Anno 1908 hatte der Journalist Arthur Brehmer eine Idee: Er bat 22 damals berühmte Zeitgenossen um ein Essay, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellten. Die Zeitgenossen ließen sich nicht lange bitten. So weit, so üblich im Genre. Was den besonderen Reiz dieser Ausgabe ausmacht, das ist natürlich zunächst einmal die Verlockung festzustellen, wer der Herren und Damen richtig geraten hatte -- denn erfahrungsgemäß sind "seriöse" Zukunftsprognosen allerhöchstens für die nächsten 30 Jahre möglich, wenn überhaupt. Hinzu kommen die vielen Illustrationen von Ernst Lübbert; ein eigenwillig-sanfter Gründerzeit-Stil mit einem Hauch Jugendstil. Man braucht kein Fan dieses Stils zu sein, denn Dutzendware ist das hier nicht.
Freilich: Wenn Sie die Lübberts sehenswerten Illustrationen interessieren, dann sollten Sie lieber zur weitaus attraktiveren Hardcover-Variante greifen.
Was nun die vielen Essays angeht: Da findet man das ganze literarische Spektrum, von der unfreiwilligen Realsatire über frischgezapften bierernsten Nationalstolz bis hin zur allerfeinsten Satire, inclusive diverser Abstufungen und Schattierungen.
Die herrlichste unfreiwillige Satire liefert der Professor Cesare Lombroso zum Thema "Verbrechen" im weitesten Sinne. Allein schon sein -- ernstgemeinter! -- Umgang mit statistischen Daten und Zahlen ist ein Juwel der Hochkomik; eine Wissenschaftssatire comme il faut. Dumm nur, dass der Herr Professor das ernstgemeint hat.
Eine richtig feine Satire hingegen, mit zeitgenössischen Sticheleien wider Teile der Frauenbewegung, die zielsicher übers Ziel hinauszuschießen pflegten, liefert hingegen Ellen Key.
So ziemlich den grusligsten Nationalstolz liefern ein gewisser Mister Frederik Wolworth Brown, dessen Begeisterung über "Die Schlacht von Lowestoft" von heutigen Lesern noch nichtmal als Realsatire verdaut werden kann, oder auch Karl Peters' trauerumflorter (hihihi) Rückblick auf verlorene Kolonien. Nunja -- von diesem, öhöm... umstrittenen Herrn war wirklich nichts Humanes zu erwarten. Es gibt noch mehr von der Sorte; man kann in ihnen viel erfahren über den Zeitgeist gewisser Kreise anno 1908 nicht nur hierzulande. Zu mehr taugen sie nicht.
Von seiner Zeit völlig unbeeinflusst ist freilich keiner, nur waren auch damals bereits manche Leute gescheiter als andere. Daher ist es auch kein Wunder, dass die Namen einiger Autoren heute noch vielen geläufig sind (z.B. Bertha von Suttner, Ellen Key, Björne Björnson), andere hat man vielleicht schonmal in irgendeinem Kontext gehört (aber in welchem...), und wieder andere dürften den meisten von uns zum ersten- und letztenmal begegnen. Liest man die Essays, dann ahnt man auch, wieso; Ausnahmen bestätigen die Regel.
Die Lektüre lohnt sich also teilweise -- vorausgesetzt, man kann Fraktur lesen.
