob:
Wow, ich möchte nicht wissen wie lange Jennifer Donnelly recherchiert hat, bis sie so umfangreiches Hintergrundwissen zusammen getragen hat. Spielerisch leicht und sehr lebendig lässt sie den Leser in das London von 1900 eintauchen. Alles ist plastisch, gegenwärtig, glaubwürdig, fesselnd, selbst die offenen Brüche und Zangengeburten hat man direkt vor Augen beim Lesen ;-). Mit der ehrlichen und altruistischen India ist Jennifer Donnelly eine sehr liebenswürdige Heldin gelungen, die natürlich das Opfer gemeinster Intrigen werden muss, bevor sie das Glück findet. Man braucht das Buch "Die Teerose" nicht zu kennen um dieser Geschichte folgen zu können, aber es ist den Eingeweihten sicher eine Freude Fiona und Joe wieder zu sehen und zu erfahren wie es mit Charley Finnegan - dem obskuren Sid Malone - weitergeht.
Die Geschichte beginnt leise und behutsam als India gerade ihren Studienabschluss feiert und öffnet sich allmählich, wie eine Rose, in die große böse Welt der Politik, der Medizin und Armut, bis sie über 800 lange, lange Seiten hinweg ihre volle Blüte an herzrührender Dramatik, prickelnder Sinnlichkeit und nervenzerreißender Spannung entfaltet.
Dies alles: Die Kombination von fundierter Recherche, opulenter Schilderung und ausgezeichneter Schreibkunst macht diesen Roman zu einem wirklich empfehlenswerten Leseerlebnis, dem ich 5 Sterne geben würde, wäre da nicht das letzte Drittel gewesen:
Meine Kritik (Ich weiß, die Fans würden mich jetzt am Liebsten massakrieren, aber irgendjemand muss auch mal die Schwächen beim Namen nennen):
Ab der zweiten Hälfte verliert diese Geschichte deutlich an Schwung und Substanz. Indias Lebensziel und ein wirklich guter Denkansatz der Romans, eine Frauen- und Kinderklinik in Whitechapel, wird dem Pathos und dem Kitsch geopfert und der allzu dick aufgetragenen Dramatik. Für meinen Geschmack verzettelt sich die Autorin immer mehr ab dem Moment wo India ihre Klinik aufgibt (warum sie das tut, wird nicht verraten). Der Handlungsverlauf wird für mich ab diesem Moment zusehends unglaubwürdig und auch unangenehm. Es gefällt mir einfach nicht mehr wohin die Autorin ihre India und mich als Leserin führt - aber das ist sicher Geschmackssache. Weiterhin hat mich der Handlungsstrang "Seamus und Willa" wirklich sehr genervt. Ich weiß natürlich, dass das die Einleitung zu Teil 3 der Trilogie - zur "Wildrose" - ist, aber musste dieser Handlungsstrang wirklich so ausgiebig sein? Ich wollte ab einem gewissen Punkt in der Geschichte eigentlich nur noch wissen wie India endlich mit Freddie dem Mistkerl fertig wird, und selbst Joe und Fiona waren mir da beinahe zu viel des Guten, aber stattdessen bemüht mich die Autorin Seiten lang auf den Kilimandscharo hinauf und in das Zelt von Seamus und Willa hinein... Das waren Seiten, die ich oft voller Überdruss überblättert habe.
Weiterer Kritikpunkt (dann höre ich aber auch auf): Für meinen Geschmack hat Frau Donnelly die Tragik etwas überstrapaziert. Das scheint eines ihrer Lieblingsmotive zu sein, denn schon bei Fionas "Teerose" jagte ein Drama das andere, bis man dachte, die arme Frau könne nicht noch mehr schultern. Aber Indias Leben ist geradezu ein Ausbund an Verrat, Tragödie, an verpassten Begegnungen, unausgesprochenen Worten, endlosem Liebeskummer und Dauerdrama. Das duldsame Leiden, dem sie sich, als eine angebliche emanzipierte Frau, dann Jahre lang selbst aussetzt toppte das Ganze dann schließlich für mich zur Unerträglichkeit. 200 Seiten weniger und Verzicht auf die Seamus-Willa-Nebenhandlung hätten dem Buch vielleicht gut getan und es zu einem Meisterwerk gemacht.
Fazit:
Ein wundervoll geschriebener und fesselnder Roman voller Sinnlichkeit der mit dem Stilmittel der Dramatik für meinen Geschmack etwas zu großzügig umgeht.
Auf jeden Fall eine Empfehlung für alle Fans von historisch gut recherchierten und anspruchsvoll geschriebenen Liebesromanen und ein MUSS für die Fans von der Teerose. Ich persönlich bin aber nicht geneigt mir mit dem Teil 3 noch mal so einen Ausbund an seelischer Not und Tragödie zuzuführen. Sorry.