Schopenhauer und das winterliche Venedig. Ach herrje: Weltverdruss, Melancholie, Einzelgängertum, gar Menschenverachtung, Frauenverachtung sowieso... Das kann ja heiter werden. Wird es auch.
Christoph Poschenrieder, selbst Philosoph und Schopenhauers Werk verbunden, ist ein wunderbares Romandebüt gelungen. Lassen Sie sich nicht abschrecken: dieses Buch ist nicht erdenschwer oder gar unverständlich, setzt keine Kenntnisse über Schopenhauers Werk voraus und nimmt uns mit der Leichtigkeit eines Könners auf Schopenhauers Reise nach Italien mit, nach Venedig, wo er der Versuchung widersteht, Lord Byron, den angeschlagenen Falken, seine Aufwartung zu machen, obwohl er Goethes Empfehlungsschreiben nah am Herzen trägt. Denn noch und für lange Zeit ist er der verkannte Niemand, der mit vollem Kopf und leeren Händen reist. Erbost hat er Sachsen Richtung Süden verlassen. Sein Verleger Brockhaus hat es nicht geschafft, sein epochales Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" zum vereinbarten Zeitpunkt auf den Markt zu bringen. Das bringt den jungen Mann auf die Palme, ihn, der ein bedeutender Philosoph ist, daran zweifelt er nicht, der aber auch herkunftsgeprägt seiner Krämerseele einen Teil der Erhabenheit opfern muss.
Verbannen wir also das bekannte Bild des alten Philosophen mit den wilden Haaren aus unseren Köpfen, und begeben wir uns mit einem finanziell gutgestellten, weltgewandten, jungen und verhalten abenteuerlustigen Mann mit blonden Locken auf eine teils mühsame, teils kurzweilige Postkutschenreise über die Alpen ins gelobte Land der Deutschen. Schon auf der Reise gerät er ins Visier der Metternich'schen Geheimpolizei. Wir schreiben das Jahr 1818; nicht nur Venetien ist im gierigen, nimmersatten Griff der Habsburger, dessen karikaturreifen Staatsdiener (Paul Flora hat sie wunderbar gezeichnet) noch eine wilde Hatz auf ihn und seine Freunde anzetteln werden. Aber da hat er Dank des wackeren Gondoliere des frustrierten, doch stets seinen Neigungen verhafteten Lord Byrons bereits das Gondelfahren gelernt, einen charakterstarken Hund begraben, die Liebe zu Teresa gelebt, Unmengen von Würsten verzehrt, Masken getragen, unzählige Male "Lascia la spina" gehört und ist in der Lagunenstadt so heimisch geworden, dass er erwägt, für lange Zeit zu bleiben. Doch kaum entschieden, hindern schlechte Nachrichten aus Sachsen den Denker daran, zu tun, was er am liebsten will.
Mehr oder weniger sei diese Geschichte erfunden, erklärt der Autor in einem kurzen Nachwort. Wahr ist, dass Schopenhauer im Herbst 1818 nach Italien reiste und auch in Venedig Station machte, ein Empfehlungsschreiben von Goethe in der Tasche, an welche Person auch immer. Vermutlich gab es auch eine Teresa und ganz sicher natürlich Lord Byron, der sich zur selben Zeit in Venedig aufhielt. Wahr ist wohl auch, dass der Philosoph Byron nie getroffen hat, was er sein ganzes Leben lang bedauert haben soll. Der Rest ist - mehr oder weniger, siehe oben - der Fantasie Poschenrieders zu verdanken und seinem Talent zum Geschichtenerzählen. Bitte mehr davon! Die Gebrauchsanweisungen für Computersoftware sollen gefälligst andere schreiben.
Helga Kurz
24. Februar 2010