Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Europa Anfang des 19. Jahrhunderts: Während sich die Alte Welt von zahllosen Kriegen erholt, kündigen sich tiefgreifende Veränderungen an – die Menschheit steht an der Grenze zur Moderne. Aber noch sind die Traditionen stark und die starren Strukturen brechen nur langsam auf. In dieser Zeit des Wandels schickt sich eine uralte Bedrohung an, die Menschen in den Abgrund zu reißen. Denn in den Schatten der Welt hat etwas überlebt: die Werwölfe …
• Christoph Hardebusch legt einen einzigartigen Roman vor, der den Mythos Werwölfe auf ganz neue Weise erzählt
• Die Werwölfe ist nach Die Vampire die kongeniale Weiterführung der Bestseller Die Elfen, Die Zwerge und Die Trolle
Klappentext
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das Tier hatte sich nicht bewegt. Nicht einmal, als kleine Steine und Erdbröckchen um es herum herabfielen. Unverwandt starrte es den Mann aus seinen hellen Augen an. Es hätte zusammenzucken sollen oder weglaufen, doch nichts dergleichen geschah. Ein Rabe krächzte missbilligend in den Wipfeln der Bäume, als empfände auch er das Verhalten des Wolfs als unnatürlich.
Die Kälte hatte die Finger des Schützen steif und unbeweglich werden lassen. Die Handschuhe waren fingerlos, um das Nachladen und Bedienen der Flinte zu erleichtern. Jetzt, am frühen Morgen, da der kühle Nebel wie ein zerschlissenes Leinentuch zwischen den Bäumen hing und die Sonne kaum mehr als ein schwaches Blinzeln über dem Horizont war, erwiesen sich die Handschuhe als wenig nützlich.
Dennoch ließ der Mann sich nicht beirren. Seine Hände führten die bekannten Bewegungen aus, wie sie es schon Hunderte von Malen getan hatten.
Der Wolf setzte sich in Bewegung. Langsam, fast gemächlich trottete er auf den Schützen zu. Als der Mann dies bemerkte, fluchte er leise. Sein Atem bildete kleine Wolken in der Luft, die sich mit dem Pulverdampf vermischten, als wollten sie den Nebel verstärken und das weiße Gewebe vor dem anbrechenden Tag retten.
Sorgfältig verschloss er das Pulverhorn, nahm eine Kugel aus dem ledernen Beutel an seinem Gurt, ließ sie in die Mündung fallen und zog den Ladestock aus seiner Halterung unter dem Lauf. Sein Blick wanderte zu seinem Ziel, das nun schneller auf ihn zulief.
Hastig rammte der Mann die Kugel in den Lauf. Aus dem Augenwinkel sah er, dass der Wolf nun rannte. Ohne ein Schusspflaster einzusetzen, ging der Schütze in die Knie.
Er streute das Zündkraut in die Pfanne, den Blick fest auf das Tier gerichtet.
Es kam näher, die Lefzen zurückgezogen, die Zähne gebleckt, den Blick aus seltsam klugen Augen immer noch unablässig auf den Schützen gerichtet. Ein großer Wolf mit dichtem, fast schwarzem Pelz und nur wenigen weißen Haaren um die Schnauze herum. Bei der Breite seiner Schultern und der Größe gewiss der Leitwolf eines Rudels; einer, den kein anderer Wolf so leicht herauszufordern wagte.
Ihm würde nur Zeit für einen Schuss bleiben, und der Mann zwang sich, durchzuatmen, als er die Flinte an die Schulter legte. Alles in ihm schrie danach, zu feuern, den Wolf zu töten, zu erlegen, doch er hielt inne, beruhigte seine Gedanken, zielte sorgfältig - und schoss erst dann.
Der Einschlag warf das Tier herum, brachte es aus dem Tritt, und es geriet ins Straucheln. Ein sauberer Treffer, mitten in die Brust, ein glanzvoller Schuss, ein Blattschuss. Der Schütze lächelte nicht ohne Stolz.
Doch der Wolf rappelte sich schnell wieder auf. Mit mächtigen Sätzen legte er die letzten Meter zurück. Die rechte Hand des Mannes fuhr zu dem Jagdmesser an seinem Gürtel, die andere hob er schützend vor sein Gesicht. Der Aufprall schwerer schwarzer Pfoten schleuderte ihn zu Boden, die Flinte flog in hohem Bogen davon. Die gefrorene Erde trieb ihm die Luft aus den Lungen, Wurzeln und Steine bohrten sich schmerzhaft in seinen Rücken. Doch nichts war so fürchterlich wie die Fänge des Wolfs, die sich mit einem gierigen Knurren um seine Kehle schlossen.
Die Schreie des Mannes erklangen noch lange im Wald.
Erst als sich wieder Stille über das Land legte, krächzte der Rabe noch einmal.
PROMETHEUS
AREZZO, 1816
Es war eine dunkle und stürmische Nacht." Nervös strich sich der junge Mann eine dunkle Locke aus der Stirn. "Die mächtigen Gipfel der Alpen waren in Wolken gehüllt und wirkten so düster und beklemmend, als trügen sie Leichengewänder."
