Der kleine Junge ist groß geworden: Seamie Finnegan, der in
Die Teerose noch unter den Röcken seiner Schwester Verstecken spielen durfte und in
Die Winterrose: Roman die wildesten Abenteuer bestand, ist endgültig erwachsen geworden. Als anerkannter Polarforscher fehlt ihm zu seinem Glück nur noch eines, nämlich eine Frau. Da er seine große Liebe Willa Alden schon vor Jahren verloren hat, entscheidet er sich für die Pfarrerstochter Jennie. Klar, dass die Sache nicht gutgehen kann - erstens weil Jennie dubiose Kontakte pflegt, zweitens weil gerade der erste Weltkrieg ausbricht, und drittens weil Willa bald nicht nur in Seamies Gedanken, sondern ganz real wieder in seinem Leben auftaucht.
In ihrem letzten Teil der "Rosen-Trilogie" spannt Jennifer Donnelly einen weiten Bogen, der in den Eisfeldern des Mount Everest beginnt und über die arabische Wüste nach London führt. Entsprechend vielfältig sind ihre Themen: Spionage, arabischer Unabhängigkeitskampf, Drogensucht, Kriegstrauma, der Kampf ums Frauenwahlrecht, Londoner Verbrecherbanden - und die Finnegans-Bristows-Baxters immer mittendrin beziehungsweise: Auf der richtigen Seite. Die junge Katie Bristow betätigt sich bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren als Journalistin, ihr Papa will natürlich den unvermeidbaren Krieg vermeiden, und ihre Tante, die Ärztin, hat praktischerweise gerade ein Anwesen übrig, das sich in ein Hospital umwandeln lässt. Diese Leute sind alle miteinander sowas von anständig und tapfer - man entwickelt zwangsläufig den guten Vorsatz, der nächsten verfügbaren alten Dame über die Straße zu helfen.
Die einzige, die nicht dem versammelten Gutmenschentum anhängt, ist die schwierige Anti-Heldin Willa. Willa hat eine Bein-Prothese und ein gebrochenes Herz, und sie versucht beides zu vergessen, indem sie sich in die wildesten Abenteuer stürzt. Sie rennt, sie springt, sie klettert bis zu dem Punkt, an dem auch die Autorin die Prothese vergessen hat und anmerkt, dass einer von Willas Füßen schmutzig ist. Willa ist ein interessanter und ungewöhnlicher Charakter, aber die erzählerischen Möglichkeiten, die so eine Persönlichkeit bietet, bleiben meist ungenutzt. Die Auseinandersetzung mit ihrer Behinderung bleibt letztendlich oberflächlich, auch die Schmerzmittel, von denen sie abhängig wird, haben mehr etwas mit ihrem gebrochenem Herzen als mit dem verlorenen Bein zu tun. Und so dürfen wir dann doch glauben, dass Willa Alden den Mount Everest kartographiert, die Wüstenkämpfe im ersten Weltkrieg per Filmkamera festgehalten und Lawrence of Arabia das Leben gerettet hat - ein ganz normales Romanhelden-Dasein halt, in diesem Fall hin und wieder begleitet von Phantomschmerz.
Erzählt wird die Geschichte in gewohnt flottem Stil, der stellenweise etwas zu modern wirkt - aber das mag auch an der Übersetzung liegen und fällt nicht weiter ins Gewicht. Der Humor und die Wärme, die die beiden ersten Bücher so ausgezeichnet haben, bleiben allerdings häufig auf der Strecke. Selbst India, die in der Winterrose mit Vorträgen über den Nährwert von Porridge und Broccoli selbst die fiesesten Verbrecher an die Wand quatschen konnte, wirkt handzahm.
Schwierig fand ich die Rolle einer Hauptperson namens "Zufall". Zufall spielt auch in den ersten beiden Romanen eine nicht geringe Rolle, aber in diesem dritten Teil wird sein Part noch weiter ausgebaut. Zufall sorgt immer wieder dafür, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit an den unglaublichsten Orten aufeinander treffen. Zufall ist auch für (wenn ich richtig gezählt habe) nicht weniger als vier Auferstehungen von den Toten verantwortlich. Zufall im Übermaß sorgt leider dafür, dass die Handlung schlecht konstruiert wirkt, weshalb mir die letzte dramatische Wendung dann nicht mehr dramatisch, sondern seit hundert Seiten vorhersehbar erschien.
"Die Wildrose" ist ein Unterhaltungsroman, und unterhalten hat er mich, wenn auch nicht so gut wie seine beiden Vorgänger. Am Strand unterm Sonnenschirm, auf einer langen Bahnfahrt, erkältet im Bett ist das Buch bestens zu lesen. Als Abschluss einer Trilogie, die mich in den ersten beiden Teilen begeistert hat, ist es eine klitzekleine Enttäuschung.
PS: Machen Sie sich nach der Lektüre bitte kein schlechtes Gewissen, weil Sie weder den Kampf ums Frauenwahlrecht noch den arabischen Freiheitskampf unterstützt und weder den Mount Everest noch den Südpol erforscht haben. Bleiben Sie lieber ein Held des Alltags und helfen Sie einer alten Dame über die Straße.