"Witz bedarf man auf weiter Reise;
Daheim hat man Nachsicht.
Zum Augengespött wird der Unwissende,
Der bei Sinnigen sitzt."
(Hávamál, Strophe 5)
Der im März 2009 in der Reihe "Theiss WissenKompakt" veröffentlichte Band "Die Wikinger" bietet bereits am Anfang eine aufklappbare Karte, die den riesigen geographischen Wirkungsraum der Nordmänner, von Byzanz bis L'Anse-aux-Meadows in Neufundland, offenbart. Nach dem Inhaltverzeichnis kommt die renommierte Historikerin, Skandinavistin und Autorin zahlreicher Reisehand- (
DuMont direkt Nordseeküste - Schleswig-Holstein) und Sachbüchern (
Auf den Spuren der Wikinger und Slawen: 36 Ausflüge in die Vergangenheit), Claudia Bank, zur ihrer einleitenden Fragestellung "Wer waren die Wikinger".....
.....die sie dann nicht nur im gleichnamigen ersten Kapitel, sondern auch in zwei weiteren differenziert und erschöpfend beantwortet. Nach Berichten über die "Länder im äußersten Norden", die mit Pytheas von Massilia um 320 v. Chr. beginnen und der Beschreibung von Natur und Klima geht die Autorin der Bezeichnung und Periodosierung des Begriffes Wikinger nach. Der altnordische Begriff "víkingar" ist erstmalig in einem altenglischen Text des 7. nachchristlichen Jahrhunderts belegt und damit älter als die eigentliche Wikingerzeit. Obwohl das Wort im altnordischen für Räuber oder Pirat steht, ist seine ursprüngliche Bedeutung, trotz zahlreicher Versuche, noch immer nicht geklärt. So gibt es Erklärungen, die es auf vik (Bucht), die gleichnamige südnorwegische Landschaft, den maritimen Ausdruck "vika" (Wechseln der Ruderer) oder das schwedische veka (Woche) zurückführen wollen. Während "víikingu" und "víking" die "Wikingerfahrt" wurden Skandinavier, die auf Flüssen in nach Osten vordrangen, als Rus bezeichnet, wofür es ebenfalls zahlreiche Erklärungsansätze gibt. Claudia Banck benennt die Gründe für den Aufbruch der Nordmänner und beschreibt neben ihren wichtigsten archäologischen Artefakten und Überlieferungen auch die "Sicht der anderen".....
.....bevor sie sich im zweiten Kapitel der dynamischen Zeit der Wikinger, Waräger und Normannen widmet, die mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne am 8. Juni 793 beginnen, und mit dem Sieg Wilhelm des Eroberers in der Schlacht bei Hastings am 28. September 1066 enden sollte. Zu Beginn beschreibt sie die Herrschaft einer Vielzahl von Kleinkönigen und Häuptlingen in Skandinavien. Die heutigen Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden enstanden erst nach und nach im Laufe der Zeit. Wichtige Aspekte für die Herausbildung von Nationalstaaten waren neben einer "Reichssammlung", die Herausbildung eines zentralen Einheitskönigtums, das mit der Christianisierung einher ging. Harald Blatand (Dänemark), Haraldr hinn hárfagri (Norwegen) und Olof Skötkonung (Schweden) gelten als die christlichen Reichseiniger. Ein weitere Abschnitt beschreibt die Schiffe und den Verkehr. Die tausendjährigen Drachenschiffe vom Oslofjord und Skuldelev konnte timediver® 2002 im "Vikingskipbshuset" zu Oslo, bzw. 2009 im "Vikingeskibsmuseet" in Roskilde besichtigen. Mittels einer einzigartigen Bauweise des Schiffsrumpfs, wurden Bug und Heck, die jeweils aus einem Stück geschnitzt waren, mit sich überlappenden Planken verbunden. Als Krieger und Siedler unternahmen die Nordmänner Züge nach Britannien, Irland, ins Frankenreich und bis in den Mittelmeeraum. Während sie Flussläufe von Elbe, Rhein, Seine, Guadalquivir usw. aufwärts befuhren, verdingten sie sich als Söldner beim Byzantinischen Kaiser und gründeten schließlich Staaten in Süditalien und der Normandie. Als Entdecker und Siedler nahem sie die Orkney-, Shetland- und Färöer-Inseln, Island, Grönland und schließlich Vinland in Besitz. Sie gründeten bedeutende Handelsorte wie Haithabu und Ribe, deren Überreste timediver® 1998, bzw. 2009 besichtigte. Auf ihren "Ausrvegr" (Wegen nach Osten) ließen sie sich auch in den Ländern der Slawen nieder; gründeten als "Waräger" (wohl von nordisch várar= Gelübde, Treueschwur) das spätere Russland und gelangten bis nach "Miklagard" (Byzanz). Eine im schwedischen Helgö gefundene, um 600 in Indien gefertigte Buddha-Statue (Seite 81) ist ein Beleg für einen internatinalen Handel.
Mit ihrem dritten und letzteen Kapitel bietet Claudia Banck "Ein Panorama der Wikingerzeit" mit Beschreibungen ihrer Herrschafts- und Gesellschaftsordnung, Ernährung und der Gestaltung von Festen und Freizeit. Weitere Abschnitte sind dem Handwerk und Kunsthandwerk, den Runen(meistern) und Skalden und dem "heidischen" Welt- und apokalytischen Götterbild der Wikinger gewidmet. Mit dem Wechsel von Odin zu Christus werden schließlich auch die verstocktesten Heiden Norwegens und Schwedens zu Mitgliedern eines christlichen Nordens, der sich an Kreuzzügen und Ostexpanion beteiligt. In Literatur und Dichtungen, wie der altisländischen Edda, entstand ein Wikingermythos, der sich bis in die Gegenwart erhalten hat.
An zahlreichen Stellen wird der Haupttext durch farblich in rostbraun abgesetzte Essays wie z. B. "Das Land von Thule" (S. 8) oder "Der Teppich von Bayeux" (S. 29), "Die Ausrüstung eines Kriegers" (S. 56) oder "Die Leibgarde des Kaisers" (S. 64), sowie kleinen Themenkästen auf beigen Grund, mit Themen wie "Adam von Bremen" (S. 16) oder "Skalla Grim" (S. 72) etc. aufgelockert. Ein neunseitiger Anhang mit Glossar, Hinweisen zur Umschrift und Aussprache, eine nach Sachgebieten gegliederten Liste "Weiterführende Literatur" und eine ausklappbare Zeittafel am Ende des Buches runden das Gesamtbild einer großzügig illustrierten und mit Spannung zu lesenden Chronik ab.
5 Amazonsterne für ein gelungenes Kompendium mit den wesentlichsten Daten und Fakten.