Mit jedem Wort, das er kraftvoll deklamierte, ließ seine Aufregung nach. Nicht einmal die Blicke seines Publikums, das sich in dem kühlen Saal zusammengefunden hatte, störten ihn mehr. Vor wenigen Augenblicken noch hatte er geglaubt, nicht eine Silbe herausbringen zu können, doch nun flossen sie geradezu über seine Lippen. Die Geschichte folgte ihrem Lauf, erzählte von den Jugendtagen des wahnsinnigen Mönches, der in nicht allzu ferner Zukunft das Dorf mit den grauenhaftesten Taten überziehen würde.
Die Umgebung war für den jungen Mann unwichtig geworden. Das Feuer im Kamin vermochte die Märzkälte nicht wirklich zu vertreiben. Vor den hohen, schmalen Fenstern versank die Sonne, doch der regnerische Tag war ohnehin nur in trübes Licht gehüllt gewesen. Die hohen, bis zur Decke reichenden Bücherregale waren bereits in tiefe Schatten getaucht, und die einstigen Herren des Stadtpalastes warfen kritische oder nachsichtige Blicke auf den jungen Dichter, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihre Porträts betrachtete. Hin und wieder knarrte einer der alten Stühle, wenn einer der Zuhörer sich bewegte, doch ansonsten füllte nur seine Stimme den Raum.
Und seine Worte, denn die Geschichte stammte aus seiner Feder. Er hatte sie in jeder freien Minute geschrieben, hatte unzählige Seiten Papier verbraucht, wenn er, unzufrieden mit den Ergebnissen, den Boden ein weiteres Mal mit zerknüllten Seiten bedeckt hatte. Die Geschichte war gruselig, ein Schauermärchen, aber selbstverständlich verbarg sich hinter dem Schrecken auch eine Moral.
Mit jedem weiteren Satz gewann seine Stimme an Überzeugung. Er drückte das Rückgrat durch und marschierte vor dem Publikum auf und ab, wie er es vor dem Spiegel in seinen Räumen einstudiert hatte. Seine Linke fuhr durch die Luft, die Finger zu jener Geste geformt, die ihm sein Rhetoriklehrer in mühevollen Stunden beigebracht hatte und die angeblich schon Cicero und dessen Vorgänger genutzt hatten. Er schlüpfte in die Rollen der Figuren, sprach lispelnd als verschlagener Gastwirt, laut und herrisch als machtbesessener Signore.
Fast wähnte er sich selbst in den grandiosen Alpen, die seine Worte so treffend beschrieben. In jedem Schatten des Saales mochte der Mönch lauern, mit seinen vor Irrsinn funkelnden Augen.
Die Geschichte endete mit einem Crescendo, einem triumphalen Finale, in dem der Schurke seiner gerechten Strafe zugeführt wurde, während die Helden siegreich blieben.
Erschöpft und außer Atem blickte der junge Mann hoch.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das Tier hatte sich nicht bewegt. Nicht einmal, als kleine Steine und Erdbröckchen um es herum herabfielen. Unverwandt starrte es den Mann aus seinen hellen Augen an. Es hätte zusammenzucken sollen oder weglaufen, doch nichts dergleichen geschah. Ein Rabe krächzte missbilligend in den Wipfeln der Bäume, als empfände auch er das Verhalten des Wolfs als unnatürlich.
Die Kälte hatte die Finger des Schützen steif und unbeweglich werden lassen. Die Handschuhe waren fingerlos, um das Nachladen und Bedienen der Flinte zu erleichtern. Jetzt, am frühen Morgen, da der kühle Nebel wie ein zerschlissenes Leinentuch zwischen den Bäumen hing und die Sonne kaum mehr als ein schwaches Blinzeln über dem Horizont war, erwiesen sich die Handschuhe als wenig nützlich.
Dennoch ließ der Mann sich nicht beirren. Seine Hände führten die bekannten Bewegungen aus, wie sie es schon Hunderte von Malen getan hatten.
Der Wolf setzte sich in Bewegung. Langsam, fast gemächlich trottete er auf den Schützen zu. Als der Mann dies bemerkte, fluchte er leise. Sein Atem bildete kleine Wolken in der Luft, die sich mit dem Pulverdampf vermischten, als wollten sie den Nebel verstärken und das weiße Gewebe vor dem anbrechenden Tag retten.
Sorgfältig verschloss er das Pulverhorn, nahm eine Kugel aus dem ledernen Beutel an seinem Gurt, ließ sie in die Mündung fallen und zog den Ladestock aus seiner Halterung unter dem Lauf. Sein Blick wanderte zu seinem Ziel, das nun schneller auf ihn zulief.
Hastig rammte der Mann die Kugel in den Lauf. Aus dem Augenwinkel sah er, dass der Wolf nun rannte. Ohne ein Schusspflaster einzusetzen, ging der Schütze in die Knie.
Er streute das Zündkraut in die Pfanne, den Blick fest auf das Tier gerichtet.