So also stellten sie sich damals die herrliche Zukunft vor -- denn die meisten waren Optimisten. Beneidenswert... Das scheint tatsächlich eine ganz andere Zeit gewesen zu sein. Die meisten Prognosen treffen zwar eher ins Kunterbunte als ins Schwarze, aber mal ehrlich: Hätten Sie was anderes erwartet? Stellen Sie sich doch mal vor, was unsere wissenschaftliche Hautevolée in Sachen "Die Welt in 100 Jahren" (30 Jahre würden wahrscheinlich genügen fürs Experiment) verfassen würde, und wie sich die Leser in 100 Jahren schieflachen würden. Prognosen dieser Art verraten nunmal prinzipiell mehr über die Welt ihrer Verfasser als über ihr prophetisches Talent. Die gelegentlichen Ausnahmen bestätigen diese Regel: Der Chemiker Hudson Maxim etwa weist sogar darauf hin, dass und warum solche Zukunftsprognosen stets relativ sein müssen -- im Gegensatz zu fast allen anderen Autoren. Freilich bewahrt das auch ihn nicht vor grandiosen Fehlgriffen. Aber andere seiner Überlegungen, bis hin zu Kern- und Sonnenenergie, sind doch erstaunlich; hier erkennt man den Naturwissenschaftler mit Bodenhaftung. Ähnliches gilt für Robert Sloss -- zwar stilistisch ganz anders, mit (unerfüllten) literarischen Ambitionen, aber einiges liest sich dennoch beeindruckend; etwa wenn "jeder sein eigenes Taschentelephon haben" wird, oder wenn das Instrumentarium in seinen Szenen an das Internet im Allgemeinen und an Online-Shops, YouTube oder Videokonferenzen im Besonderen erinnert.
Zufall, dass die beiden treffendsten Essays den Band einleiten? Ich glaube, dass ja. Und wie gesagt: Prophezeiungen verraten stets mehr über die Gegenwart der Verfasser als über die prophezeite Zukunft. Was das betrifft, verraten die Essays doch so einiges über die Welt, in der die europäischen oder nordamerikanischen Autoren lebten -- genauer: über ihre verschiedenen Weltbilder. Die Ansichten von Bertha von Suttner und Karl Peters beispielsweise hatten sicher keine nennenswerten Ähnlichkeiten aufzuweisen.
Alles nicht uninteressant.
Aber etwas Sinnvolles fehlt, und das ist ein klitzekleiner Anhang für uns heutige Leser. Wenigstens ein Anhang mit Kürzestbiographien der Autoren wäre kein Luxus. Da zumindest einige Essays nicht dumm sind, wären auch längere Erläuterungen zum historischen und/oder soziologischen Hintergrund mehr als nur schmückendes Beiwerk: Robert Sloss bezieht sich offensichtlich darauf, dass der Polarforscher Frederick Cook soeben beanspruchte, als Erster den Nordpol erreicht zu haben -- und auch die Vorbereitungen in Richtung Südpol liefen bereits auf Hochtour. Oder Bertha von Suttners en-passant-Erwähnung weltpolitischer Krisen ihrer Zeit (darunter Marokkokrise 1905/06, Balkankrise nach der Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn 1908). Dito ihre Seitenhiebe auf zeitgenössische Marotten bei wissenschaftlichen Vorträgen -- erkennt die heutzutage noch jeder? Ähnliches gilt für die Sticheleien der Reformpädagogin Ellen Key in Richtung der radikalen Frauenbewegungs-Flügel jener Zeit. Oder die Euphorie, die die soeben entdeckte Wirkung von Radium auch bei so manchem seriösen Medizinern erregte, oder die anfangs des 20. Jahrhundert spektakuläre Fehlannahme, die Neigung zu Verbrechen sei genetisch bedingt... Oderoderoder. Freilich kann man das auch selbständig recherchieren. Aber beim etwas lieblosen Taschenbuch-Reprint eines Essaybandes von 1908, dessen Autoren vor 100 Jahren mehr oder weniger geistreich versuchten, unsere Gegenwart auszumalen, wäre das sinnvoll gewesen.
Dann wären auch für interessierte Leser, die beispielsweise mit den Namen Bertha von Suttner, Karl Peters, Ellen Key, Hermann Bahr oder Björne Björnson nichts anfangen können (das dürften die bekanntesten sein), geschweige denn mit den Anspielungen und Hintergründen, deren Essays noch interessanter. Deswegen bleibt das Werk, obwohl es im ersten Moment eindrucksvoll daherkommt, leider Stückwerk.