Es kam näher, die Lefzen zurückgezogen, die Zähne gebleckt, den Blick aus seltsam klugen Augen immer noch unablässig auf den Schützen gerichtet. Ein großer Wolf mit dichtem, fast schwarzem Pelz und nur wenigen weißen Haaren um die Schnauze herum. Bei der Breite seiner Schultern und der Größe gewiss der Leitwolf eines Rudels; einer, den kein anderer Wolf so leicht herauszufordern wagte.
Ihm würde nur Zeit für einen Schuss bleiben, und der Mann zwang sich, durchzuatmen, als er die Flinte an die Schulter legte. Alles in ihm schrie danach, zu feuern, den Wolf zu töten, zu erlegen, doch er hielt inne, beruhigte seine Gedanken, zielte sorgfältig - und schoss erst dann.
Der Einschlag warf das Tier herum, brachte es aus dem Tritt, und es geriet ins Straucheln. Ein sauberer Treffer, mitten in die Brust, ein glanzvoller Schuss, ein Blattschuss. Der Schütze lächelte nicht ohne Stolz.
Doch der Wolf rappelte sich schnell wieder auf. Mit mächtigen Sätzen legte er die letzten Meter zurück. Die rechte Hand des Mannes fuhr zu dem Jagdmesser an seinem Gürtel, die andere hob er schützend vor sein Gesicht. Der Aufprall schwerer schwarzer Pfoten schleuderte ihn zu Boden, die Flinte flog in hohem Bogen davon. Die gefrorene Erde trieb ihm die Luft aus den Lungen, Wurzeln und Steine bohrten sich schmerzhaft in seinen Rücken. Doch nichts war so fürchterlich wie die Fänge des Wolfs, die sich mit einem gierigen Knurren um seine Kehle schlossen.
Die Schreie des Mannes erklangen noch lange im Wald.
Erst als sich wieder Stille über das Land legte, krächzte der Rabe noch einmal.
PROMETHEUS
AREZZO, 1816
Es war eine dunkle und stürmische Nacht." Nervös strich sich der junge Mann eine dunkle Locke aus der Stirn. "Die mächtigen Gipfel der Alpen waren in Wolken gehüllt und wirkten so düster und beklemmend, als trügen sie Leichengewänder."
Mit jedem Wort, das er kraftvoll deklamierte, ließ seine Aufregung nach. Nicht einmal die Blicke seines Publikums, das sich in dem kühlen Saal zusammengefunden hatte, störten ihn mehr. Vor wenigen Augenblicken noch hatte er geglaubt, nicht eine Silbe herausbringen zu können, doch nun flossen sie geradezu über seine Lippen. Die Geschichte folgte ihrem Lauf, erzählte von den Jugendtagen des wahnsinnigen Mönches, der in nicht allzu ferner Zukunft das Dorf mit den grauenhaftesten Taten überziehen würde.
Die Umgebung war für den jungen Mann unwichtig geworden. Das Feuer im Kamin vermochte die Märzkälte nicht wirklich zu vertreiben. Vor den hohen, schmalen Fenstern versank die Sonne, doch der regnerische Tag war ohnehin nur in trübes Licht gehüllt gewesen. Die hohen, bis zur Decke reichenden Bücherregale waren bereits in tiefe Schatten getaucht, und die einstigen Herren des Stadtpalastes warfen kritische oder nachsichtige Blicke auf den jungen Dichter, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihre Porträts betrachtete. Hin und wieder knarrte einer der alten Stühle, wenn einer der Zuhörer sich bewegte, doch ansonsten füllte nur seine Stimme den Raum.
Und seine Worte, denn die Geschichte stammte aus seiner Feder. Er hatte sie in jeder freien Minute geschrieben, hatte unzählige Seiten Papier verbraucht, wenn er, unzufrieden mit den Ergebnissen, den Boden ein weiteres Mal mit zerknüllten Seiten bedeckt hatte. Die Geschichte war gruselig, ein Schauermärchen, aber selbstverständlich verbarg sich hinter dem Schrecken auch eine Moral.
Mit jedem weiteren Satz gewann seine Stimme an Überzeugung. Er drückte das Rückgrat durch und marschierte vor dem Publikum auf und ab, wie er es vor dem Spiegel in seinen Räumen einstudiert hatte. Seine Linke fuhr durch die Luft, die Finger zu jener Geste geformt, die ihm sein Rhetoriklehrer in mühevollen Stunden beigebracht hatte und die angeblich schon Cicero und dessen Vorgänger genutzt hatten. Er schlüpfte in die Rollen der Figuren, sprach lispelnd als verschlagener Gastwirt, laut und herrisch als machtbesessener Signore.
Fast wähnte er sich selbst in den grandiosen Alpen, die seine Worte so treffend beschrieben. In jedem Schatten des Saales mochte der Mönch lauern, mit seinen vor Irrsinn funkelnden Augen.
Die Geschichte endete mit einem Crescendo, einem triumphalen Finale, in dem der Schurke seiner gerechten Strafe zugeführt wurde, während die Helden siegreich blieben.
Erschöpft und außer Atem blickte der junge Mann hoch.